Foto: Johann Feilacher

"Rohe" Kunst aus Gugging

3. Februar 2019, 11:00

Maria Höger arbeitet an der Rezeptionsgeschichte der Gugginger Art brut

Wer sich mit Kunst beschäftigt, die unter Kategorisierungen wie Art brut oder Outsider-Art wahrgenommen wird, landet unweigerlich in Gugging", sagt Maria Höger. Ihr Weg führte über ein Kunstpädagogik- und Kunstgeschichtestudium in München an diesen sehr speziellen Ort der Kunstproduktion. August Walla, Oswald Tschirtner oder Johann Hauser – "das Gugginger Dreigestirn der ersten Stunde" – haben hier gelebt und ihre unvergleichlichen Bilder geschaffen. Mittlerweile hängen ihre und viele andere Gugginger Werke in Museen und Galerien auf der ganzen Welt.

Art brut ist der Begriff, mit dem man diese Kunst etikettiert, auf Deutsch: "rohe Kunst". In ihrer Dissertation an der Akademie der bildenden Künste Wien will Maria Höger unter anderem herausfinden, wie sich diese sprachliche Schubladisierung auf die Rezeption der Kunst aus Gugging auswirkt. "Mich interessiert, durch welche Mechanismen diese Kunst vom zeitgenössischen Kunstbetrieb abgegrenzt wird", sagt die 31-jährige Kunsthistorikerin aus Bayern, die auch als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Donau-Universität Krems tätig gewesen ist.

Antworten auf diese Fragen erhofft sie sich vom umfangreichen Fundus an dokumentarischen Archivmaterialien, den Leo Navratil, Psychiater, Entdecker und Förderer der ersten Künstlergeneration aus Gugging, seit Ende der 1950er-Jahre aufzubauen begonnen hat und der in Gugging nach wie vor gepflegt beziehungsweise erweitert wird. Die erste Ausstellung von Werken Gugginger Künstler in der Wiener "Galerie nächst St. Stephan" im Jahr 1970 löste eine anhaltende Begeisterungswelle unter "normalen" Künstlern aus, Zeitungen berichteten von der "Kunst der Verrückten" und fragten rhetorisch, ob diese Bilder denn Kunst seien.

Diskriminierende Sprache

"Schon die Sprache vieler Presseberichte war auf eine Weise diskriminierend, wie man es sich heute kaum noch vorstellen kann", berichtet Maria Höger. "In ihr spiegelt sich die Ausgrenzung, die auch in der Gesellschaft stattgefunden hat." Ein halbes Jahrhundert später hat sich die Situation geändert: "Allmählich kommt ein Loslösungsprozess von den alten Kategorisierungen und Zuschreibungen in die Gänge", sagt die Kunsthistorikerin. Mittlerweile bemühe man sich um ein Nebeneinander auf Augenhöhe, verfolge immer häufiger inklusive kuratorische Konzepte. "Aber eine Selbstverständlichkeit ist das noch immer nicht im Kunstbetrieb." Auch die neuere Klassifizierung als "Outsider Art" ändere nicht viel am alten Problem. Wer entscheidet denn, wer ein Außenseiter ist? Was bewirkt der Begriff und wie verändert er den Blick des Betrachters?

"Es gibt keine Outsider-Literatur, keine Outsider-Poesie, keine Literatur brut und keine Außenseiter-Musik. Warum gibt es eine Outsider-Art?", fragt sich etwa der Schweizer Kunsthistoriker und Kurator Daniel Baumann, auf den sich Maria Höger in ihrer Dissertation, die vom Land Niederösterreich gefördert wird, immer wieder bezieht. Mit ihrer Arbeit über die Rezeption der Kunst aus Gugging und dem Versuch einer begrifflichen Neuordnung von Art brut liefert sie kritische Einblicke in den mit vorurteilsbehafteten Einstufungen gepflasterten Raum zwischen Kunstwerk, Künstler, Kurator und Publikum. (grido, 3.2.2019)