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Was Frauen sind und wie sie leben sollen

Essay |
5. März 2019, 15:00

Ich wünsche mir, dass ich eines Tages einfach da sein kann – ohne einer Weiblichkeit zugerechnet zu werden. Ein Essay

Ich ging in ein Delikatessengeschäft. Rechts. Gleich neben der Tür. Eine Gruppe älterer Männer. Sieben oder acht saßen auf Barhockern um einen hohen Tisch. Sie hatten Weingläser vor sich. Ein Mann in weißer Schürze stand an den Tisch gelehnt. Er hielt eine Weinflasche.

Wenn in einem Western jemand den Saloon betritt, wenden sich alle Anwesenden dieser Person zu, und es ist sehr still. So war es auch im Delikatessengeschäft. Nach diesem kleinen Augenblick der schweigenden Einschätzung wurde gleich wieder geredet und laut gelacht. Na, da müsse er jetzt etwas arbeiten, wurde zu dem Mann in der weißen Schürze gesagt. "Hausfrau" war aus dem Stimmengewirr herauszuhören. "Schickes Mausi." Und dann wieder das laute Lachen. Ich drehte mich einfach um und ging hinaus.

Was mich umgedreht hatte. Und hinausgeführt. Es war der Begriff "Hausfrau" gewesen. Diese Männer im Pensionsalter hatten mir eine Uniform angezogen. Sie hatten meinen zivilen Status durch eine Uniform ersetzt. In dieser Uniform hätte ich sicher lächeln dürfen und dann meinen Käse bekommen. Ich hätte aber nicht mehr an der Weinverkostung teilnehmen dürfen. Vielleicht wäre ich zu einem Glas Wein eingeladen worden, wenn ich genug gelächelt hätte. Aber. Ich hätte nichts sagen dürfen. Oder besser. Ich wäre nicht gehört worden.

Keiner der weinverkostenden Männer hätte überhaupt vernommen, was ich gesagt hätte. In Weinfragen. Trotz der wunderbaren weiblichen Sommeliers. Und. Das scheint international zu sein. Bei einer Weinverkostung im Metropolitan Museum in New York. Ich war in die bezauberndsten Bezeichnungen für einen Vouvray verfallen und musste feststellen, dass rund um mich die Männer einfach weitergesprochen hatten. Dort. Das waren nun durchaus nicht auf eine altmodisch dominante Männlichkeit festgelegte biologische Männer. Ich hatte Vouvray für einen Roman recherchiert. Ich konnte in Theorie und Praxis diesen Wein beschreiben und loben. Ich hatte mich auf diese Weinverkostung gefreut. Aber.

Aber es ist kein Spaß

Genau wie schon in den späten 80er-Jahren. Ich hatte damals an einer Ausstellung zur Gestaltung von Weinbauterrassen in der Wachau, im Kamp- und im Kremstal mitgearbeitet. Es war eine große Gruppe von Winzern und Funktionären zu einer Besprechung versammelt. Der Gastgeber teilte Gläser Weißweins aus. Er versprach demjenigen, der die Sorte erraten könne, eine Kiste dieses Weins. Wir kosteten alle. Sie kennen die Rituale. Farbe. Geruch. Geschmack. Ich rief: "Das ist ein Chardonnay." Lange nach diesem Ausruf sagte ein Hofrat der niederösterreichischen Landesregierung: "Ich glaube, das könnte ein Chardonnay sein." Der Winzer schrie "bravo". Alle brachen in Applaus aus.

Mein Ausruf. Es hatte ihn nicht gegeben. Die Kiste mit Wein. Der Hofrat bekam sie. Er wollte mir eine Flasche abgeben. Er hatte das so gesagt. Abgeben. Ich hätte es ja schließlich auch erraten. Ich nahm die Flasche nicht an. Ich war gekränkt. Ich hatte wieder einmal den Unterschied der Anwendung von Gerechtigkeit aufgrund des Geschlechts erneut zu lernen gehabt.

