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Grammys wollen sich von weißer männlicher Dominanz verabschieden

8. Februar 2019, 07:00

Am Sonntag werden zum 61. Mal die Grammys vergeben. Nach Kritik an der männlichen Dominanz ist der Musikpreis heuer weiblich geprägt

Die USA feiern im Februar den Black History Month. Ursprünglich "Negro History Week" genannt, gedenkt das Land damit seit 1926 dem Einfluss der afrikanischen Diaspora auf seine Kultur und Gesellschaft. Der Termin ist den Geburtstagen dreier Männer geschuldet, die für die Abschaffung der Sklaverei und die Gleichberechtigung von Afroamerikanern Großes geleistet haben: Abraham Lincoln, Frederick Douglass und Langston Hughes.

Seit 1976 werden ebenfalls im Februar die Grammys vergeben. Der Grammy ist der wichtigste Preis der Musikindustrie. Doch ausgerechnt dort schlagen sich die Verdienste der afroamerikanischer Kultur nicht nieder. Dabei ist schwarze Musik die Keimzelle fast jeder populären Musikform des 20. Jahrhunderts. Nina Simones 1970 erschienene Hymne an "young, gifted and black" scheint nur noch ein leises Echo zu sein, dabei hat Hip-Hop in Amerika Rock als meistgehörte Musik abgelöst.

Karotte vor der Nase

Die Grammys gaben sich davon weitgehend unbeeindruckt. Das resultierte in Protesten, als im Vorjahr wieder überwiegend weiße Künstler, weiße männliche Künstler, ausgezeichnet wurden. Inmitten eines gesellschaftlichen Klimas, dessen Ungleichheit die Bewegungen Black Lives Matter und #MeToo anklagten. Der Druck wurde so groß, dass die Grammys einlenkten.

Wenn sie am Sonntag in Los Angeles zum 61. Mal vergeben werden, sind so viele schwarze Künstler nominiert wie noch nie. Zwar gab es das schon öfter, dass man schwarzen Künstlern die Trophäe wie eine Karotte vor die Nase gehalten hat, nach Hause mitgenommen, bemängeln viele Kritiker, hätten sie dann doch meist weiße Acts. Nun hat sich einiges geändert.

Traditionell minderheitenfeindlich

In 84 Kategorien wird die Trophäe in Form eines goldenen Grammophons verliehen. In den vier Hauptkategorien "Album des Jahres", "Aufnahme des Jahres", "Song des Jahres" sowie "Bester neuer Künstler" wurde die Zahl der Nominierungen von bisher fünf auf acht erhöht, darunter befinden sich heuer überwiegend Frauen.

Seit 1959 wurden nur 23 Prozent Frauen ausgezeichnet. Diese müssten sich halt besser bemerkbar machen, sagte Neil Portnow im Vorjahr. Portnow ist Präsident der Recording Academy, die hinter den Grammys steht – er soll heuer abtreten. Die rund 12.000 Wahlberechtigten der Recording Academy sind mehrheitlich Männer, auch das soll sich künftig ändern.

Latin Grammys als Ghetto?

Die Grammys gelten innerhalb einer vielfältigen Musiklandschaft fast schon traditionell als minderheitenfeindlich. Das führte Ende der 1990er zur Etablierung der Latin Grammys. Das sahen viele als Erfolg an. Schließlich boten die Grammys lediglich fünf Kategorien für die bis heute boomende lateinamerikanische Musik an.

Kritiker sprachen hingegen von einer sich in die Musikwelt fortsetzenden Ghettoisierung. Selbst wenn manche Musiker ihre Nominierungen kritisch kommentierten oder den Preis gar nicht abholten, für Minderheiten besitzt ein Grammy eine andere Wertigkeit. Er zeugt von der Anerkennung eines Ist-Zustands in der Gesellschaft und dem Musikgeschäft.

Lustwandlen im Louvre

Von US-Präsident Donald Trump und seinen rassistischen Entgleisungen wurde die Grammy-Verleihung im Vorjahr schon zusätzlich politisch aufgeladen. Wie sehr zeigt sich heuer in der Kategorie "Bestes Musikvideo des Jahres". Hier sind fünf afroamerikanische Künstlerinnen und Künstler nominiert; und alle behandeln Themen der Gleichberechtigung, Rassismus und die in ihm begründete Gewalt.

Childish Gambino mit This Is America, Joyner Lucas mit I‘m Not A Racist, einem fast schon als Spoken-Word zu bezeichnendem Track. Tierra Whack mit Mumbo Jumbo. Janelle Monáe wirft mit ihrem Video zu Pynk ein kleines Manifest für die sexuelle Freiheit in all ihrer Diversität in den Topf. Und dann sind da noch Beyonce und Jay-Z nominiert, das First Couple des Hip-Hop.

Grammy-nominiert: Das Video Pynk von Janelle Monáe.
janelle monáe

Als The Carters lustwandlen sie im Video Apeshit durch den Pariser Louvre. Die freundliche Übernahme dieses Tempels der weißen Kunst lässt sich als Empowerment lesen – oder schlicht als Beschreibung einer Normalität, in der reiche Schwarze längst den selben Genüssen nachgehen wie Weiße mit demselben Kontostand.

Preis für Dollys Dollywood

In den erwähnten Hauptkategorien finden sich schwarze Künstler wie der bereits mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichnete Kendrick Lamar mit insgesamt acht Nominierungen, Rap-Star Drake liegt mit sieben Nominierungen knapp hinter ihm, daneben finden sich die Krawall-Nudel Cardi B oder der weiße Rapper Post Malone im Feld.

Moderiert wird der Abend für rund 40 Millionen TV-Seher von R‘n‘B-Star Alicia Keys, einen Ehren-Grammy bekommt Dolly Parton. Die 73-jährige Country-Sängerin wird als "Person of the Year" geehrt. Den Titel hat sie sich für die karitativen Initiativen ihres Unternehmens Dollywood verdient.

Wenn sich die Grammys also nicht selbst abschaffen wollen, dürfte das eine Gala werden, die von einem neuen Bewusstsein geprägt ist. Und das hoffentlich für länger als nur für einen Abend. (Karl Fluch, 8.2.2019)