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Chemische Industrie hält Verzicht auf Plastik für unmöglich

6. März 2019, 10:32

Österreichs Kunststoffindustrie verschreibt Rezepte gegen den Plastikmüll. Österreich müsse mehr recyceln

Wien – Das Plastiksackerlverbot ist für Sylvia Hofinger nur Symbolpolitik. Auch mit der Absage an Wattestäbchen aus Kunststoff ließe sich die Welt eher nicht retten. Weit klüger wäre ein flächendeckendes Deponieverbot in der EU gewesen, meint die Chefin des Fachverbands der Chemischen Industrie. Europa habe rund um seinen Abfall jedenfalls noch etliche Hausaufgaben zu erledigen.

Österreichs chemische Industrie reagiert auf die immer schärfer geführten Debatten rund um weltweit wachsende Plastikberge mit einem Paket an möglichen Gegenmaßnahmen. Eines schickt Hofinger aber gleich vorweg: Auf Kunststoff zu verzichten sei undenkbar. Es sei der meistverwendete Werkstoff. Um fossile Rohstoffe zu ersetzen, reichten die biogenen Ressourcen auf Dauer nicht aus. Das Schlüsselwort aus Sicht der Branche ist daher Recycling.

Zwei Drittel werden verbrannt

Eine Million Tonnen an Kunststoff gelangen jährlich nach Österreich. 300.000 Tonnen davon machen allein Verpackungsmaterialien aus. Lediglich ein Drittel des Plastikmülls wird wiederverwertet. Zwei Drittel werden nach wie vor verbrannt, was angesichts des hohen Aufwands der Plastikfertigung Energieverschwendung ist. Weltweit summiert sich die jährliche Kunststoffproduktion bereits auf 330 Millionen Tonnen. Prognosen zufolge soll sich diese Menge bis 2050 verdreifachen.

Plastik beliebig oft im Kreislauf zu führen sei technisch durchaus möglich, sagt Hofinger – etwa über chemothermische Verfahren. Dabei werden Kunststoffketten in ihre Einzelbestandteile zerlegt und somit Ausgangsmaterial für neues Plastik. Da die Technologie jedoch noch nicht ausgereift sei, brauche es Anreizsysteme, um sie zu fördern. Entscheidend für die gute Rezyklierbarkeit von Kunststoffen ist auch die Abkehr von Verbundmaterial. Je sortenreiner sie gefertigt werden, desto einfacher ist die Wiederverwertung. Auch Farbgebung spielt mit herein: Je transparenter und heller das Plastik, desto leichter lässt es sich recyceln.

Pfand auf dem Prüfstand

Kein Weg vorbei führt Hofinger zufolge an einem Ausbau der Sammel- und Sortiersysteme, um die bloße Verbrennung hintanzuhalten. Sie will dazu Gespräche mit dem Handel und anderen Industrieverbänden über Pfandsysteme für PET-Flaschen führen. Die EU verlangt bei deren Sammlung bis 2029 eine Quote von 90 Prozent. Österreich schafft derzeit allein 73 Prozent. Recycelt werden in Summe nur 34 Prozent der Flaschen.

Bis 2025 muss jedoch, so will es die EU, die Hälfte aller Kunststoffabfälle wiederverwertet werden. Ohne branchenübergreifende Lösung ließe sich das in diesem Zeitraum aber nicht realisieren, warnt die chemische Industrie. Sie rät auch zu Mehrweg statt zu Einweg – sofern es ökologisch und hygienisch sinnvoll sei. Glas etwa verliere den besseren ökologischen Fußabdruck bei Transporten über mehr als 250 Kilometer.

Verpflichtende Ökobilanz

Politischen Maßnahmen wie einem Verbot des Plastiksackerls müsse künftig eine verpflichtende Ökobilanz in Österreich vorangehen, fordert Hofinger. Diese hätte im Fall des Sackerls ergeben, dass Plastik Papier aufgrund seines geringeren Ressourcenverbrauchs schlage. Hofinger appelliert daran, den Nutzen von Kunststoff genau abzuwägen. In Plastik verschweißte Gurken verhinderten etwa, dass 15 Prozent des Gemüses aussortiert werden müssten. In Kunststoff verpacktes Fleisch erhöhe im Vergleich zu offen verkaufter Ware die Haltbarkeit. Differenzierung sei auch beim sogenannten Biokunststoff angesagt, denn dieser stehe in Konkurrenz zu Nahrung und Futtermitteln.

Wer sich vor allem auf den guten Willen der Konsumenten verlässt, steht oft auf verlorenem Boden. Der Anteil der Wiener, der den Haushaltsmüll nicht trennt, stieg von 20 auf 29 Prozent. (Verena Kainrath, 6.3.2019)