Werner Dedl

Zeitkapsel für das Wissen der Menschheit

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1. Februar 2019, 07:00

Tief im Hallstätter Salzberg baut Martin Kunze ein Archiv auf, um ein Abbild unserer Gesellschaft zu sichern. Gespeichert wird auf Keramikkacheln – die selbst eine Apokalypse überdauern sollen

Der Schatz im Salzberg: Martin Kunze, Archivar des Memory-of-Mankind-Speichers, auf Kisten voller Keramiktafeln.
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Eine tönerne Scheibe von etwa sieben Zentimeter Durchmesser: Sie soll zukünftigen Archäologen den Weg zum Erbe der Menschheit weisen. "Token" nennt Martin Kunze die Scheiben, was so viel wie Wertmarke oder, in der IT-Fachsprache, eine Berechtigung für den Zugriff auf Daten bedeutet. Auf beiden Seiten sind geografische Karten eingraviert, versehen mit kryptischen Linien und Zeichen. Ein wenig erinnern die Scheiben an die Golden Records, die 1977 mit den Voyager-Sonden ins All geschickt wurden. Auf deren Oberfläche befinden sich verschiedene Symbole, die allfälligen interstellaren Lebensformen ermöglichen sollen, die Botschaften von der Erde zu dekodieren.

Nachricht an die Zukunft

Die Ähnlichkeit kommt nicht von ungefähr: Ein Token ist eine Nachricht an die Zukunft, so etwas wie eine Schatzkarte, die – mit ein wenig Tüfteln und Kenntnissen über Geologie und Koordinatensysteme – verschiedene Landmarken zeigt, um die exakte Lage eines ganz speziellen Archivs bestimmen zu können, nämlich die des Projekts Memory of Mankind, kurz MOM.

Ein Token als Schatzkarte: Die Karte auf der Vorderseite dient einer groben Standortbestimmung, die Rückseite weist den Weg zum MOM.
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Wer die Schatzkarte richtig entziffert, wird zur Salzmine von Hallstatt geleitet – einem der ältesten Salzbergwerke der Welt, das schon jetzt als bedeutende archäologische Fundstätte dient. Etwa 500 Meter tief im Berg baut Martin Kunze seit 2012 ein Depot menschlicher Zeugnisse auf. Dieses Lager soll Atomkriege, Asteroideneinschläge, Pandemien und andere fatale Katastrophen überdauern – oder es schlicht unseren Nachkommen ermöglichen, sich ein Bild von unserer gegenwärtigen Zivilisation zu machen.

Gelagert werden hier nicht etwa Festplatten oder andere digitale Speichermedien, sondern richtig feste Platten: bedruckte Keramiktafeln. "Keramik ist eines der langlebigsten Materialien", sagt Kunze, der ein Keramikstudium an der Kunstuniversität Linz hinter sich hat. "Es hält Temperaturen von bis zu 1200 Grad aus und ist licht- und säurebeständig. Wasser, Chemikalien und Korrosion können ihm nichts anhaben. Es kann nur zerbrechen." Aber mit Scherben können Archäologen ja etwas anfangen.

Gegen das "globale Alzheimer"

Die Keilschrift auf den Tontafeln der Sumerer ist schließlich nach 5000 Jahren noch immer gut lesbar. Das kann man von Papier, Magnetbändern oder gar Daten auf Floppy-Disks, CDs und anderen Medien, die im schnelllebigen Digitalisierungszeitalter längst auf dem Datenfriedhof gelandet sind, nicht behaupten. Und auch in Zukunft werden automatische Löschalgorithmen dafür sorgen müssen, dass die immer mehr Energie verschlingenden Serverfarmen regelmäßig abspecken, ist Kunze überzeugt. Die Folge, so befürchtet er: "Globales Alzheimer."

