Foto: NHM Wien

Der Dino aus dem Schweizer Überraschungsei

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12. Februar 2019, 16:54

Das NHM Wien bekommt einen sechs Meter langen Plateosaurus. Dieser muss erst aus seinem steinernen Grab befreit werden.

Wien – Sie sind die absoluten Stars eines jeden Naturkundemuseums: Dinosaurier begeistern Kinder wie Erwachsene gleichermaßen. Doch meist müssen sich die Museen mit Kopien begnügen, Originale und vollständige Skelette sind selten und teuer. Mittlerweile hat sich ein mit dem Kunstmarkt vergleichbarer Handel entwickelt: Von vermögenden Sammlern werden Fossilien als Anlageobjekte betrachtet. Dies treibt den Preis in die Höhe und macht sie für die unter Sparzwang stehenden Museen unerschwinglich. Zahllose Stücke gehen so für die Forschung verloren.

Umso spektakulärer ist daher der Neuzugang, über den sich seit kurzem das Naturhistorische Museum in Wien (NHM) freuen kann: das Skelett eines Plateosaurus aus der Trias. Das Sauriermuseum Frick im Schweizer Kanton Aargau stellt seinen Wiener Kollegen die über sechs Meter große Echse als Dauerleihgabe zur Verfügung. Für die Präparatoren des NHM bedeutet dies wortwörtlich eine Knochenarbeit, denn der Plateosaurus wurde von den Schweizern in zahlreichen handlichen, in Gipsmanschetten verpackten Einzelteilen übergeben. Das Skelett muss also erst Knochen für Knochen aus dem Gestein freipräpariert werden.

Der knapp einen halben Meter breite Fuß des Plateosaurus ist schon freigelegt. In den kommenden Monaten soll der Rest des Tieres folgen. Wann der Saurier ausgestellt werden kann, ist noch nicht fix.
foto: nhm wien

Dabei kommen Druckluftstichel, Skalpelle und literweise Kleber zum Härten der brüchigen Fossilien zum Einsatz. Zwar wurde natürlich bei der Bergung des Skeletts genau dokumentiert, um welche Teile es sich handelt, trotzdem stellt jedes Gesteinspaket ein Überraschungsei dar: Was genau alles darin verborgen sein wird, lässt sich nicht vorhersagen. Anschließend wird das Skelett montiert, wobei für jeden einzelnen Knochen eine eigene Halterung angefertigt wird – die wertvollen Knochen können nicht einfach angebohrt und verschraubt werden.

Neues Dinosaurierskelett im Naturhistorischen Museum.
orf

Da der Plateosaurus nur zu rund achtzig Prozent erhalten sein dürfte, hat das NHM ein zweites Teilskelett als Ersatzteillager zur Verfügung. Einzelne Teile wie Rippen und Wirbel müssen mit Nachbildungen ergänzt werden, und auch der fehlende Kopf wird durch eine Kopie ersetzt. Unterstützung erhalten die Präparatoren des NHM von zwei Kollegen vom Institut für Paläontologie der Uni Wien. Der Chef der geologisch-paläontologischen Abteilung, Mathias Harzhauser, rechnet damit, dass es ein gutes Jahr dauern wird, bis die Arbeiten abgeschlossen sind und der Plateosaurus im Mesozoikumsaal aufgestellt werden kann.

Saurierfriedhof

In Frick werden in der Tongrube Gruhalde seit Jahrzehnten Plateosaurierknochen gefunden. Bei systematischen Grabungen wurden schließlich auch komplette Skelette entdeckt, für die ein eigenes Museum errichtet wurde. Die große Menge der Funde ermöglicht die Zusammenarbeit mit großen Sammlungen wie dem NHM.

Für die ungewöhnliche Ansammlung von ganzen Saurierskeletten gibt es eine schaurige Ursache. Wo sich heute Wälder und Felder erstrecken, lag vor 210 Millionen Jahren inmitten von ausgetrockneten heißen Landstrichen ein Wasserloch. Hier fanden sich die Tiere zum Trinken ein. Doch dies barg für die bis zu acht Meter langen und vier Tonnen schweren Pflanzenfresser Gefahren: Der treibsandartige Schlamm wurde für sie zur Falle. Dies ist der Grund, warum in Frick lange Zeit nur ausgewachsene Tiere gefunden wurden: Die großen versanken, während sich die kleineren befreien konnten. Überreste von Theropoden belegen, dass die verendeten Riesen Raubsauriern als Nahrungsquelle dienten. Aus diesem Grund sind die Köpfe der Plateosaurier selten erhalten – diese versanken zuletzt und wurden von den Räubern verschleppt.

Alter Riese

Frick ist nicht der einzige Ort in Europa, an dem Plateosaurier gefunden wurden. Da sie in Süddeutschland so häufig waren, erhielten sie den scherzhaften Namen "schwäbischer Lindwurm". Schon 1834 hatte der Chemielehrer Johann Friedrich Engelhardt in der Nähe von Nürnberg Knochen riesiger Echsen entdeckt. Anhand dieser erstellte der Paläontologe Hermann von Meyer 1837 die Gattung Plateosaurus engelhardti. Er stellte eine Verwandtschaft mit den bereits zuvor entdeckten Megalosaurus und Iguanodon fest – vier Jahre, bevor der Begriff "Dinosaurier" von Richard Owen eingeführt wurde. Plateosaurus gehört damit zu den ersten bekannten Gattungen der "schrecklichen Echsen", ebenso wie zu den ältesten Vertretern der Dinosaurier, die sich erst einige Millionen Jahre zuvor entwickelt hatten. Im Gegensatz zu ihren gigantischen Nachfahren aus der Gruppe der Sauropodomorpha wie Brachiosaurus aus dem Jura und Argentinosaurus aus der Kreide lief Plateosaurus noch auf zwei Beinen. (Michael Vosatka, 12.2.2019)

Der Plateosaurus ist in handliche Einzelpakete verpackt. Anton Englert und Anton Fürst beim Entfernen der Gipsmanschette, die den Gesteinsblock sichert.
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Die Knochen sind in den Gesteinsblöcken kaum zu erkennen.
foto: michael vosatka
Präparatorin Iris Feichtinger legt mit einem kleinen Meißel Knochen aus einem Gesteinsblock frei.
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Der rechte Oberschenkel des Plateosaurus wird mit einem Skalpell von Gesteinsresten befreit.
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In der Vergrößerung zeigt sich, dass die Oberfläche der Knochen – hier das Wadenbein – von zahllosen kleinen Rissen übersät ist.
foto: michael vosatka
Plateosaurus lief im Gegensatz zu seinen gigantischen Sauropoden-Nachfahren noch auf zwei Beinen.
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In der Tongrube in Frick werden seit Jahrzehnten Dinosaurierfossilien gefunden. Die Plateosaurierschicht liegt etwa einen Meter über dem roten Gesteinsband.
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Generaldirektor Christian Köberl und Paläontologie-Chef Mathias Harzhauser präsentierten am Dienstag den Sammlungsneuzugang.
foto: nhm wien, alice schumacher