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Langlauf-Star Johaug: Thereses Tränen trockneten

22. Februar 2019, 07:50

Langlaufgöttin Therese Johaug entstieg dem Fegefeuer einer Dopingsperre stärker als je zuvor

Können diese Augen lügen? Norwegen hat sich mit dieser Frage nicht lange aufgehalten am 13. Oktober 2016, nachdem Therese Johaug in Oslo einen positiven Dopingtest eingestanden und unter Tränen ihre Unschuld beteuert hatte. Schon rund einen Monat davor hatte sich die Sonne des norwegischen Langlaufsports verdunkelt. Johaug war bei einer Trainingskontrolle in Livigno, Italien, positiv auf das anabole Steroid Clostebol getestet worden. Mannschaftsarzt Fredrik Bendiksen nahm die Schuld auf sich. Er habe schließlich die Creme Trofodermin zur Versorgung eines Sonnenbrandes auf der Lippe verordnet. Leider hatten sowohl der erfahrene Mediziner als auch die sonst so professionelle Athletin den verbotenen Inhaltsstoff übersehen.

Fäuste in Hosentaschen

Johaug wurde von der norwegischen Anti-Doping-Agentur nur zögerlich aus dem Verkehr gezogen. Eine ursprünglich zwei Monate währende Suspendierung wurde zweimal verlängert, dann folgte nach einer aufsehenerregenden Anhörung in Oslo eine Sperre für 13 Monate. Dagegen berief allerdings der Weltskiverband Fis humorlos. Der Internationale Sportgerichtshof Cas verlängerte im Augus 2017 rückwirkend auf 18 Monate Sperre – bis Ende April 2018. In Norwegen wurden mit Sicherheit viele Fäuste in Hosentaschen geballt.

Die siebenmalige Weltmeisterin beweinte ihr Fehlen bei den Olympischen Spielen in Pyeongchang bitterlich. Sie werde wiederkommen, schwor die Staffelolympiasiegerin von 2010, auch wenn sie noch nicht wisse, woher sie die Motivation nehmen solle.

Geholfen hat sicher, dass schlussendlich alle ihre Sponsoren an Bord blieben. Skiausrüster Fischer kündigte zwar zunächst den millionenschweren Vertrag mit Johaug gemäß einer Dopingklausel, machte diesen Schritt später aber wieder rückgängig. Die Stücke aus Johaugs Modelinie verkauften sich weiter wie warme Semmeln, die Popularität der Bauerntochter aus dem mittelnorwegischen Roros, einer Stadt an der schwedischen Grenze, hatte zumindest daheim kaum Schaden genommen.

Nur ganz kurz musste die 1,62 Meter hohe Athletin die Leidende geben, dann durfte sich ihr blendend vermarktbares, sonniges Naturell wieder Bahn brechen. Nur etwas ernster sei sie geworden, heißt es. Mag sein, das liegt daran, dass Johaug während ihrer Sperre vielleicht noch härter trainierte als zuvor – mit zwei Privatcoaches, unterstützt von einer Psychologin, ihrem Bruder Karstein und ihrem Freund Nils Jakob Hoff, einem ehemaligen Ruderweltmeister. Johaugs Haupttrainer Pål Gunnar Mikkelsplass (57) vertrat schon zu Beginn der Arbeit am Comeback die Meinung, dass seine Athletin zumindest in gleicher Stärke in den Wettkampf zurückkehren werde.

Neuer Schub

Der zweimalige Staffelweltmeister – auch 1985 in Seefeld gehörte er dem Goldquartett der Norweger an – hat wohl bewusst untertrieben. Schließlich wurde besonders intensiv an der einzigen Schwäche Johaugs gearbeitet, am Stockschub. Kaum 45 Kilo brachte die Allrounderin, die schon mit 18 Jahren ihre erste WM-Medaille geholt hatte, auf die Waage – ideal in den Anstiegen, suboptimal bei Abfahrten und vor allem in längeren Gleit- und Schubpassagen. Kraftvollere Athletinnen wie ihre Landsfrau Marit Björgen, die Polin Justyna Kowalczyk oder die Schwedin Charlotte Kalla hatten da deutliche Vorteile gegenüber der überragenden Technikerin Johaug.

Alte Stärken und neue Kräfte ballten sich in der ersten Saison nach dem Rücktritt der Rekordwinterolympiasiegerin Björgen zu schierer Unbezwingbarkeit. Neben zwei siegreichen Staffeln lief Johaug in dieser Saison neun Rennen. Mit Ausnahme eines Sprints in Lillehammer, den sie in Hinblick auf eine Gesamtwertung aus drei Rennen bestritt, gewann sie alle – zum Teil mit großem Vorsprung. "Sie ist ein Phänomen", sagt Österreichs Langlaufchef Markus Gandler, "sie hat Energie wie ein Duracellhase."

Viel davon wurde in das Training auf den Seefelder WM-Loipen gesteckt. Johaug hielt sich mit unterschiedlichen Trainingspartnern mehrere Wochen in Tirol auf. "So viele Kilometer wie sie hat niemand hier", sagte Österreichs Hoffnung Teresa Stadlober, die mit Johaug-Siegen in allen ihren Rennen, angefangen mit dem Skiathlon über 15 Kilometer am Samstag, rechnet.

Die Hundertschaften an Norwegern, die nach und nach in Seefeld einfallen, werden Gold-Therese feiern, ohne von Zweifel angekränkelt zu sein. Auch wenn ihr Idol heute ketzerische Fragen nach dem Geheimnis ihres Erfolges nicht derart kokett wie einmal vor ihrer Sperre beantworten würde: "Glauben Sie, dass in einem so schönen Körper Dopinggifte versteckt sind?" (Sigi Lützow, 22.2.2019)