Foto: APA / VLADIMIR SIMICEK

Auf Berginspektion: Viel neue Architektur in den Alpen

12. Februar 2019, 06:00

Der Anteil der Skifahrer geht stetig zurück. Bergbahnen im gesamten Alpenraum reagieren darauf und engagieren Toparchitekten. Die stellen Museen, Restaurants und spektakulär schöne Hütten auf die Gipfel.

Stahlkonstruktionen krallen sich in Felswände, Baukörper balancieren wie Glaskristalle auf unebenem Gelände, Ausstellungsräume graben sich tief ins Berginnere. Die aktuelle Gipfelarchitektur in den Alpen macht dem Geschwindigkeitsrausch auf der Piste Konkurrenz und will mit Kunst, Wellness und gutem Essen neue Bewunderer in die Berge locken. Eine Auswahl der aktuellsten Projekte:

Sterneküche im Faltkarton

Auf dem Skiberg Kronplatz im Südtiroler Pustertal gibt es neuerdings moderne Museumsarchitektur im Doppelpack: Dem Messner Mountain Museum Corones von Zaha Hadid Architects leistet seit Dezember das Museum für Bergfotografie Lumen Gesellschaft. Um sich neben dem sportbegeisterten Publikum eine neue Zielgruppe zu erschließen, entschieden sich die Seilbahnbetreiber dazu, die alte Bergstation abzureißen und auf den Fundamenten ein weiteres Museum zu errichten.

Das gerade eröffnete Südtiroler Museum für Bergfotografie ist auch selbst ein beliebtes Fotomotiv auf dem Kronplatz.
foto: lumen / manuel kottersteger

Mit der Planung und Umsetzung des Baus beauftragten sie den Südtiroler Architekten Gerhard Mahlknecht. Der setzte ein Gebäude auf den Berg, das aussieht wie ein aus weißem Karton gefaltetes modernes Einfamilienhaus, die Fensterlöcher mit einem scharfen Messer ausgeschnitten, die klaren Kanten im Kontrast mit den gezackten Gipfeln der Dolomiten ringsum. Aus der Längsseite schiebt sich ein verglastes Restaurant wie eine aufgezogene Schublade über den Abhang. Dort serviert der Sternekoch Norbert Niederkofler seine Kreationen aus regionalen Zutaten.

Durch eine "Blendenöffnung" kann man im Fotografiemuseum selbst interessante Fotos von der Umgebung machen.
foto: lumen

Bond im eiskalten Berg

Der Raum tief im Berg ist fensterlos und kalt. Auf beheizten Betonbänken sitzen die Besucher um ein künstliches Lagerfeuer und lassen sich von Sam Mendes, dem Regisseur der Bond-Filme "Skyfall" und "Spectre", per Videobotschaft auf ihr Date mit Großbritanniens bekanntestem Agenten in 3048 Metern Höhe einstimmen. Neun Räume aus Beton und Stahl hat der Innsbrucker Architekt Johann Obermoser dafür zum Teil in das Massiv des Gaislachkogls bei Sölden im Ötztal hauen lassen – bei Außentemperaturen von bis zu minus 28 Grad. Auf eine Heizung hat er trotzdem verzichtet, um das extreme Bergklima auch in der im Juli 2018 eröffneten cineastischen Installation 007 Elements spürbar zu machen.

Insgesamt neun Räume aus Beton und Stahl bilden die Bond-Erlebniswelt am Söldener Gaislachkogel.
foto: apa / vladimir simicek

Das Ambiente erinnert an das futuristische Setting des MI6, geboten wird eine James-Bond-Erlebniswelt an einem Originalschauplatz. Denn in der Tiroler Bergwelt wurden einige Szenen aus "Spectre" (2015) gefilmt. Panoramafenster geben den Blick auf die Drehorte frei: Da wurde die Verfolgungsjagd mit dem Helikopter aufgenommen, dort fielen die Schüsse auf der Gletscherstraße. Gleich neben der Ausstellung befindet sich Österreichs höchstgelegenes Haubenlokal, das einem Kristallwürfel gleicht und im Film eine abgelegene Bergklinik darstellt.

Eine Installation, die an eine Szene aus dem James-Bond-Streifen "Spectre" erinnert.
foto: apa / vladimir simicek

Freischwebend auf die Zugspitze

Seit wenigen Monaten macht auch das Gipfelrestaurant "Panorama 2962" auf der Zugspitze, in Deutschlands höchstgelegenem Skigebiet, seinem Namen Ehre. Raumhohe Glasscheiben eröffnen einen 360-Grad-Blick auf die gewaltige Gletscherkulisse und rund 400 Alpenspitzen in vier Ländern. Die Topgastronomie residiert in der zweiten Etage der vom Pinzgauer Architekturbüro Hasenauer komplett umgebauten Seilbahnstation, die dramatisch aus dem Gipfel ragt.

