Offensive gegen letzte IS-Bastion in Syrien, Zivilisten bedroht

10. Februar 2019, 13:44

IS-Extremisten kontrollieren in Syrien nur noch einen kleinen Ort – Laut Aktivisten sind Hunderte Familien eingeschlossen

Damaskus – Truppen unter kurdischer Führung haben im Osten Syriens eine Offensive auf die letzte Hochburg der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) in dem Bürgerkriegsland begonnen. Seit Samstagabend greifen sie den kleinen Ort Baghuz an der Grenze zum Nachbarland Irak an, wie die Syrischen Demokratischen Kräfte (SDF) mitteilten.

Kampfjets der von den USA angeführten internationalen Anti-IS-Koalition unterstützen die Angriffe aus der Luft. Die "Syrische Beobachtungsstelle für Menschenrechte" meldete am Sonntag, die Kämpfe brächten Hunderte Familien in Gefahr. Die IS-Kämpfer missbrauchten die Zivilisten als menschliche Schutzschilde. Ein Reporter des US-Senders CNN vor Ort meldete unter Berufung auf nicht näher genannte Offiziere, in Baghuz könnten sich bis zu 1.500 Zivilisten aufhalten.

Jahrelanger Krieg

Sollte die Offensive erfolgreich sein, könnte der jahrelange Krieg gegen den IS in Syrien und im benachbarten Irak sein vorläufiges Ende erreichen. Die Jihadisten haben seit dem Höhepunkt ihrer Macht im Sommer 2014 ihr früheres Herrschaftsgebiet fast vollständig verloren.

In Baghuz sollen noch viele ausländische IS-Anhänger und andere Kämpfer ausharren, die als besonders kampferprobt gelten. Dort rücken am Boden die SDF-Truppen vor, die von der Kurdenmiliz YPG angeführt werden. Sie hatten bereits in den vergangenen Monaten große Gebiete vom IS im Norden und Osten Syriens eingenommen.

Ein Sieg über den IS in Baghuz würde auch die Pläne von US-Präsident Donald Trump erleichtern, die rund 2.000 amerikanischen Soldaten aus Syrien abzuziehen. Am Mittwoch hatte er erklärt, er rechne in naher Zukunft, eventuell schon nächste Woche, mit einer vollständigen Rückeroberung der IS-Gebiete. Einen offiziellen Zeitplan hat Trump bisher nicht vorgelegt. Das "Wall Street Journal" berichtete in der vergangenen Woche, der Abzug solle Ende April abgeschlossen sein.

Trumps Abzugspläne haben international massive Kritik ausgelöst. Militärs und Beobachter warnen, der IS sei trotz der Gebietsverluste noch nicht besiegt und könne wiedererstarken. In einem kürzlich vom US-Verteidigungsministerium veröffentlichten Bericht heißt es, der IS bleibe aktiv und könne in sechs bis zwölf Monaten wieder aufleben.

IS-Kämpfer untergetaucht

Die Zahl der verbliebenen IS-Kämpfer im Osten Syriens wird darin auf 2.000 geschätzt. Viele von ihnen sind in den großen Wüstengebieten untergetaucht, von wo aus sie Angriffe nach Guerillataktik verüben. IS-Kämpfer sollen sich auch unter Flüchtlinge gemischt haben.

Bei einem US-Abzug droht auch ein Angriff der Türkei auf die YPG. Die Regierung in Ankara sieht in der Miliz einen Ableger der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK und hat sie als Terrororganisation eingestuft. Die Kurden kontrollieren in Nordsyrien ein großes Gebiet an der Grenze zur Türkei und haben eine Selbstverwaltung errichtet. Die YPG ist der wichtigste Verbündete der USA in Syrien.

Die Kämpfe gegen den IS im Osten des Landes haben nach UN-Angaben mehr als 25.000 Menschen in die Flucht getrieben. Die meisten von ihnen seien Frauen, Kinder und Ältere, meldete das UN-Koordinierungsbüro Ocha. Mindestens 35 Kinder seien wegen der extrem harten Bedingungen auf der Flucht gestorben.

Dramatisch stellt sich auch die Lage in dem Flüchtlingslager Rukban im Süden des Bürgerkriegslandes dar. Es handle sich um einen der schlimmsten humanitären Notfälle, den sie bisher erlebt habe, sagte die Sprecherin des UN-Welternährungsprogramms (WFP) in Syrien, Marwa Awad, der Deutschen Presse-Agentur: "Die Menschen sehen erschöpft und müde aus. Man kann in ihren Augen sehr viel Ermattung erkennen."

Mehr als 130 Lastwagen versorgen die Notleidenden dort mit Nahrung, Medikamenten und warmer Kleidung. Es ist der erste Hilfskonvoi seit drei Monaten. Die Flüchtlinge in Rukban leben abgeschnitten in einem kargen Wüstengebiet. Wegen Mangelversorgung und Wintertemperaturen waren dort mehrere Kinder gestorben. Rukban liegt in einer von Rebellen kontrollierten Zone. Hilfstransporte kommen wegen Streitigkeiten mit Syriens Regierung nur selten in das Lager. (APA/AFP, 10.2.2019)

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