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Ständig online: Warum Surfen lassen besser ist als Verbote

27. Jänner 2019, 08:00

Kinder verbringen immer mehr Zeit online. Experten sprechen sich gegen Zeitlimits und Verbote aus, wichtig ist die Begleitung durch die Eltern

Ein leicht bläulicher Schein im Gesicht der Kinder, gesenkte Lider und nicht vorhandene Ansprechbarkeit – diese Situation kennen viele Eltern. Laut den aktuellsten international vergleichbaren Zahlen im OECD-Raum haben heute neun von zehn 15-Jährigen Zugang zu Smartphones, mit steigender Tendenz. Mehr als 18 Stunden verbringen sie im Schnitt wöchentlich online. Laut einer im Fachblatt Wiener klinische Wochenschrift veröffentlichten Studie unter Tiroler Schülern ergibt sich gar eine durchschnittliche Nutzung elektronischer Medien von über zehn Stunden pro Tag. Ein knappes Drittel gibt an, ohne Smartphone nicht leben zu können. Das Onlinesein hat ein noch nie dagewesenes Ausmaß erreicht, und Eltern fragen sich, wie sie damit umgehen sollen.

Initiativen wie "Schau hin", ein Projekt des deutschen Familienministeriums, empfehlen Eltern strenge Zeitlimits für die Mediennutzung. Orientierung soll etwa folgende Faustregel bieten: zehn Minuten Medienzeit pro Lebensjahr am Tag. Dabei soll eine Eieruhr neben dem Bildschirm helfen. In Großbritannien forderten Politiker offizielle Richtlinien zur Bildschirmzeit. Auf den ersten Blick klingen Zeitempfehlung hilfreich, denn für besorgte Eltern scheint ein klares Limit eine praktikable Lösung, um die Mediennutzung einzudämmen.

Keine wissenschaftlichen Beweise

Doch immer mehr Experten sprechen sich gegen Stundenempfehlungen bei der kindlichen Online-Mediennutzung aus. Psychologin Birgit U. Stetina, Vorstän- din der psychologischen Ambulanz der Sigmund-Freud-Privatuniversität (SFU) in Wien, weigert sich, Angaben zur Einhaltung einer Mindestbildschirmzeit pro Tag zu machen, denn: "Wissenschaftlich gesehen hat die Anzahl der Stunden keinen Einfluss darauf, ob jemand abhängig wird oder nicht." Die Psychologin ist gegen das grundsätzliche Verdammen der digitalen Medien.

Ähnlich sehen das auch amerikanische und europäische Psychologen und Neurowissenschafter, die in einem offenen Brief in der britischen Zeitung Guardian betonten, dass es keine Belege dafür gebe, dass Bildschirme gefährlich sind. "Der Fokus auf die Quantität der Bildschirmnutzung ist nicht hilfreich", schreiben die Experten. Das Konzept der Bildschirmzeit sei zu simpel und wohl bedeutungslos.

Mutproben, Sexting und Shitstorms

Natürlich birgt das Online-Sein Gefahren wie Cyberbullying, Sexting oder Shitstorms. Problematisch sind auch online verbreitete Mutproben, wie erst vor kurzem der Hashtag BirdBoxChallenge zeigte: Menschen filmten sich dabei, wie sie mit Augenbinde umherirrten und sich dabei fast verletzten. Multiplayer-Onlinespiele sind als alleinige Freizeitbeschäftigung nicht ideal, und Studien machen soziale Medien für psychische Probleme bei Teenagern verantwortlich.

"Verbote sind aber nicht sinnvoll. Sie führen dazu, dass Dinge geheim gemacht werden. Das Internet ist da, und es wird auch nicht weggehen", so Stetina. Daher hätten Erwachsene die Pflicht, sich dem Wohlbefinden ihrer Kinder zuliebe, damit auseinanderzusetzen, was sie im Internet machen. Dazu gehört auch regelmäßiges Informieren darüber, welche Apps und Plattformen es gibt, denn die neuen Medien sind schnelllebig.

Der Zweck zählt

Wird ein Kind mit altersinadäquaten Inhalten konfrontiert, sollte man darüber sprechen. Entscheidend ist, zu welchem Zweck etwa ein bestimmtes Spiel gespielt wird. Daher fokussieren Forschungen derzeit darauf, welche Motivation hinter der Onlinenutzung steckt. "Das einzig Problematische ist, wenn ein Kind oder ein Jugendlicher immer durch das Spiel aus der Realität flieht", so die Psychologin. Spiele können andererseits aber auch soziale Kompetenzen fördern: Koordinationsfähigkeit, Teamwork oder Managementstrategien, die im späteren Leben helfen können.

Recht auf Meinungsäußerung

Gewiss sind Kinder auf sozialen Plattformen auch Eingriffen in ihr Privatleben ausgesetzt, doch sie haben ein Zugangsrecht zu sozialen Netzwerken. Kinderschutz und neue Medien waren daher vergangene Woche Thema einer Tagung, veranstaltet von der SFU, der Interdisziplinären Gesellschaft für Komparatistik und Kollisionsrecht (IGKK) und der Österreichischen Gesellschaft für Familien- und Vermögensrecht (ÖGFV), bei der Experten auf den rechtlichen Aspekt der freien Meinungsäußerung aufmerksam machten.

"Plattformen wie Facebook oder Instagram dürfen Kinder und Jugendliche nicht ausschließen, nur weil sie besonderen Schutzbedarf haben und somit mühsam sind", so Florian Heindler von der IGKK, der die diskutierte Anhebung des Mindestalters für Online-Plattformen als Reaktion auf die Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) kritisch sieht. Er ortet dahinter eher ökonomische als vom Schutzgedanken getragene Gründe. In der UN-Kinderrechtskonvention steht klar, dass Kinder ein Recht auf Teilnahme an sozialen Medien haben. Auch die Empfehlungen des Europarats behandeln die Rechte des Kindes im digitalen Umfeld im Abschnitt "Access to Digital Environment", wonach ihnen ein Recht am Diskurs in sozialen Netzwerken zusteht.

Kontakt halten: online und offline

Aber wie finden Eltern einen guten Zugang zum Nachwuchs? Online-Kontakt mit den Kindern, etwa über Facebook oder Instagram, kann dabei hilfreich sein. Eine gemeinsame Regelung, in welchem Ausmaß es andere Aktivitäten im Alltag geben sollte, ist zielführender als Verbote, meinen Experten. Wichtig ist, dass Kinder nebenbei Freunde treffen, Sport machen, auf Ernährung und Hygiene achten und den Alltag bewältigen.

Allerdings sei es in der Pubertät zulässig, dass ein Teenager sich einige Wochen intensiv mit einem Thema beschäftigt und eine gewisse Zeit keine Freunde treffen will, so Stetina. Übrigens: Wer von seinen Kindern hört: "Mama, du starrst schon wieder auf dein Handy", sollte die eigene Vorbildwirkung überdenken. (Marietta Adenberger, 26.1.2019)