Rund 400 Alpengipfel in vier Ländern kann man von der Zugspitze sehen.
foto: bayerische zugspitzbahn bergbahn ag

Eine Stahlkonstruktion verkeilt den Glaskubus auf knapp 3000 Metern Höhe absturzsicher mit dem blanken Fels der Zugspitz-Nordwand. Vollverglaste Bahnsteige sorgen nun beim Ein- und Aussteigen für ungeahnte Perspektiven. Die Kabinenbahn überwindet 1945 Meter Höhenunterschied, wobei sie nur von einer einzigen, allerdings 127 Meter hohen Stahlstütze gehalten wird – das ist Weltrekord. Wie bei einer Ballonfahrt fühlen sich die Fahrgäste, während sie am Seil das mit 3213 Metern weltweit längste freie Spannfeld zwischen Stützpfeiler und Bergstation fast geräuschlos entlangschweben.

Das Gipfelrestaurant "Panorama 2962" auf der Zugspitze.
foto: bayerische zugspitzbahn bergbahn ag / fendstudios.com

Weitblick aus der Sauna

Als Skihütte, die optisch keine sein will, erweist sich das Designhotel und Restaurant Albergo: urbane Flachdacharchitektur in hochalpiner Lage direkt in der Bergstation des neuen Wimbachexpress. Die Gondelbahn bringt Skifahrer und Gäste in weniger als sieben Minuten zum höchsten Punkt im Tiroler Skigebiet Hochzillertal. Auf der Dachterrasse mit Weitblick auf den Zillertaler Alpenhauptkamm, über den Wilden Kaiser bis ins Karwendel werden Pasta und Fischgerichte statt Pommes und Schnitzel serviert.

Luxus-Skihütte: Das Albergo im Skigebiet Hochzillertal ist Designhotel und Restaurant.
foto: albergo / 3d manufaktur

Wer die Bergwelt in Ruhe genießen möchte, bucht eine der sechs luxuriösen Panoramasuiten und bleibt über Nacht. Bergblick vom Bett und von der freistehenden Badewanne aus sowie eine Infrarotkabine auf der wind- und sichtgeschützten Loggia – die Architekten haben sich einiges an Komfort in rund 2400 Meter Höhe einfallen lassen. Naturkino pur hinter Panoramascheiben bieten auch die finnische Sauna und der Ruheraum im hoteleigenen Spa – ein Vorteil, wenn es keine Nachbarbebauung gibt.

Der Ausblick vom Restaurant ist atemberaubend.
foto: albergo / becknaphoto

Rolltreppe auf den Gletscher

Über eine Million Gäste besuchen den Titlis in der Zentralschweiz jährlich, in Spitzenzeiten halten sich bis zu 2000 Personen gleichzeitig auf dem Gipfel auf – die Infrastruktur kommt an ihre Kapazitätsgrenzen. "Titlis 3020" heißt das Projekt, mit dem der überlaufene Ort vielleicht noch ab 2019 für die Zukunft fit gemacht werden soll. Es umfasst den Neubau der Bergstation in 3020 Metern Seehöhe sowie den Umbau des Sendeturms, der der Öffentlichkeit bis jetzt nicht zugänglich ist.

Eine Million Besucher zählt der Schweizer Titlis jährlich. Demnächst soll dort einiges neu- und umgebaut werden.
foto: engelberg-titlis / oskar enander

Den Masterplan dafür entwickelten Herzog und de Meuron. Konkret wollen die Basler Architekten zwei rechtwinklige Volumen mit vollverglasten Fronten kreuzweise in die 50 Meter hohe Stahlkonstruktion des Turms schieben. Diese werden ein Restaurant und eine Bar beherbergen. Für die neue Bergstation mit weiteren Gaststätten, Shops und einer Aussichtsterrasse auf dem Dach ließen sie sich ebenfalls vom Turm inspirieren: viel Stahl und Glas in einer Struktur wie Eis und Kristall.

Eine Rolltreppe soll die Besucher von der Bergstation direkt auf den Gletscher bringen. Der Turm ist über einen Stollen mit der Bergstation verbunden. Den Architekten war es wichtig, dass die Personenflüsse, anders als heute, klar strukturiert werden. Vermutlich, weil dann ein noch größerer Ansturm zu erwarten ist. (Gabriela Beck, 12.2.2019)