Foto: Marktflecken Villmar

Warum Ortskerne aussterben

3. März 2019, 12:00

Neubaugebiete sorgen für Leerstand in Zentren. Die Geschichte einer deutschen Stadt zeigt das eindrucksvoll. Parallelen zu Österreich gibt es viele

Kirche, Rathaus, Bäckerei – das Zentrum von Villmar sieht aus wie der typische Ortskern einer kleinen deutschen Stadt. Vor allem die alten Fachwerkhäuser geben dem mittelhessischen sogenannten Marktflecken sein charakteristisches Aussehen. Erst wer genauer hinschaut, sieht den Leerstand. 43 ungenutzte Häuser gibt es im 7000 Einwohner großen Villmar. "Sowohl die Stärken als auch die Schwächen liegen im Ortskern", sagt Magdalena Leyser-Droste, Architektin am Institut für Landes- und Stadtentwicklungsforschung in Aachen. Sie hat sich ausführlich mit der Entwicklung von Villmar beschäftigt und ihre Ergebnisse kürzlich bei einem Vortrag in Wien vorgestellt. Sie sind, wie sich schnell zeigt, auf viele deutsche und österreichische Städte anwendbar.

Die historischen Bauwerke im Ortszentrum, so Leyser-Droste, sind die Wahrzeichen der Stadt und haben eine ortsbildprägende, positive Wirkung. "Sie sind identitätsstiftend, werbe- und wettbewerbswirksam", so die Architektin. Das Zentrum mit seinen Fachwerkhäusern ist auf der Homepage und auf Touristenbroschüren abgebildet. Denn am Fuße der Stadt verläuft die Lahn, ein Fluss mit einem stark frequentierten Radwanderweg. Beste Voraussetzungen also für einen idyllischen Ort, der noch dazu nur eine Autostunde von Frankfurt am Main entfernt liegt und gut an das Bahn- und Straßennetz angebunden ist. Und dennoch: Der Ort schrumpft. Das zeigt sich am Leerstand im Zentrum, so Leyser-Droste. Bei den Einfamilienhäusern am Ortsrand gebe es zwar einen Preisverfall, sie finden aber immer wieder Käufer.

Gemeinsame Nutzung

Um den Entwicklungen auf den Grund zu gehen, hat Leyser-Droste Baualterskatasterpläne untersucht und die Gebäude von Villmar jeweils der Zeit zugeordnet, in der sie errichtet wurden. Bis 1945 war die Entwicklung klar: In den Gebäuden aus den verschiedenen Epochen wird gewohnt, nebenan werden Dienstleistungen angeboten oder Waren verkauft. Auch das Straßennetz passt sich an die Bauten an, verläuft bis heute "netzartig", wie die Expertin es nennt. Das Zusammenspiel prägt den typischen Ortskern.

Dann, in den Jahren von 1946 bis 1969, verdoppelt Villmar seine Ortsfläche. Im Norden entsteht ein Neubaugebiet mit gleichförmigen, also parallel verlaufenden Straßen, Baugrundstücke werden großzügiger. "Es kommt, wie in vielen Städten, zu einem Suburbanisierungsprozess", sagt Leyser-Droste und meint: Es entstehen autogerechte Einfamilienhaus-Gebiete am Stadtrand, in denen der Traum vom Wohnen im Grünen umgesetzt werden kann.

Ein Phänomen, das auch in Österreich nur allzu gut bekannt ist. In der Charta von Athen wurde auf einem internationalen Städtebaukongress im Jahr 1933 die Trennung von Industrie und Wohngebieten gefordert. "In Österreich wurde das in den Folgejahren zum Grundprinzip der Raumplanung erhoben", kritisiert Thomas Dillinger vom Institut für Raumplanung der TU Wien. Hinzu kommt die steigende Motorisierung ab den 1960er-Jahren. "Weil man längere Strecken zurücklegen kann, wird auch weiter draußen gebaut", sagt Robert Korab vom Städtebaubüro "Raum & Kommunikation". In Österreich ist die Zersiedelung allerdings noch stärker als in Deutschland. "Das merkt man sofort, wenn man von Tirol über die Grenze nach Bayern fährt", so Korab. Schuld daran seien die Gemeinden, denn sie haben in Österreich die Raumordnungskompetenzen. "Es gibt viel regionalwirtschaftliche Beeinflussung. Es ist der klassische Fall: Ein Bauer kommt mit einem Anliegen zum Bürgermeister, der widmet rasch ein Grundstück um", so Korab. Das passiere oft nicht nach raumplanerischen Prinzipien.

Bedrohte Existenz

Zurück im Örtchen Villmar: Ab 1990 folgen den Wohnsiedlungen auch Dienstleistungen und Versorgung. Schulen, Geschäfte und Sportstädten werden am Ortsrand gebaut, für die Läden im Ort ist das existenzbedrohend. "Damals wurde der langsame Verfall des Ortskerns eingeleitet, seit 30 Jahren ist er ein schleichendes Phänomen", sagt Leyser-Droste. Sie erklärt: Durch die Geschäfte am Stadtrand verändert sich das Kaufverhalten und somit auch die Intensität der Begegnungen von Bewohnern.

Diese Zersiedelung habe sich auch in Österreich in den 1980er-Jahren extrem fortgesetzt, so Korab. Damals sind Fachmarktzentren an den Ortsrändern entstanden – "mit den Klassikern Takko, Jello Schuhe und Kik". Heute, so der Experte, würden viele Gemeinden das gerne rückgängig machen. Und auch im beschaulichen Villmar, so erzählt die deutsche Architektin, werden heute wieder Neubaugebiete näher am Ortskern erschlossen. (Bernadette Redl, 3.3.2019)