Foto: Asja Caspari

Ein Angebot an alte weiße Männer

Rezension |
2. März 2019, 09:00

Der alte weiße Mann ist das Feindbild der Feministinnen, und genau den sucht Sophie Passmann in ihrem Buch um herauszufinden, wie er tickt

Sophie Passmann fällt schon länger auf. Sie arbeitet als Autorin beim Neo Magazin Royale und wird dort von Jan Böhmermann immer wieder vor den Vorhang geholt. Kein Wunder: Passmann hat einen schlagfertigen, zündenden Witz, den sie auch auf Twitter ordentlich auslebt, sie ist informiert, belesen und klug. Passmann begann in der Poetry-Slam-Szene, landete bald beim Journalismus, absolvierte zwischendurch ein Politikwissenschafts- und Philosophiestudium, ist Radiomoderatorin und Zeit Magazin-Kolumnistin, und gerade hat sie ihr zweites Buch geschrieben. Sie ist 24 Jahre alt.

Man braucht gar nicht erst versuchen, nicht von Passmann beeindruckt zu sein, oder, um die Beeindrucktheit ein bisschen zu relativieren, in ihrem Buch nach Unsicherheiten, Meinungsschwäche, juveniler Blödheit oder gravierenden Unfertigkeiten zu suchen: Die Erfolgsaussicht ist gering. Sie lässt sich höchstens in ein paar seltenen Momenten ein wenig von charismatischen Blendern blenden, aber das soll ja in den abgebrühtesten Frauenkreisen vorkommen.

Schon das Vorwort ihres Buchs Alte weiße Männer ist enorm klug, klar und auf dem Punkt und dabei, ja, verständnisvoll ihrem Objekt gegenüber. Dieser alte weiße Mann ist seit Beginn von #MeToo zu einem Begriff geworden: zu einem Synonym für starre, überhebliche Unbelehrbarkeit, für Sexismus, für eine Blindheit gegenüber den eigenen, angeborenen Privilegien, für einen saturierten Unwillen, einen Wandel zu fördern oder zuzulassen, der dazu führen würde, dass Frauen Gleichberechtigung erlangen in allen Bereichen.

Der alte weiße Mann ist das Feindbild der Feministinnen, und genau den sucht Passmann in ihrem Buch (und findet ihn auch mehrmals), um herauszufinden, wie er tickt, ob er gesprächsbereit und, letztlich, resozialisierbar ist. Und um zu ergründen, was junge Männer tun können, um keine alten weißen Männer zu werden.

Feminismus als Angriff

Das Buch behauptet im Untertitel, "ein Schlichtungsversuch" zu sein: Aber es ist eher Passmanns Bemühen um ein Verständnis für radikalen Feminismus, von dem ihr klar ist, dass viele der Männer, mit denen sie sich für ihr Buch verabredet hat, ihn als Angriff empfinden. Was er natürlich auch ist und sein muss.

Wie Passmann im Vorwort schreibt: "Jede Frau, die Feminismus ernsthaft betreibt, muss sich von der Idee verabschieden, sich damit bei einem Großteil der Männer beliebt zu machen." Sascha Lobo, Passmanns erster Gesprächspartner, pflichtete ihr an anderer Stelle, nämlich unlängst in seiner Spiegel-Kolumne, bei, in der er über eine junge österreichische Feministin schreibt: "Andere würden sie vermutlich ‚radikale Feministin‘ nennen, aber ich glaube, das wäre pleonastische Redundanz: Nicht radikaler Feminismus erscheint mir so sinnvoll wie ein Diätsekt-Stehempfang der Wiener U-Boot-Veteranen."

Es ist für Feministinnen eine so große Erleichterung, wenn man das einmal von einem Mann hört. Denn Feministinnen, ältere jedenfalls, sind es wahrscheinlich aus einer höflichen Sozialisation heraus gewohnt, sich ständig für ihren Feminismus zu entschuldigen, dafür, dass die Welt zu den Frauen so ungerecht ist, und sie, sorry!, leider schon wieder auf diesen Missstand, diese Ungerechtigkeit, diesen Sexismus hinweisen müssen, schon wieder Stress machen. Man stört ja ungern die Harmonie, aber.

Es ist ermutigend und macht Hoffnung, Feministinnen wie Sophie Passmann zu erleben, die unter dieser Entschuldigungszwangsneurose nicht mehr leiden, sondern von der Gesellschaft, von den Männern, die das System noch immer prägen, eine Änderung erwarten, einen Aufbruch, einen Willen zur Gerechtigkeit, auch wenn das ein bisschen unbequem für sie wird.