In New York. Im letzten November. Da lachte ich nur mehr. Und. Dort hätte ich mir Gehör durch eine Spende von vielen tausenden Dollars erwerben können. Geschlecht ist da durch Geld zu übertrumpfen. Für die Männergruppe im Delikatessengeschäft in Wien gilt das sicher nicht. Wäre ich mit allen Zeichen von Besitz da eingetreten. Es wäre vielleicht nicht so laut reagiert worden. Aber Zulassung in Gleichheit. Eine unkommentierte selbstverständliche Anwesenheit. Sie wäre nicht gegeben worden. Darin ist unsere kulturelle Geschlechterungerechtigkeit durchaus nachhaltig und umfassend zu nennen. Und. Die Kommentare. Die Gruppe formierte sich über diese Äußerungen. Die Kommentare. Das Lachen. Sie machten mich zum Gegenstand und die Gruppe zur Gruppe. Das war vordergründig nicht "bös" gemeint. Nur ein Spaß. Darf man denn keinen Spaß mehr machen.

Aber es ist kein Spaß. Es ist Gewalt. Es ist eine fast langweilig beständig auftretende und allem unterliegende Gewalt. Diese Gewalt grundiert umfassend alle Kommunikation und ist die Quelle all der ausschließenden Gewalt, die gerade in unseren Staat eingebaut, den Staat umbauen wird. Ältere Frauen, die in ein Delikatessengeschäft kommen. Die sind ein Übungsgerät für diese Gewalt und die kommentierende und lachende Gruppe die Kontrollgruppe der Ausübung.

Auf Leiblichkeit beschränkt

So eine kommentierende und lachende Gruppe. Der ÖSV der 60er- und 70er-Jahre ist als solche Gruppe vorstellbar. Da fühlt sich einer dann schon einmal ermächtigt. Wenn so viel kommentiert und gelacht worden ist. Und der Gegenstand der Kommentare und des Gelächters, "die Dirndln", durch die Kommentare und das Gelächter schon in Besitz genommen worden waren. Wenn die jungen Frauen dann zu "Dirndln" abgewertet und verlacht, Gegenstände geworden sind. Und die Gruppe. Die Männergruppe. Die dann wiederum über die Jagdergebnisse der Einzelnen gemeinsam lachen und lachend kommentieren kann. Die verschworene Gruppe, die sich so herstellt. Konstituiert. Und so Politik macht.

Im Fall des Käsekaufs. Die Stereotypie von Hausfrau und feschem Mausi. Natürlich hätte ich meinen Käse kaufen können. Aber. Die Bezeichnungen. Sie fügen sich zu einer Aufenthaltsgenehmigung zusammen. In diesem Fall in diesem bestimmten Raum. Wie gesagt. Ich hätte als Hausfrau oder als fesches Mausi sogar an dem Tisch Platz bekommen. Aber es wäre diese eingeschränkte Identität gewesen. Bewegungslosigkeit wäre die Folge. Bedeutungsloses Herumgerede. Begegnung ganz sicher nicht.

Nun könnten wir sagen, dass das eine ziemlich gleichgültige Episode ist. Auch das Weinkosten in den 80er-Jahren. Vorfälle. Nicht wichtig. In den auffälligen Vorgängen. Da wehren wir uns. Da ist das Vorgehen gegen Ungerechtigkeiten und Gewalt eindeutig möglich. Kulturell. Wenn wir überlegen müssen, dass wir derzeit unter einer Regierung leben, die auf der "Verschiedenheit von Mann und Frau" besteht. Die also eine Kultur verstärkt, die zunächst Männer und Frauen auf ihre Leiblichkeit beschränkt. Das heißt, der Auftritt einer Person wird durch diese Leiblichkeit bestimmt. In der überhaupt nicht erreichten kulturellen Geschlechtergerechtigkeit bedeutet das die Verstärkung reaktionärer Geschlechterstereotypien. Unter einem solchen Regime.

Es braucht Zivilcourage

Die Männer im Delikatessengeschäft konnten sich in Erinnerung an eine sich die Dominanz zumutende Männlichkeit zusammenfinden. Eine demokratische Gleichheit für alle. Die bleibt da aus. Soll da ausbleiben. Gleichberechtigung. Zunächst einmal der Frauen. Sie bietet in einer solchen Konstellation nur noch Anlass für Scherze. Und das wäre das, was da herausgekommen wäre. Das scherzhaft vorgetragene und so ernsthaft mächtige Spiel mit Stereotypien. Ich muss Ihnen diese Repliken nicht vortragen. Sie bilden das insistente Alltagsgerede an Stammtischen. In Kaffeehäusern. In Skihütten. In Warteschlangen. An der Kaffeetheke in der Tankstelle. Im Großraumbüro. "Man wird doch noch sagen dürfen ..." – und schon geht es los.

