Foto: fleamarketinsiders.com / Matt Watts

Die spannendsten Flohmärkte in Europa

20. Februar 2019, 06:00

Welche europäischen Flohmärkte eine Reise wert sind, haben wir den Gründer des Portals Flea Market Insiders gefragt.

Es ist ein Wochenendsport mit hohem Suchtfaktor. Eine Schatzsuche für Erwachsene, die Nachhaltigkeitstrend und Shoppingbedürfnis gleichermaßen befriedigt. Wer einmal auf einem Flohmarkt ein teures Designerstück für wenig Geld ergattert und damit das Zuhause verschönert hat, ist angefixt.

Beharrlichkeit, Verhandlungsgeschick und guter Spürsinn sind von Vorteil. Denn immer mehr Menschen finden es erfrischend, sonntagmorgens über den Preis einer antiken Vase zu feilschen und dabei teure Vintagehändler zu umgehen. Für viele steigt auch auf Reisen der Wunsch, auf antiquarische Schnäppchenjagd zu gehen.

Die DNA eines Landes

"Das ist ohnehin der beste Weg, um die Kultur eines Landes kennenzulernen", meint Nicolas Martin. Er ist der Gründer von Flea Market Insiders und Fleamapket – zwei Plattformen, die Termine und Standorte von Flohmärkten weltweit listen. Letztere ermöglicht auch die einfache geografische Suche. Vor zehn Jahren kam Martin der Liebe wegen von Frankreich nach Österreich und begann hier, seine Flohmarktbesuche zu dokumentieren. Aus einer privaten Fotoplattform wurden zwei Websites mit bis zu 3.000 Besuchern pro Tag. Die Frage "Wo hast du das gefunden?" beantwortet der Pariser nun hauptberuflich.

Auf dem Flohmarkt Feira da Ladra im Lissabonner Stadtteil Alfama landet,
was die Portugiesen in ihren Kellern finden. Oft sind das wahre Schätze.
foto: rebecca kudela

Sein erster Weg im Urlaub führt Martin nie ins Museum, sondern immer zum örtlichen Flohmarkt: "Weil ich dort sehe, höre und rieche, was die DNA eines Landes ausmacht." Flohmärkte würden ihm Einblick in die letzten 300 Jahre Geschichte gewähren, sagt er. Was für andere Ramsch sein mag, sind für ihn die landestypischen Souvenirs, die man in keinem Geschäft kaufen kann: alte Münzen, Plakate, Kleidung, goldene Knöpfe oder bestickte Tischwäsche. Leidenschaftlich sammelt er alte analoge Kameras und Stühle von Eames bis Bertoia. Seine Lieblingshändler sitzen im Süden von Paris auf dem Marché aux Puces de la Porte de Vanves. "Das ist ein weniger bekannter Straßenflohmarkt im 14. Arrondissement, den man gut mit der U-Bahn erreicht." 200 Händler verkaufen dort jeden Samstag und Sonntag, was zuvor die Großeltern oder die Urgroßeltern verwendet haben.

Auf der Suche nach Antikem

Frankreich ist ein gutes Pflaster für Flohmarktbegeisterte. Hier lebt auch Rebecca Kudela, geborene Südkalifornierin. Die Grafikdesignerin – unter anderem für die Surfermarke Billabong – ist in Biarritz zu Hause und besucht Flohmärkte in ganz Europa. Schon als Kind besuchte sie mit ihrer Stiefmutter Garage-Sales. Heute sucht sie vor allem nach antiken Setzkästen und Strandpostkarten, Muscheln und Miniaturschlüsseln.

