Foto: Saeed Adyani/Netflix

Luke und Co in "Gilmore Girls": Fürsorge im Flanellhemd

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6. Februar 2019, 07:00

Die alte Serie wartete mit ziemlich neuen Versionen von Männlichkeit auf – und ist damit um Längen feministischer als viele der aktuell als solche feilgebotenen Serien

Als 2016 die Fortsetzung der Nullerjahre-Serie "Gilmore Girls" herauskam, gaben sich nachträglich viele als Fans zu erkennen. Haarklein wurden die endlosen Popkulturzitate auf ihre Bedeutung hin seziert und die Vielfalt der weiblichen Charaktere abgefeiert. Die Begeisterung ist mittlerweile abgeflaut, und inzwischen gibt es Serien mit "starken weiblichen Charakteren" – wie auf Netflix eine eigene Kategorie heißt – zum Saufüttern. Doch während die Unterhaltungsindustrie empowerte Frauen als Verkaufsschlager entdeckt, hapert es bei den Charakteren für Männer noch. Dabei könnten die derzeit so oft gescholtenen weißen männlichen Privilegienritter neue Role-Models doch gut gebrauchen.

Kochen und kümmern

Die fast zwanzig Jahre alte Serie (Start war im Jahr 2000) hat hinsichtlich origineller Männerrollen schon einiges vorgelegt. Nehmen wir Luke. Die Sorge um das leibliche Wohl war lange das Metier von Frauen. Doch bei den Hauptprotagonistinnen Lorelei und Rory kann die Küche dank Luke kalt bleiben. Er versorgt sie in seinem Diner stets mit reichhaltigem Essen, Muffins und Kaffee.

Während sich die Rolle von Männern in der Küche im TV momentan auf rhetorisch sattelfeste Spitzenköche reduziert – Stichwort "Chef’s Table" –, gibt sich Luke unprätentiös ob seines kulinarischen Könnens. Und der gute Luke kocht und kümmert sich auch außerhalb seines Ladens weiter. Dort, wo es keiner sieht und wo es kein Geld dafür gibt. Showkochen ist wirklich nicht seins, und wir lernen: Holzfällerhemd und Fürsorge ist kein Widerspruch.

libby ran

Ähnlich verhält es sich mit Rorys Freunden. Dean ist ein herzensguter erster Boyfriend, der ihre intellektuelle Leistung ausgesprochen bewundert – und das auch laut ausspricht. Und selbst der anfängliche Bad Boy Jess entpuppt sich letztendlich als feinsinnig gegenüber jeglichem Machogehabe, wie es eigentlich nur Rorys dritte Liebe in der Serie an den Tag legt: der reiche Erbe Logan.

Gut, die anderen Burschen raufen schon mal in der einen oder anderen Folge aus unerfindlichen Gründen, kritisieren "Buzzfeed"-LeserInnen auch unangenehme Momente der Serie, die es fraglos gibt. Doch das sind Ausnahmen, grosso modo werden mit Schmäh alte Narrative von Männlichkeit gegen den Strich gebürstet – und Ansprüche an Frauen hinterfragt.

Papatipps und Babysitterprobleme

Gil zum Beispiel – zweiter Gitarrist von Hep Alien, der Band von Lane, der besten Freundin von Rory – bringt sein Kind mit zur Bandprobe, weil er keinen Babysitter gefunden hat. Lücken in der Kinderbetreuung? Das ist ebenso selbstverständlich Männersache wie gute Tipps für den Bandkollegen und werdenden Vater Zack in Sachen Säuglingspflege.

Zack plagt die Frage, ob nun stillen oder die Flasche besser wäre. Beides voll okay, erzählt Gil aus seinem reichen Wissensvorrat als Vater sowohl von Still- als auch von Flaschenkindern – den erhobenen Zeigefinger lässt er stecken. Und noch bevor Frauen die Stirn in Runzeln legen könnten, weil hier zwei Männer das Thema Stillen oder Nichtstillen besprechen, schiebt Gil als Vorteil der Flasche nach: "Da kann die Mutter rauchen, trinken und Tacos essen, so viel sie will." Das ist mal Empathie, Alter! (Beate Hausbichler, 6.2.2019)


Info

Die Reihe "Idealbesetzung" stellt neue, alte oder zeitlose Figuren aus der Popkultur vor, die unkonventionell, emanzipatorische Role-Models oder aus anderen Gründen besonderer Beachtung wert sind.

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