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Zukunft des Fußballs: Auch der Ball ist nur eine Blase

11. Februar 2019, 10:40

Das darstellende Fußballspiel ist eine durch Fantastilliarden aufgepumpte Blase. Schön für Verbände und Vereine. Weniger schön fürs Künftige. Geld mag zwar Fußball spielen. Menschen mit all ihren Leidenschaften lockt es aber nicht mehr

Über den Fortgang des Fußballspiels braucht man sich keinen Kopf zu machen. Dieser Zug ist abgefahren. Es wird, wohl schon in absehbarer Zeit, keinen Fußball mehr geben. Jedenfalls nicht als jenes Schauspiel, als welches der leidenschaftliche Wettstreit um den Ball länger als ein Jahrhundert lang eine erregende, vibrierende, buchstäblich die ganze Welt elektrisierende Erscheinungsform des Volkstheaters dargestellt hat.

Diese Ära geht nun zu Ende mit großem Pomp. In den Proszeniumslogen, den luxuriösen VIP-Loungen palastartiger Stadien, wird man vielleicht noch ein bisserl im Glauben leben können, man wohne einem Ereignis von Rang bei. Tatsächlich ist der Fußball gerade in seinen avanciertesten Darbietungsweisen aber heute schon eine weitgehend zombiehafte Veranstaltung. Untotes Getue, das Leidenschaften darstellt wie Neymar ein Foulspiel.

Unbegrenztes Geld

Nein, es ist nicht bloß das Geld, das dem darstellenden Fußballspiel, wie wir es kennen oder an das wir uns wenigstens erinnern, den Nerv zieht. Doch aber dessen offensichtliche Unbegrenztheit. Wie jede andere Blase auch – Dotcom, Subprime, Kunstmarkt – zieht der monetär aufgepumpte Fußball die tapsigen Fledderer an; arabische Ölscheichs, russische Oligarchen, den Kaiser von China. Und über allem und allen spannt sich das Aufpumpwerk. Die Fernsehstationen, die um sündig viel Geld billigst Programm einkaufen und dabei eine Schneise der verwüstenden Korruption schlagen durch die ballesterischen Strukturen. Was Wunder auch bei den Fantastilliarden, über die da zu reden ist?

Der daheim in der Schweiz groteskerweise als "gemeinnützig" steuergeschonte Weltverband Fifa allein wirtschaftet von Weltmeisterschaft zu Weltmeisterschaft mit mehr als fünf Milliarden Dollar, die Hälfte davon speist sich aus den Fernsehrechten. Die ihrerseits sich speisen aus dem weltweiten Werbewert.

Vor einiger Zeit ist ein Fifa-Papier aufgetaucht, wonach geplant sei, die Verwertung des Weltfußballs an ein "Konsortium" zu verkaufen, an welchem die Fifa dann nur noch zu 51 Prozent beteiligt sein solle. Verkaufspreis: 25 Milliarden Dollar. Jene Fifa ist das, deren Weltmeisterschaften unter steuerlichen und rechtlichen Gunstbeweisen veranstaltet werden, von denen die vielgescholtenen Multis – die zumindest "working poor" beschäftigen und nicht bloß "volunteers" – nur träumen können. Zumal man innerhalb der Bannmeilen – exterritoriale Gebiete – sogar die jeweils alteingesessene Konkurrenz der eigenen Sponsoren vom "Bier" bis zum "Fleischlaberl" verbieten lassen kann. Als ein das bittere Wasser des Wettbewerbes predigender Monopolist gönnt man sich dieses Achterl Wein mit schamlos unschuldigem Augenaufschlag.

Ligadichte

Zu diesem, vor Geld gewissermaßen schon stinkendem Weltverband kommen die Kontinentalverbände. In Europa ist das die Uefa mit ihrer Meisterschaft und den jährlichen Klubbewerben. Und zu dieser addieren sich die Ligen mit ihren Groß- und Größtvereinen, die Macht, weil Geld genug, haben, um mit der Veranstaltung von eigenen Bewerben zu drohen.