Aus der Zeit gefallen: Keramikfliesen, in Tonkisten eingeschlichtet wie Vinyl-Singles, als Schnappschuss unserer Zeit.
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Sein Gegenmittel sind 20 mal 20 Zentimeter große Fliesen, bedruckt mit keramischen Farbpartikeln, die wie beim Laserdruckverfahren aufgetragen, gebrannt und glasiert werden. Bis zu 50.000 Zeichen passen auf diese Tafeln. Es werden drei Kategorien von Inhalten gesammelt, "um ein konsistentes Bild unserer Wirklichkeit einzufangen", wie Kunze erklärt.

Verzeichnis für Atommüll

Zum einen soll ein automatisiertes System täglich Leitartikel relevanter Medien und Blogs aus aller Welt speichern, viele haben ihre Teilnahme bereits zugesagt. Zweitens können Organisationen, Verlage und wissenschaftliche Institutionen das MOM als Langzeitarchiv nutzen. Schon jetzt bannt die Universität Wien preisgekrönte Dissertationen und wissenschaftliche Arbeiten auf Keramik. Das Kunst- und das Naturhistorische Museum Wien bewahren hier Aufzeichnungen über ihre wichtigsten Stücke auf.

Kunze hat aber noch ein anderes Anliegen: "Wir können im MOM sämtliche Lagerstätten radioaktiver und anderer toxischer Stoffe dokumentieren", sagt Kunze, der den Atommüllexperten und ehemaligen Chefkoordinator der Nuclear Energy Agency der OECD, Claudio Pescatore, zu seinem Team zählt.

Auf keramischen Mikrofilmen können bis zu fünf Millionen Zeichen gespeichert werden.
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Die dritte Kategorie an gesammelten Inhalten sind private Beiträge, die derzeit vorherrschende Quelle des Erinnerungsdepots. Jeder, der will, kann über eine Onlinemaske kostenlos jegliche Kurztexte einsenden. Um 350 Euro können Österreicher eine ganze Fliese mit Text und Bild gestalten und bekommt ein Duplikat dazu. Der Preis variiert und hängt vom Pro-Kopf-Einkommen des jeweiligen Landes ab, aus dem der Beitrag kommt.

Etwa 600 Kacheln lagern derzeit nummeriert, kategorisiert und in gelbe Tonkisten eingeschlichtet im Salzbergwerk. Darin sind komplexe Theorien genauso wie Liebes- und Lebensgeschichten, Ortschroniken und Hochzeitsfotos eingebrannt. David Hasselhoff hat ebenso einen Eintrag wie Nena und Edward Snowden. Kunzes neueste Entwicklung sind keramische Mikrofilme. Auf die dunklen, durchscheinenden Plättchen, die dasselbe Format wie die Fliesen haben, passen bis zu fünf Millionen Zeichen oder fünf 400-Seiten-Bücher.

Sammelsurium für die Zukunft

Das wilde Sammelsurium ist durchaus beabsichtigt: "Ziel ist es nicht, eine Wikipedia für die Ewigkeit zu schaffen, sondern die Geschichte von unten erzählen", sagt Kunze. "Es soll ein Schnappschuss unserer Zeit sein." Wichtig ist Kunze dennoch die wissenschaftliche Herangehensweise: Das Archiv soll künftigen irdischen und außerirdischen Adressaten nicht nur zeigen, wie wir gelebt haben, sondern auch, wie wir zu Wissen gekommen sind. "Es geht nicht darum, Gravitationswellen zu beschreiben, sondern mit welchen Mitteln sie entdeckt wurden", gibt er ein Beispiel. Ein Bildwörterbuch soll außerdem Linguisten der Zukunft erleichtern, unsere Schriften und Sprachen zu entschlüsseln.