Einer der schönsten Märkte ist für sie die Fiesta des Brocs in Sare, nahe dem Badeort Saint-Jean-de-Luz im französischen Baskenland. "Nur einmal im Jahr, zwei Tage lang belebt er die Straßen der hügeligen Stadt am Fuße der Pyrenäen", schwärmt Kudela. Vor traumhafter Kulisse feilschen professionelle Tandler und private Ausmistprofis an einem Wochenende im Juli um Art-déco-Möbel, Gravuren und Bilder. (Nina Glatzel, 20.2.2019)

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Innenstadt von Annecy

Vintage-Schneeschuhe, Kuh-glocken, Milchkannen, hölzerne Butterformen: Die auf dem Flohmarkt von Annecy angebotenen Waren spiegeln die Lage der Stadt am Fuße der französischen Alpen wider. An jedem letzten Samstag im Monat verwandelt sich die Altstadt mit ihren zahlreichen Blumenbalkonen in einen Antiquitätenmarkt. Die Nähe zu Italien und der Schweiz zieht Touristen und Sammler aus der Umgebung an. "Die Kulisse mit den Bergen, dem Fluss Thiou und Frankreichs spektakulärstem Natursee, dem Lac d’Annecy, ist atemberaubend", meint Nicolas Martin.

Rue Sainte-Claire, Annecy, Frankreich
foto: getty images / wl davies
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Altstadt von Brügge

Das Trödeln ist in Belgien Nationalsport, der sonntägliche Familienausflug auf den Flohmarkt ein Muss. In der an Kanälen reichen Altstadt von Brügge breitet sich jeden Samstag und Sonntag am Südufer des Flusses Dijver ein Sammelsurium an Silberware, belgischem
Porzellan und alten Biergläsern aus. "Skurril ist der Verkäufer, der ausschließlich antike Eislaufschuhe aus Holz und Metall hat", sagt Nicolas Martin. Unter alten Bäumen kann man hier stundenlang bummeln.

Dijver 11, Brügge, Belgien
foto: getty images / yingko
Château de Chambord

Wo einst König Franz I. im Morgendunst zum Jagdausflug aufbrach, haben nunmehr jeden 1. Mai die Antiquitätenhändler ihr Rendezvous. Vor den Toren des größten und prächtigsten Loireschlosses Château de Chambord findet dann die Grande Brocante de Chambord statt, ein Vintage-Spektakel mit fast 500 Ausstellern aus ganz Frankreich. Hier wird vom Grammofon über das antike Holzschaukelpferd wirklich alles verkauft, was vom späten 19. Jahrhundert bis in die Jetztzeit überdauert hat. "Eine Anti-Ramsch-Zone", sagt Nicolas Martin, "in Chambord will man alles haben."

Chambord, Centre-Val de Loire,
Frankreich
foto: fleamarketinsiders.com / comite des fetes des chambord
Feira da Ladra

In Lissabon wühlt man mit Blick auf das Meer in alten Schätzen. Hoch oben im Stadtteil Alfama, wo die historische gelbe Straßenbahn 28 hinführt, nimmt der Flohmarkt Feira da Ladra den malerischen Campo de Santa Clara ein. "Das alte Kopfsteinpflaster macht das Flanieren besonders romantisch", findet Rebecca Kudela. Straßenmusiker untermalen mit Gitarrenklängen das Feilschen um alte Fliesen, Werkzeug und Messingobjekte. "Viele Lissabonner räumen ihre Keller aus, bringen die Funde hierher und verdienen so am Dienstag und Samstag zusätzlich Geld", weiß Nicolas Martin.

Campo de Santa Clara, Lissabon,
Portugal
foto: fleamarketinsiders.com
Piazzola sul Brenta

Nur knapp 20 Kilometer von Padua entfernt liegt Italiens wohl schönster Flohmarkt: der 1979 gegründete Antiquariato a Piazzola sul Brenta. 800 Aussteller finden sich an jedem letzten Sonntag in Monat auf der Piazza vor der Villa Contarini, einer Patriziervilla im Barockstil, ein. Bis in die Seitenstraßen erstrecken sich die Standler, die Edles und Ungewöhnliches verkaufen: von Kriegsmemo-rabilia bis zu alten Bilderrahmen, Spielzeugsoldaten und seltenen Comic-Ausgaben.

Piazza Paolo Camerini, Piazzola sul Brenta, Italien
foto: fleamarketinsiders.com / matt watts