Die Besessenheit der Welt mit der Frage, was Frauen sind und wie sie leben sollen. Genau diese Besessenheit muss aufgelöst werden. Das ist grundsätzlich. Das betrifft die Lebensweisen. Das betrifft Widerstände in der äußeren und in der inneren Welt. Gegen diese Widerstände vorzugehen. Dazu braucht es Zivilcourage in dem Sinn, dass es gegen uniformiertes Vorgedachtes gehen muss. In der äußeren Welt. Darin sind wir uns weitgehend einig. Es gibt Vorschriften, die uns ein Vorgehen hier ermöglichen. Ja. Die es verlangen. Wir hätten es sogar in die Verfassung geschrieben.

In der inneren Welt. In der Not, leben zu müssen. Jetzt. Gerade. In dieser bestimmten politischen und wirtschaftlichen Situation. In dieser Kultur, die uns die demokratische Gleichheit auf subtile und subversive Weise verwehrt. Es ist unumgänglich, ein Leben in diesen Bedingungen auszuhandeln. Auch mit sich selbst. Und. Es sind diese inneren Kompromisse, die mit allerhöchster Zivilcourage anzugehen sind. Denn. Wenn wir auch für uns einen Platz geschaffen haben, auf dem uns ein vollgültiges Leben möglich ist. So dürfen wir diese Kompromisse nicht zum Schaden anderer zur Wirkung kommen lassen. In der Angelegenheit der Geschlechtergerechtigkeit, die alle anderen Forderungen nach demokratischer Gleichheit nach sich zieht.

Einfach da sein können

Ich wünschte mir, dass ich eines Tages in ein Delikatessengeschäft gehen und einfach da sein kann. Dass mein Beitrag zur Önologie gehört wird, ohne einer Weiblichkeit zugerechnet zu werden. Die Erscheinung als vollständige Person. In vollem Recht. Stellen Sie sich vor. Wir könnten einander dann ohne jede Schwierigkeit unterstützen. Es könnte selbstverständlich sein, das würdige Leben für alle herzustellen. Und selbst eines zu leben. Mit all den wunderbaren Folgen, die Berechtigtheit und Anerkennung nach sich zögen. Paradiesisch. Und für alle. Denn die Mächtigen jetzt sind in der Ausübung der Macht zu ihrer eigenen Selbstzerstörung gezwungen. Diese Erkenntnis kommt erst mit dem Schreiben dieses Texts. Eigentlich ging ich aus dem Delikatessengeschäft wegen des Gelächters hinaus. Wegen dieses sich in der Übereinstimmung in der Einschätzung dieser Frau einigen Gelächters. Alles, was mit einer Frau so vorgehabt werden kann. Das ist in diesem Gelächter erzählt. Und. Die Männergruppe hat sich in diesem Gelächter bestätigt.

Manchmal hoffe ich, dass das ein Generationenproblem ist. Aber dem ist nicht so. Alle Dominanz verhält sich so. Die zur Beschreibung der Dominanz Abgewerteten werden schematisch aufgefasst. Daraus wird der Gruppenzusammenhalt gebastelt. Diese Gruppenbildung reicht vom Delikatessengeschäft bis zu den Massenvergewaltigungen in gewalttätigen Auseinandersetzungen. Immer geht es um die Männergruppe und ihren Zusammenhalt. Oberstrichter Kavanaugh kennt dieses Gruppengelächter sicher sehr gut. Das wird von Bildungssystemen gefördert. Wir kennen das in den Burschenschaften. Das wird benutzt. Wenn junge Männer, die gefangen genommen, zum Soldatensein gezwungen, zu einer Truppe zusammengeführt werden sollen. Es werden Massenvergewaltigungen veranstaltet, um in dieser Überschreitung eine Gemeinschaft zwischen den Männern mittels der Schuld dieser Überschreitung herbeizuzwingen. Die vergewaltigten Frauen und Männer werden zu einem Bindemittel für die Vergewaltiger gemacht, um noch mehr Gewalt ausüben zu können. Und. Das ist eine universelle Strategie der Macht. Aber. Es muss diese Macht bekämpft werden. Bei uns. Wenn wir uns nur an den ÖSV oder die katholische Kirche erinnern. Es wird nicht reichen, bestimmte Delikatessengeschäfte zu meiden. (Marlene Streeruwitz, Album, 5.3.2019)

Marlene Streeruwitz' neuer Roman "Flammenwand" erscheint am 22. Mai im S.-Fischer-Verlag.