Die Uefa reagiert darauf mit einer zunehmenden Amerikanisierung, einer Abdichtung ihrer Ligen nach unten zum Finanzpöbel. Schon die Ersetzung des alten Cups der Meister durch die Champions League 1992 war ein Kotau vor den Großen, die nunmehr aber wieder das Drohszenario einer "Superliga" aufbauen. Die Bayern mit ihrem Jahresumsatz von 630 Millionen Euro schwören zwar Stein und Bein, dass man in München an so etwas keinesfalls denke. Karl-Heinz Rummenigge, der bayrische Vorstandschef, weist es gar "in aller Entschiedenheit und Klarheit zurück". Aber solche Dementis gehören zum Spiel. Die Uefa hat wohl eh schon verstanden.

Ein Hintergrundgeräusch

Geld verlangt – das ist das monetäre Verständnis von "arbeiten" und die Definition von "Blase" – immer mehr Geld. Im Fußball heißt das: mehr und mehr Spiele, mehr und mehr Übertragungen, mehr und mehr Reklameraum und Wettgelegenheit. Was einst eine, wenn schon nicht feierliche, so doch feiertägige Aura umgab, ist heute schnödester Alltag. Kein Tag soll ohne Fußball sein. Und ist es auch nicht. Der Fußball ist geworden, was die Popmusik längst schon ist: Muzak – Hintergrundgeräusch in der Shoppingmall.

Ab 2026 werden bei der Endrunde der WM 48 Nationen dabei sein. Gunter Gebauer, der große deutsche Sportphilosoph, sagt dem Schaukicken nicht nur darum massive Existenzprobleme voraus. "Große Strecken der Langeweile" würden die Spiele in diesem Riesenfeld, in dem ja eigentlich die Allerbesten der Besten versammelt sein sollten, hervorrufen. "Fußball kann Langeweile aber nicht gut vertragen." Er sei nämlich "weltweit einer der größten und besten Lieferanten von Spannung und Drama". Und damit aber auch einer der seltenen Orte, wo die emotionale Erschütterung des alten Theaters noch erlebbar sein kann. Das wagemutige Spiel mit den eigenen Abgründen: die Katharsis.

Televisionäre Totschläger

Vom Fernsehen – und in seiner Nachfolge den Internetdiensten, die ja nun auch schon eine Attacke reiten mit noch praller gefüllten Geldsäcken – wird das gerade totgeprügelt. Fangen Amazon, Facebook, Youtube und Co an mitzubieten – und das haben sie bereits versuchsweise -, werden die Preise explodieren, glaubt Rummenigge. Der Streamingdienst Dazn war ein Probelauf. Das richtige Spiel beginnt erst. Ob dann die TV-Rechte der deutschen Liga 500 Millionen kosten oder eine Milliarde, "ist für diese Bieter nicht entscheidend". So der Bayern-Chef. Aber wohl nicht nur der.

Wie andere Sportarten auch wird nun der Fußball endgültig "fernsehgerecht" gemacht. Der durch die WM 2018 in Russland geläufig gewordene Videobeweis ist ja nicht jene Suche nach der Wahrheit, als welche er sich bigott ausgibt. Sondern der Versuch, sich unentbehrlich zu machen nicht nur fürs, sondern im Spiel. Der nächste Schritt – die spielbedingte Pause für die Werbung – ist dann vergleichsweise nur noch ein kleiner. Dafür reichte freilich auch, was es eh schon gibt: Fußball als Computerspiel. Das wird dann praktischerweise gleich vom Rechteinhaber angeboten. So wäre dann auch das Problem mit den Hooligans und anderen Idioten elegant gelöst.

Die Menschen aber, die sich stets einen Raum gefunden haben, ihr beängstigendes Inneres, das sie nicht einfach glattgestrichen haben wollen, symbolisch nach außen zu kehren, werden sich von so etwas nicht mehr mitreißen lassen. Der Betrieb wird – um den großen Frankfurter Schulmeister Theodor W. Adorno zu paraphrasieren – eine Zeitlang noch weiterlaufen, solange er sich rentiert, und durch Perfektion darüber hinwegtäuschen, dass er schon tot ist. "Es wird ein langsamer Prozess des Erlahmens sein", prophezeit Gunter Gebauer.

Es hat eine Zeit vor dem Fußball gegeben. Es wird, no na, auch eine nach ihm geben. Spiele braucht zwar der Mensch – der Homo ludens – wie sein täglich Brot. Aber diese Circenses müssen nicht unbedingt die rund um den – diesen – Ball sein. (Wolfgang Weisgram, 11.2.2019)