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Licht und Schatten im US-Schulsystem

Gastkommentar |
5. März 2019, 07:00

Wo die gebildete Oberschicht wohnt und Vermögenssteuern fließen, ist es hervorragend. Anderswo sind die Bedingungen unerträglich

Die Unis dieser Welt versuchen seit langem, von den US Elite-Unis zu lernen. Kaum jemand kommt aber bei uns auf die Idee, von US-K12 zu lernen, also dem Schulsystem vom Kindergarten bis zur zwölften Schulstufe. Wie es dort zugeht, wissen die meisten bloß aus Disneys High-School-Musical. Wer dem Gymnasium die ewige Treue geschworen hat, dem ist das US-System ohnehin ein Gräuel: das Beispiel einer leistungsorientierten Gesamtschule. Nur Eliteprivatschulen mit einem Schulgeld von 50.000 Dollar im Jahr finden Gefallen vor dem strengen Auge des europäischen Bildungskonservativismus.

Kritik am US-Schulsystem ist durchaus angebracht. Der Stanford Soziologe Sean F. Reardon zeigt auf Basis von Millionen Leistungstests aus allen US-Schulbezirken, wie ungleich Schulbildung nach Region und ethnischer Herkunft verteilt ist. Die Studierenden der besten Schulen, die nicht zufällig im Silicon Valley und bei Boston liegen, sind den schlechtesten um sechs Jahre voraus. Unterschiede zwischen den Ethnien schwanken stark – in machen Schulbezirken gibt es sie gar nicht. Wo es sie gibt, werden sie vor allem durch Einkommens- und durch Vermögensunterschiede, aber auch durch Segregation verursacht.

Krasse Gegensätze

Weil die Schulen zu etwa einem Viertel über Vermögenssteuern finanziert werden, feiert das Matthäus-Prinzip fröhliche Urstände: Dort wo die Immobilienpreise und das Steueraufkommen hoch sind und die gebildete Oberschicht wohnt wie hier im Silicon Valley, dort sind auch die öffentlichen Schulen hervorragend. In anderen Gegenden herrschen unerträgliche Bedingungen. Schulen sind baufällig, und Lehrende bekommen Hungerlöhne. In Tulsa, Oklahoma, formierte sich 2017 eine spontane Wutlehrer-Bewegung mit Kollektivkrankenständen, Streiks und Massendemonstrationen. Erst jüngst streikten die Lehrer in Denver.

Die aktuelle OECD-Bildungsstudie zeigt, dass US Lehrer kaufkraftbereinigt lange Zeit gleich viel wie ihre österreichischen Kollegen verdienen – am Ende der Dienstzeit verdient man in Österreich aber um 15 Prozent mehr. Und: An österreichischen Schulen wird weniger unterrichtet – 800 Nettounterrichtsstunden im Vergleich zu fast 1000 in den USA. Für Schüler ist die Unterrichtspflicht in Österreich mit 705 Stunden im Jahr deutlich niedriger als in den USA mit 971 Stunden.

Systemvergleich

Das US-System scheint gerechter zu sein als das unsere: Der Anteil der Migranten mit Hochschulabschluss ist mit 14 Prozent größer, und immerhin 44 Prozent der Hochschulabsolventen stammen aus einer Nichtakademikerfamilie. In Österreich sind das nur sieben und 38 Prozent. Kostengünstiger ist das US-System auch: Pro Schüler und Jahr in der Sekundärstufe liegen wir in Österreich bei 15.000 Dollar, in den USA bei 13.000 Dollar. Die Abschlussquoten in den USA sind höher als in unserer Sekundärstufe, obwohl bei uns neun Schüler auf einen Lehrer kommen, in den USA 15. Glaubt man diesen Zahlen, ist das US-Schulsystem effizienter und besser.

Das mag auch daran liegen, dass die öffentlichen Schulen zumindest hier im Silicon Valley ausreichend administratives Personal haben. Lehrer können sich auf den Unterricht konzentrieren. Unsere High School beschäftigt neben 110 Lehrer mehr als 50 Personen in der Administration, darunter ca. 20 Beraterinnen, die u. a. bei der Klassenwahl helfen. Die Wahlmöglichkeiten sind enorm: neun Mathematikklassen auf unterschiedlichem Niveau, viermal Weltliteratur, 22 unterschiedliche Sprachklassen, je sechs Wissenschafts- und Sozialwissenschaftsklassen, an die 20 Klassen in Musik und Kunst, und jede Menge Sport. Gar nicht so einfach, aus diesem Angebot sechs bis sieben Klassen auszuwählen, die dann jeden Tag zwischen acht und 16 Uhr besucht werden. Wie auf den Unis herrscht das Prinzip Selbstbestimmung, wo bei uns der autoritäre Bildungskanon regiert. Dennoch ist der Druck auf die Studierenden enorm, weil man nur mit anspruchsvollen Klassen und guten Noten die Chance auf einen Platz an einer Topuniversität wahrt.

Alles getracked

Die Lehrbücher sind ganz hervorragend, man bekommt sie in doppelter Ausfertigung geliehen, damit man nicht schleppen muss. Jeder bekommt leihweise ein Notebook, Aufgaben werden über Google-Classroom gegeben, eingesammelt und gefeedbackt. Die Eltern können sämtliche Beurteilungen, Fehlzeiten und jedes Zuspätkommen ihrer Kinder mit einer Eltern-App nachvollziehen – ein Albtraum für jeden österreichischen Mittelschüler.

Die Lehrer haben einen Klassenraum, die Studierenden kommen zu ihnen. Das hat vor allem einen Effekt: Nicht der Lehrer muss jede Stunde in eine mehr oder weniger "feindliche" Klasse, sondern die Schüler besuchen jede Stunde eine andere Klasse und eine andere Lehrerin. Der psychologische Vertrag unterscheidet sich nicht nur dadurch grundsätzlich: Studierende und Lehrende arbeiten zusammen, um den gemeinsamen Erfolg den Eltern zu zeigen. In vielen österreichischen Schulen verbünden sich die Eltern mit ihren Kindern gegen die Lehrenden. In einer guten US-High-School ist es viel leichter als bei uns, ein toller und motivierender Lehrer zu sein. (Michael Meyer, 4.3.2019)

MICHAEL MEYER ist Professor für NonProfit-Management an der WU Wien und zurzeit Visiting Scholar an der Stanford University. Er schreibt für uns aus Palo Alto.