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Je mehr Hausärzte pro Region, desto höher die Lebenserwartung

22. Februar 2019, 10:16

Schon zehn Hausärzte mehr in einer Region verringern die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Krebs und COPD

Hausärztemangel ist in viele Regionen Österreichs ein Problem. Wie sich das konkret auf die Gesundheit der Bevölkerung auswirken könnte, zeigt nun eine amerikanische Studie. Sie hat ergeben: Gibt es in einer Region zehn Hausärzte mehr pro 100.000 Einwohner, führt das zu einer Steigerung der durchschnittlichen Lebenserwartung der Bevölkerung um über 50 Tage pro Person. Zehn Fachärzte mehr bringen plus 19,2 Tage an Lebenserwartung.

Die Studie ist im Magazin "Jama Internal Medicine" publiziert worden. Die Wissenschafter um Sanjay Basu der Stanford University School of Medicine und der Harvard Medical School haben Stand und Entwicklung der Ärzteverteilung sowie die Mortalität zwischen den Jahren 2005 und 2015 analysiert. Das erfolgte für 3.142 US-Regionalbezirke und umfasste 7.144 Regionen für ärztliche Primärversorgung und 306 Versorgungsbezirke für Kliniken.

"Die Zahl der Hausärzte stieg von 196.014 im Jahr 2005 auf 204.419 im Jahr 2015. Wegen eines überproportionalen Verlusts an praktischen Ärzten in einigen Bezirken und des Bevölkerungswachstums nahm aber die Dichte der Hausärzte von 46,6 pro 100.000 Einwohner auf 41,4 je 100.000 Einwohner ab. Größere Verluste gab es vor allem in ländlichen Regionen", schreiben die Wissenschafter. Auch in Österreich wird zunehmend ein Mangel an Hausärzten mit Kassenvertrag, speziell von Landärzten, beklagt.

Krebs und Herz-Kreislauf

Die Auswirkungen einer besser funktionierenden medizinischen Primärversorgung durch versorgungswirksame niedergelassene Hausärzte konnte durch die wissenschaftliche Untersuchung eindeutig belegt werden. "Zehn Allgemeinmediziner pro 100.000 Einwohner brachten eine um 51,5 Tage höhere Lebenserwartung, während zehn Fachärzte pro 100.000 Einwohner eine um 19,2 Tage höhere Lebenserwartung bedeutete", so die Studienautoren.

Eine bessere hausärztliche Versorgung brachte auch eine Reduktion der Mortalität bei den größten "Killer-Erkrankungen" in entwickelten Industriestaaten mit sich. "Zehn Hausärzte mehr je 100.000 Einwohner verringerte die Sterblichkeit durch Herz-Kreislauf-Erkrankungen um 0,9 Prozentpunkte, durch Krebs um einen Prozentpunkt und durch Erkrankungen der Atemwege (z. B. COPD) um 1,4 Prozentpunkte." In Österreich ist Krebs mit einem Anteil von 25 Prozent die zweithäufigste Sterbeursache nach den Herz-Kreislauf-Erkrankungen mit 41 Prozent.

In Österreich sind Hausarztposten mit Kassenvertrag – also vorrangig Ordinationen, die die Primärversorgung gewährleisten – in einem immer größeren Umfang unbesetzt. Florian Stigler von der Med-Uni Graz berichtet, dass es in Österreich derzeit 87 nicht nachbesetzte Allgemeinmediziner-Kassenstellen gibt. Das sind zwar nur 2,3 Prozent, aber es bedeutet, dass 200.000 Personen eigentlich unversorgt sind. Von den 18.287 niedergelassenen Ärzten erreichen in zehn Jahren 48 Prozent das Pensionsalter, von den 7.099 Ärzten mit Kassenvertrag sogar 55 Prozent. 39 Prozent aller Hausärzte sind älter als 60 Jahre, nur acht Prozent unter 45.

Rolle überdenken

"Wir liegen in Österreich bei der Hausärztedichte ähnlich wie die USA mit einem Wert von etwa 40 pro 100.000 Einwohner", sagt Stigler zur APA. Während die Zahl der Ärzte zwischen 1960 und 2014 von rund 12.500 auf rund 44.500 gestiegen sei, wäre die Zahl der Hausärzte mit rund 3.800 in etwa gleich geblieben. "Dabei ist die Bevölkerung laut Statistik Austria um 24 Prozent gewachsen, wir haben (im Vergleich zu 1960; Anm.) um 84 Prozent mehr über 65-Jährige", so Stigler.

Der Grazer Experte hat mehrere Maßnahmen parat, mit denen das Hausärztedefizit verringert werden könnte: Der Kontakt mit der Hausarztmedizin im Studium sollte früher und häufiger erfolgen. Die Institute für Allgemeinmedizin müssten an allen medizinischen Universitäten gestärkt werden. "Die Rolle des Hausarztes im Gesundheitssystem muss überdacht werden. Die Einführung des 'Vertrauensarzt-Modells', bei dem man zuerst zum eigenen Hausarzt und nicht gleich in die Spitalsambulanz geht, wäre eine Reformoption.

Die aktuelle Primärversorgungsreform mit der Einführung von interdisziplinären Hausarztzentren in Österreich gehe in eine gute Richtung. Aber die Reform müsse qualitativ hochwertig und auch möglichst rasch umgesetzt werden, so der Experte. (APA, 22.2.2019)