Foto: derStandard.at/Pichler

Ratlose Richter: Immer mehr Emojis in Prozessunterlagen

19. Februar 2019, 12:56

Die Symbolgrafiken tauchten alleine 2018 in 30 Prozent aller gerichtlichen Stellungnahmen in den USA auf

Sprache ist ständig im Wandel begriffen. Nicht nur auf verbaler Ebene finden neue Wörter und Floskeln Eingang in den Alltag, auch die schriftliche Kommunikation bleibt nicht stehen. In Mails und Messengernachrichten sind mittlerweile Emoticons und Emojis allgegenwärtig.

Was im persönlichen Austausch gelegentlich zu Missverständnissen führen kann, wird für die Justiz zunehmend zur Herausforderung. Alleine 2018 kamen in Verfahrensstellungnahmen in den USA in mehr als 30 Prozent der Fälle Emojis vor, schätzt Eric Goldman von der Santa Clara University. Rechnet man ihre simpleren Vorgänger, die Emoticons, ein, liegt der Anteil sogar über 50 Prozent.

Streit um Zuhälterei-Vorwurf

The Verge berichtet etwa von einem Fall, in dem Ermittler einem Mann versuchte Zuhälterei vorwerfen. Er hatte eine Serie an privaten Nachrichten via Instagram an eine Frau verschickt, diese sollen nun als Beweismittel dienen. Darunter findet sich die Botschaft "Teamwork macht den Traum wahr", garniert mit einem Krone-, Highheels- und Geldsack-Emoji.

Über deren Bedeutung wurde ausgiebig diskutiert. Er habe die Frau zur Prostitution anstiften wollen, sagt die Strafverfolgung. Er wollte bloß eine romantische Beziehung zur Frau aufbauen, hält die Verteidigung dagegen. Ein Experte folgte der behördlichen Interpretation, was schließlich mit zum Schuldspruch beitrug.

Pärchen musste Miete nachzahlen

In anderen Ländern gibt es ebenfalls erste Erfahrungswerte, wie Room 404 berichtet. Ein israelischer Wohnungseigentümer hatte ein Pärchen geklagt, weil dieses zuerst per Whatsapp zugesagt hatte, eine Wohnung zu mieten, sich dann aber ohne weiterem Kontakt anders entschieden habe.

Die Emojis in der Zusage – eine Champagnerflasche, ein Eichhörnchen und eine Sternschnuppe – hätten "großen Optimismus" transportiert, sodass der Geschädigte zurecht davon ausgegangen war, Mieter gefunden zu haben, entschied das Gericht. Für ihre "böswillige" Handlung mussten das Paar mehrere Monatsmieten als Schadenersatz zahlen.

Komplexe Fragestellung

Laut Goldman machen es sich die Richter in den meisten Fällen aber leicht. Sie erklären Emojis schlicht als für die Verhandlung irrelevant und verwenden Unterlagen, aus denen sie entfernt wurden. Das ist allerdings ebenfalls problematisch, da sie eben besonders bei Onlinekommunikation erheblich zur Bedeutung eines Textes beitragen können. Ein Satz, dem ein Zwinkergesicht beigestellt ist, wird üblicherweise anders verstanden, als ohne.

Das führt allerdings zu einer weiteren Komplexität. Denn nicht auf jedem Gerät und jeder Website werden Emojis gleich angezeigt. Oft nutzen etwa Handyhersteller nicht die Standardbibliothek von Android, sondern eigene Emoji-Sets, in denen einzelne Abbildungen sich teilweise massiv unterscheiden können – und somit auch unbeabsichtigt die transportierte Bedeutung einer Aussage. Hinzu kommt, dass einige Emojis in manchem Kontext stellvertretend für einen anderen Begriff stehen können, berühmtestes Beispiel dürfte hier wohl die zum Penis umfunktionierte Melanzani sein.

Richter sollten sich jedenfalls der Bedeutung von Emojis für die Kommunikation bewusst sein, wenn sie in der Beweisführung auftauchen. Sie komplett zu ignorieren hält er für den falschen Weg. (red, 19.02.2019)