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Weltweites Gletschervolumen ist geringer als gedacht

12. Februar 2019, 19:27

Das globale Volumen der Gletscher ist deutlich geringer als angenommen. Das hat weitreichende Folgen für die Wasserversorgung von Millionen Menschen.

Der Klimawandel lässt die Gletscher schrumpfen. Doch ihr weltweites Volumen ist jetzt schon viel geringer als bisher angenommen. Das zeigt eine aktuelle Studie eines Wissenschafterteams aus der Schweiz, Deutschland, Indien und Österreich. Da die Gletscher zu den wichtigsten Süßwasserreserven zählen, liefern die neuen Berechnungen auch wichtige Daten für die Wasserversorgung von hunderten Millionen Menschen.

In der Studie, die im Fachblatt "Nature Geoscience" erschienen ist, kombinieren die Forscher Berechnungen aus fünf Gletschermodellen. Mehr als 215.000 Gletscher weltweit werden berücksichtigt, abseits der großen Eisschilde Grönlands und in der Antarktis. Letztere verhalten sich anders als die deutlich kleineren Berggletscher, weshalb andere Modelle und Methoden zu deren Erforschung eingesetzt werden, so Fabien Maussion vom Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften der Universität Innsbruck.

Um 18 Prozent daneben

Der nun ermittelte Wert für das weltweite Gletschergesamtvolumen beträgt 158.000 Kubikkilometer – die Eisschilde Grönlands und der Antarktis ausgenommen. Die bisherigen Schätzungen dürften um rund 18 Prozent zu hoch gewesen sein. Besonders ins Gewicht fallen dabei die Gebirge Hochasiens: Diese Region, die den Himalaja, das Tibetische Plateau und die Gebirge Zentralasiens umfasst, besitzt neben Alaska das größte Eisvolumen außerhalb der Arktis. Letztere macht mit 75.000 Kubikkilometern fast die Hälfte des weltweiten Gletschereises aus, das asiatische Hochgebirge besitzt 7000 Kubikkilometer.

Den neuen Berechnungen nach beherbergen die Gletscher Hochasiens aber um 27 Prozent weniger Eis als bisher angenommen. Grund für diese Diskrepanz ist vor allem, dass die Berechnungen auf detaillierteren Satellitendaten beruhen, sagt Daniel Farinotti von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) Zürich. Dank höherer Auflösung könne man beispielsweise genauer erkennen, ob es sich um einen großen oder zwei kleinere zusammenhängende Gletscher handle. Das spielt wiederum eine Rolle für die Modellierung und erlaubt Rückschlüsse auf die Eisdicke.

Konsequenzen für Wasserversorgung

"Aufgrund dieser Neueinschätzung müssen wir davon ausgehen, dass die asiatischen Hochgebirge ihre Gletscher schneller verlieren können als bisher angenommen", sagt Farinotti. Anstatt in den 2070er-Jahren könnte die dortige Gletscherfläche bereits in den 2060ern auf die Hälfte geschrumpft sein.

Dies hat auch Konsequenzen für die Wasserversorgung von hunderten Millionen Menschen, denn die Gletscher nähren Flüsse und Seen in einer zum Teil trockenen Region. Die gletscherbedingten Abflussmengen von Flüssen wie dem Indus, dem Tarim oder den Zuflüssen des Aralsees dürften dadurch gegen Ende dieses Jahrhunderts um rund ein Viertel geringer ausfallen als heute.

Ein Strategiewechsel für die künftige Wasserversorgung der Bevölkerung wäre zum jetzigen Zeitpunkt verfrüht, sagte Farinotti. "In erster Linie sollte man die dortigen Gletschereisvolumen besser vermessen. Noch gibt es nämlich wenige Messwerte, anhand derer wir die Modelle kalibrieren können." Die Unsicherheit der Berechnungen sei noch recht groß.

Anstieg des Meeresspiegels

Anhand der neuen Berechnungen vermuten die Forschenden außerdem, dass die weltweiten Gletscher außerhalb der Antarktis und Grönlands im Falle ihres vollständigen Abschmelzens den Meeresspiegel um bis zu 32 Zentimeter ansteigen lassen würden. Es sei jedoch unklar, ob und wann es zu diesem vollständigen Abschmelzen kommen werde.

Wenn auch Grönlands Eisschild komplett abschmilzt, würden die Meere um rund sieben Meter ansteigen, wäre die Antarktis völlig eisfrei, wären es sogar um rund 60 Meter mehr. Momentan tragen die Berggletscher aber sehr viel zum Seespiegelanstieg bei, "weil sie schneller reagieren als die großen Eisschilde", sagte Maussion. Zwischen 1990 und 2010 stieg der Meeresspiegel aufgrund des Gebirgsgletscherschmelzwassers um ungefähr 1,5 Zentimeter.

Im nächsten Schritt wollen die Wissenschafter genauer auf die Verteilung des Gletschereisvolumens eingehen. Die Studie liefert nämlich auch Informationen über die Landschaft unter den Gletschern. Von vielen Gletschern gebe es zudem kaum belastbare Eisdeckenmessungen. Das gilt laut Maussion vor allem für die Gebiete Hochasiens. (red/APA, 12.2.2019)