Tief im Bergwerk soll das Archiv irgendwann vom Salz versiegelt werden.
foto: werner dedl

Derzeit ist der unkonventionelle Wissenskünstler unermüdlich auf der Suche nach Partnern und Geldgebern, tingelt zu Konferenzen in aller Welt. Für den Herbst plant Kunze, unterstützt vom Wissenschaftsministerium, vom Human Document Project der Uni Freiburg und von der Uni Wien, ein "Debatival" zu veranstalten: Unter dem Titel "Here and now – What does the future need to know?" will er Diskussionen über das digitale Vergessen anstoßen.

Salz als Siegel

Kunze selbst hat vorgesorgt: Mit der Salinen Austria AG, Eigentümerin des Salzbergwerks, hat er einen Vertrag für die Ewigkeit geschlossen. Geplant ist, das Archiv in eine fünf mal fünf mal fünf Meter große Kammer in zwei Kilometer Tiefe im Salzberg zu verlagern und zu einer Zeitkapsel zu versiegeln. Den Rest erledigt der Berg. "Das Salz breitet sich ständig im Berg aus, fließt langsam in die Hohlräume und verschließt sie."

Bleibt nur noch, dass die Wegweiser dahin, die Tokens, sorgfältig aufbewahrt und von Generation zu Generation weitergegeben werden. Kunzes Vision: Beginnend mit 2070 sollen sich die Besitzer eines Tokens alle 50 Jahre zusammentun und darüber entscheiden, wie mit dem Archiv weiter zu verfahren ist. Wie genau das passieren soll, ist noch unklar.

Fest im Berg eingeschlossen könnte das MOM Millionen Jahre überdauern, sagt Kunze. "Sofern die Alpen nicht erodieren." Und zumindest ein Token überlebt. (Karin Krichmayr, 1.2.2019)

Video über das Projekt.
sam lowry

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Memory of Mankind

Wissen

Wissenschafter und Archivare machen sich schon längst Gedanken darüber, wie man das menschliche Wissen bis in eine ferne Zukunft bewahren könnte, sei es auf der Erde oder auf dem Mond, dem Mars oder anderswo im Weltall. Angesichts exponentiell ansteigender Datenmassen und der Fragilität digitaler Formate, die mit einem Schlag durch einen massiven Solarsturm oder andere Katastrophen verlorengehen könnten, wird nach verschiedenen Möglichkeiten gesucht. Hier eine kleine Auswahl:

Gedächtnis im All
Die Long Now Foundation entwickelte angelehnt an den Stein von Rosetta die Rosetta Disk: In die Scheibe aus einer Nickellegierung sind Informationen über mehr als 1000 Sprachen eingeätzt. Ein Exemplar davon wurde 2016 mit der Raumsonde Rosetta auf dem Kometen 67P/Tschurjumow-Gerassimenko abgesetzt. Die Arch Mission Foundation verwendet optische Hochleistungsspeicherkristalle und hat bereits 2018 eine "Solar Library" an Bord von Elon Musks Falcon-Testflug ins All geschickt.
foto: rosetta project
Superspeicher im Erbgut
Würde man alle Daten der Welt in einen DNA-Speicher packen, hätten sie in einem großen Auto Platz – so das verlockende Versprechen. Forscher haben bereits demonstriert, dass sich der übliche Binärcode digitaler Daten in den vierteiligen Code der DNA-Basen A, T, G und C übersetzen lässt. Damit kann man gewaltige Datenmengen in einem Material ablegen, das gefriergetrocknet Jahrtausende überdauert.
foto: reuters
Saatgutarchiv im ewigen Eis
Bereits seit mehr als zehn Jahren wird im Svalbard Global Seed Vault auf Spitzbergen Saatgut aus aller Welt gebunkert. Mit dieser Bibliothek, die derzeit mehr als eine Million Samen enthält, soll die Artenvielfalt über Kriege und Naturkatastrophen hinweg erhalten und die Ernährung der Zukunft sichergestellt werden. Doch der Klimawandel setzt schon jetzt dem Archiv zu. (kri)
foto: apa/afp/ntb scanpix/heiko junge