Grenzen des Erträglichen

Es ist auch unbequem für Feministinnen, unter anderem weil man bei jedem männlichen Gegenüber immer erst seine und damit die eigene Position ausloten muss. Auch Passmann erfährt das in ihren Gesprächen mit den alten und jungen weißen Männern immer wieder: mitunter als traurige Überraschung bei Männern, die sie eigentlich für schon für weiter einschätzte. Andere, wie Rainer Langhans oder auch Kai Diekmann, bringen mit ihren Haltungen Frauen und dem Feminismus gegenüber nicht nur Passmann an die Grenzen des Erträglichen, sondern auch die Leserin. Da hat alles Argumentieren keinen Sinn mehr.

Die Männer, mit denen Passmann für ihr Buch einen Sommer lang sprach, stammen aus verschiedenen Generationen und unterschiedlichen politischen Lagern, sind aber alle in ihrem Bereich wichtig, respektiert oder zumindest gefürchtet. Na ja, außer Rainer Langhans. Sie geht Kaffee trinken mit Sascha Lobo, trifft die Medienmänner Ulf Poschardt, Jörg Thadeusz, Marcel Reif, Christoph Amendt und Micky Beisenherz, isst Suppe mit Kai Diekmann, macht ein Picknick mit dem Kabarettisten Claus von Wagner, trifft die Politiker Robert Habeck, Kevin Kühnert und Peter Tauber, isst bei Tim Raue und, ach ja, mit ihrem eigenen Vater in einem Steaklokal. (Sie ist Veganerin.)

Es sind keine Interviews, sondern kleine, analytische Reportagen, die manchmal einen optimistischen Ausklang haben und an vielen Stellen das Unbehagen spürbar machen, das entsteht, wenn zwei Menschen auf keinen grünen Zweig kommen. Meist ist man, no na, auf Passmanns Seite.

An ganz raren Stellen verwirrt einen Passmann ein wenig: Wenn sie wie im Gespräch mit dem Fashion-Blogger Carl Jakob Haupt wiederholt behauptet, wie klug der Mann sei, was sich mit seinen Ansichten nicht belegen lässt. Es macht das Buch so spannend und manchmal nervenzerfetzend, wie Passmann ihre Gesprächspartner geduldig und unerbittlich an ihre Grenzen führt, wenn sie sie etwa zwingt, ihre Haltung zur Quote preiszugeben – die der größere Teil ihrer Gesprächspartner ablehnt, mit unterschiedlich fantasievollen Begründungen.

Poschardt findet sie unsinnlich, Haupt, 33, ist gegen Quoten, denn "das greift mir zu sehr rein", er glaube zudem, die himmelschreiende Benachteiligung von Frauen sei "ein Phänomen, über das wir in 30 Jahren nicht mehr sprechen werden". Das ist eine im Buch und im Leben wiederkehrende Prophezeiung: Das werde sich eh alles von selber regeln.

Betriebseinstellung ändern

Wenn man aber vor 30 Jahren schon da war, sieht man das anders, weil man das damals schon gehört hat. Und weil man jetzt weiß: Wenn es um das Gleichberechtigungstempo geht, darum, die Macht einer Gruppe einzuschränken, um die einer anderen auszuweiten, dann sind 30 Jahre viel kürzer, als man mit 24 glaubt. Mit 24 kann man sich nicht vorstellen, wie viel in 30 Jahren nicht passieren kann.

Wenn jetzt nicht reingegriffen wird, ist in 30 Jahren alles noch gleich. Passmann ahnt das. Und sie weiß, dass man sich mit radikalen Forderungen bei vielen Männern keine Freunde macht: "Feminismus ist kein Wunschkonzert", schreibt sie. Auch wenn sie versuche, "das Ganze so versöhnlich, so herzlich, so lustig wie möglich zu machen".

Sie macht das gut. Man ist gern dabei, wie sie die alten oder jungen weißen Männer nicht nur interviewt, sondern auch von der Notwendigkeit des Feminismus zu überzeugen versucht. Wobei der alte weiße Mann, das ist bekannt, in erster Linie ja nicht einfach der unbelehrbare Sexist, sondern ein strukturelles Phänomen ist, weil die patriarchalische Gesellschaft so sehr von und für alte weiße Männer eingerichtet ist, dass ihre Privilegien unsichtbar sind – sie ist die Betriebseinstellung, wie Sascha Lobo sagt.

Sogar veränderungswillige, frauensolidarische Männer tun sich oft schwer, diese Betriebseinstellung zu ändern, das zeigt sich auch in Passmanns optimistischeren Gesprächen.

Ihr Buch, schreibt sie, sei "nicht der Versuch, die Geschlechterungerechtigkeit wegzulächeln oder Sexismus mit einem Glas Wein in der Sonne zu beenden. Es ist ein Gesprächsangebot." Es lohnt sich, dieses Angebot anzunehmen. (Doris Knecht, Album, 2.3.2019)

cover: kiwi verlag

Sophie Passmann, "Alte weiße Männer. Ein Schlichtungsversuch". 12,40 Euro / 304 Seiten. Kiepenheuer & Witsch 2019