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Sopranistin Hilde Zadek gestorben

22. Februar 2019, 19:40

Die Kammersängerin prägte das Nachkriegsensemble der Wiener Staatsoper

Karlsruhe/Wien – Eine der größten Sopranistinnen des 20. Jahrhunderts ist tot. Hilde Zadek ist am Donnerstag im Alter von 101 Jahren in Karlsruhe verstorben, gab Freitagabend die Wiener Staatsoper bekannt. Staatsoperndirektor Dominique Meyer sprach von einer "bedeutenden Künstlerin, die das Nachkriegsensemble der Staatsoper repräsentierte wie wenige, eine legendäre Pädagogin, die Generationen prägte."

Zadek war Kammersängerin und Ehrenmitglied der Wiener Staatsoper. "Vor einigen Jahren habe ich sie auch persönlich kennenlernen und mich von ihrer warmherzigen, angenehmen Art begeistern lassen dürfen – vor einem Jahr haben wir in der Staatsoper gemeinsam ihren 100. Geburtstag gefeiert. Wir werden Hilde Zadek – unseren Sonnenschein, wie ich sie nennen durfte – vermissen", sagte Meyer. Die Wiener Staatsoper wird zum Zeichen der Trauer die schwarze Fahne hissen.

"Jahrhundertsängerin"

Anlässlich ihres 100. Geburtstags im Dezember 2017 wurde sie – nicht nur des Wortspiels wegen – als "Jahrhundertsängerin" gefeiert. Dabei war die am Donnerstag in Karlsruhe verstorbene gebürtige Preußin Hilde Zadek nicht nur als Sopranistin erfolgreich, sondern nach ihrem Rückzug von der großen Opernbühne als Lehrerin und Mentorin für die Förderung zahlreicher Nachwuchskarrieren verantwortlich.

Die jüdischstämmige Zadek, die am 15. Dezember 1917 im heute polnischen Bromberg geboren wurde und in Stettin aufwuchs, musste 1935 nach Palästina emigrieren. In Jerusalem verdiente sie sich als Säuglingsschwester und Verkäuferin von Kinderschuhen im Geschäft ihrer Familie, die sie hatte nachkommen lassen können, das Geld für ihr späteres Gesangsstudium, das sie erst im Alter von 22 Jahren begann. Nach dem Kriegsende studierte Zadek mit Stipendium am Zürcher Konservatorium und erzog als Au-pair-Mädchen die späteren Regisseure Thomas und Matthias Langhoff, bevor sie schließlich 1946 bei einer Bekannten auf den damaligen Chef der Wiener Staatsoper, Franz Salmhofer, traf und ihm vorsang.

"Aida" ohne Proben

Der Rest ist Staatsopern-Geschichte: Wenige Monate später war Zadek in Wien und bekam eine Woche darauf das Angebot, im Opern-Ausweichquartier im Theater an der Wien in der "Aida" einzuspringen. Sie sagte zu, ohne die Partie je zuvor studiert zu haben, ohne ein Wort Italienisch zu können, ohne eine einzige Probe zu bekommen und ohne je auf einer professionellen Bühne gestanden zu haben. "So lernte ich die Aida von 27. Jänner bis 3. Februar 1947, sang sie in der Wiener Oper zum ersten Mal und mit großem Erfolg, und am 4. Februar unterzeichnete ich meinen Vertrag als Solistin", erinnerte sich Zadek in ihrer Lebensrückschau "Die Zeit, die ist ein sonderbar' Ding".

Nach ihrem Engagement stieg sie in Wien rasch zu einer der tragenden Säulen des Ensembles und zu einer der renommierten Sopranistinnen ihrer Zeit auf. Zu ihren Glanzpartien zählten auch nach ihrem Ersteinsatz weiterhin Verdis "Aida", aber auch die Leonore aus Beethovens "Fidelio" und die Donna Anna aus Mozarts "Don Giovanni". Als "Herzenswerk" bezeichnete sie in einem APA-Interview zu ihrem 100. Geburtstag den "Rosenkavalier" von Richard Strauss mit der Marschallin. Sie sang aber auch in Uraufführungen, so etwa bei den Salzburger Festspielen in Carl Orffs "Antigonae". Zadeks Repertoire, das alle großen Strauss-, Verdi- und Mozart-Rollen beinhaltete, umfasste rund 60 Partien.

Bereits 1971 zog sich das Ehrenmitglied des Hauses am Ring dann mit einem Auftritt in der "Walküre" von der Bühne zurück und war seitdem in den USA, Österreich und nicht zuletzt in Israel als Lehrerin engagiert. Von 1964 bis 1978 leitete sie die Gesangsabteilung am Konservatorium der Stadt Wien. Seit 1999 ist ihr Name außerdem mit dem "Hilde Zadek Gesangswettbewerb" verbunden, der alle zwei Jahre junge Gesangstalente ins Rampenlicht holt.

Die Künstlerin war Trägerin des Ehrenkreuzes für Wissenschaft und Kunst und der Wiener Ehrenmedaille – und stolze Besitzerin des Großen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik Österreich. Dazu kam 2017 noch die Ehrenmitgliedschaft der Musikuniversität Wien. (APA, 22.2.2019)