Leugnen einer Schwangerschaft erhöht Risiko für Kindestötung

17. Februar 2019, 06:00

Die Zahl der Neonatizide ist rückläufig, eine aktuelle Untersuchung zeigt: In den meisten Fällen negiert die werdende Mutter ihre Schwangerschaft

Dass ein Frau erst bei der Geburt erfährt, dass sie überhaupt schwanger ist, ist weit häufiger als die Geburt von Drillingen. Grund dafür ist, dass manche Frauen unbewusst und unabsichtlich ihre Schwangerschaft verdrängen. Verschiedene Traumata oder eine Persönlichkeitsstörung können dafür verantwortlich sein, dass Frauen die Schwangerschaft nicht wahrhaben wollen und sie negieren.

Auch das soziale Umfeld hat, unabhängig von der Lebenssituation, häufig keine Kenntnis von der Schwangerschaft. Eine Auseinandersetzung mit der ungewollten Schwangerschaft findet folglich nicht statt. "Auch das Wort Schwangerschaft wird nicht benutzt. Die Frau erklärt bei Nachfragen die Gewichtszunahme durch zu viel Essen, Blähungen und andere Gründe, wodurch also eine Uminterpretation der Symptome stattfindet. Die Frauen haben keinen Kontakt zum Gesundheitssystem, die Geburt, von der die Frauen meist überrascht werden, erfolgt unassistiert und heimlich, was ein hohes Risiko für die Gebärende und das Kind birgt. Denn das Neugeborene wird entweder nicht versorgt oder aktiv getötet, da es in dieser Situation zu Panik und dissoziativen Zuständen bei der Gebärenden kommen kann", sagt Claudia Klier von der Wiener Universitätsklinik für Kinder- und Jugendheilkunde.

Wenig Unterschiede

Sie hat gemeinsam mit finnischen Experten aus Helsinki und Turku 28 Fälle von einmaligen und wiederholten Neugeborenentötungen untersucht und herausgefunden: Leugnet eine Frau ihre Schwangerschaft, so ist dies der wichtigste Risikofaktor für einen möglichen Neonatizid – also die Tötung des Kindes innerhalb von 24 Stunden nach der Geburt. Die Resultate der Analyse sind in einem Themenheft der "Archives of Women's Mental Health" erschienen.

In der Untersuchung hat sich gezeigt: Es gab nur wenige Unterschiede bei einzelnen soziodemografischen Variablen, wie dem Alter der Frau, der Gesamtzahl an Kindern sowie des Ausbildungsstatus und der Lebenssituation. "Die wichtigste Gemeinsamkeit ist hingegen, dass die Negierung der Schwangerschaft durch die betroffenen Frauen und ihr soziales Umfeld den wichtigsten Risikofaktor darstellt", heißt es von der Med-Uni Wien.

Zahlen rückläufig

In Österreich ist die Zahl der Neugeborenentötungen stark rückläufig. Waren zwischen 1991 und 2001 noch rund sieben von 100.000 Neugeborenen betroffen, so sind es heutzutage nur mehr drei Kinder pro Jahr. Österreich liegt damit inzwischen im europäischen Mittelfeld, die skandinavischen Länder haben jedoch deutlich niedrigere Zahlen.

Zurückzuführen ist diese erfreuliche Entwicklung auf die Einführung der "anonymen Geburt" in Österreich im Jahr 2002. Klier: "Die anonyme Geburt und Schwangerschaftsbegleitung ist ein sehr effektives Mittel, um diesen Frauen in ihrer schwierigen Situation zu helfen und sie vor, während und nach der Geburt medizinisch und psychosozial zu betreuen." Die anonyme Geburt ist an allen Abteilungen für Geburtshilfe in Österreich und einigen anderen europäischen Staaten möglich.

Der Neonatizid ist in Österreich nach dem Strafrecht ein "privilegiertes" Tötungsdelikt mit im Vergleich zu anderen vorsätzlichen Tötungsdelikten reduziertem Strafrahmen zwischen sechs Monaten und fünf Jahren Gefängnis. Er wird angewendet für "eine Mutter, die das Kind während der Geburt oder solange sie noch unter der Einwirkung des Geburtsvorgangs steht, tötet." (APA, red, 17.2.2019)