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Mediziner in Bosnien: Bleiben oder gehen?

10. März 2019, 09:00

Immer mehr bosnische Mediziner verlassen das Land auf der Suche nach einer besseren Zukunft. Medizinstudierende wollen gegensteuren

Die Gerüchteküche in Bosnien und Herzegowina brodelt. Ein neues Gesetz, das in Deutschland Anfang 2020 in Kraft treten soll, wird es für Fachkräfte noch einfacher machen, einzuwandern. Das könnte dramatische Folgen für den bosnischen Gesundheitssektor haben, sagt Mirza Ibris imovic, Professor an der Sarajevo Medical School. "Die jungen Leute gehen, die Alten bleiben. Wie soll das funktionieren?", fragt er.

Die Emigration aus Bosnien ist seit Jahren hoch – und sie steigt weiter. So werden an der deutschen Botschaft in Sarajevo weltweit die meisten Visaanträge für den Umzug nach Deutschland gestellt. Von rund 7400 Anträgen im Jahr 2015 ist die Zahl 2017 auf etwa 17.000 gestiegen. Das gilt auch für hochqualifizierte Fachkräfte: Ende 2017 arbeiteten 429 bosnische Ärzte in Deutschland, knapp 20 Prozent mehr als im Vorjahr. Das bestätigt die deutsche Bundesärztekammer. Auch in Österreich ist die Zahl deutlich gestiegen: von acht bosnischen Ärzten im Jahr 2010 auf 79 Ende 2017.

Verantwortung übernehmen

Und langsam, aber sicher macht sich der Ärztemangel in Bosnien bemerkbar. Viele kündigen ihre Jobs, und in ländlichen Gebieten wird die Anfahrtszeit zum nächsten Mediziner immer länger. Die Lage sei ernst, wie der Präsident der Ärztekammer der bosnischen Föderation, Harun Drljevic, zur Tageszeitung Oslobodenje sagte: "Die Emigration von Ärzten ist nichts Neues, aber langsam nimmt sie epidemische Ausmaße an. Am gefährlichsten ist, dass viele Jungmediziner das Land verlassen, die Träger unseres Gesundheitssystems."

Auch unter den Medizinstudierenden wird das Thema Auswanderung heiß diskutiert. "Viele Bosnier glauben, im Ausland ist alles besser, und sie wollen weg. Das liegt in unserer Mentalität begründet, aber die Menschen übertreiben es völlig", sagt Irfan Hodzic, der im dritten Jahr Humanmedizin studiert. Der 20-Jährige hat gerade Mittagspause und steht vor dem grünen Gebäude der medizinischen Fakultät der Universität Sarajevo. Er selbst will bleiben, sagt er. Es liege in der Verantwortung seiner Generation, etwas zu verändern.

Wenig Gehalt für Ärzte

Das sieht auch seine Studienkollegin Ela Spahic so: "Wenn ich eine gute Stelle hier finde, werde ich nicht auswandern. Das ist mein Heimatland, hier lebt meine Familie." Sie hat gerade eine Prüfung hinter sich gebracht und diskutiert die Ergebnisse mit ihren Kommilitonen.

Spahic ist 20 Jahre alt und hat noch einige Jahre Studium vor sich, doch was ihr jetzt schon Sorgen bereitet, ist die wirtschaftliche und politische Lage. Ärzte verdienen hierzulande vergleichsweise wenig. Während das Einstiegsgehalt für eine Assistenzarztstelle in Deutschland bei rund 4400 Euro liegt, bekommt man in Bosnien für dieselbe Arbeit etwa 500 Euro. Dazu kommen die angespannte politische Situation sowie die hohe Korruption.

"Es kann leicht passieren, dass man keinen Job bekommt oder gekündigt wird, wenn man nicht Mitglied einer bestimmten Partei ist", sagt Spahic. Das bestätigt auch Ibrisimovic – das richtige Parteibuch sei für die Vergabe von beliebten Stellen häufig ausschlaggebend. "25 Jahre nach Kriegsende funktioniert vieles noch immer nach denselben Mustern", sagt er.

Internationaler Austausch

Ibrisimovic ist 2003 für sein Studium nach Österreich gegangen, weil er sich bessere Studien- und Arbeitsbedingungen erhofft hat. "Ich hatte aber Heimweh. Nach elf Jahren bin ich wieder zurückgekehrt." An der Sarajevo Medical School, einem Studiengang an der Sarajevo School of Science and Technology, will er nun zeigen, dass es möglich ist, auch in Bosnien eine umfassende Ausbildung anzubieten. Im QS World University Ranking belegt sie Platz 571 von 1000 und ist damit die beste Universität Südosteuropas, erzählt er stolz. Der Forschungsstandort Bosnien und Herzegowina soll gefördert werden.

Um den internationalen Austausch zu stärken, ist die Studiensprache Englisch. Die Hälfte der derzeit 180 Medizinstudierenden kommt aus dem Ausland, die Hälfte aus Bosnien. "Wir ermutigen Studierende dazu, Erfahrungen in anderen Ländern zu sammeln. Aber wir hoffen, dass viele von ihnen wieder zurückkommen", sagt er.

Neben Englisch ist Deutsch die zweitwichtigste Sprache, die an der Fakultät unterrichtet wird. Das hat allerdings seinen Preis: Für Bosnier kostet das Studium hier 7200 Euro im Jahr, für ausländische Studierende 12.000 Euro. Das Medizinstudium an der Universität Sarajevo ist mit 3000 Euro erschwinglicher, zusätzlich übernimmt der Staat die Gebühren für diejenigen Studierenden mit den besten Noten.

Ins Ausland und dann wieder zurück

Einer der Studierenden, der sich dennoch für die Sarajevo Medical School entschieden hat, ist Amar Balihodzic (24). Im vergangenen Sommer war er für ein Praktikum im St. Anna Kinderspital in Wien, seitdem will er in die Krebsforschung. Um nach seinem Studium Erfahrungen zu sammeln, plant er zuerst ins Ausland zu ziehen – in die USA, nach Deutschland oder nach Österreich -, und dann später nach Bosnien zurückzukommen, um hier zu unterrichten.

Das neue Einwanderungsgesetz für Fachkräfte in Deutschland begrüßt er: Es erlaube den Menschen, ihre Träume zu verwirklichen. "Auf der anderen Seite werden Gesetze wie dieses unweigerlich negative Effekte auf osteuropäische Länder haben", sagt er. Doch die Dynamiken dahinter seien dieselben wie überall auf der Welt: Gut ausgebildete Junge zieht es in Richtung Ballungsräume, wo die Bezahlung höher ist und die Karrierechancen größer sind. Was es also wirklich brauche, sagt Balihodzic, sei eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen innerhalb Bosniens. Ein Weckruf für die Politik, so hoffen viele. (Alicia Prager, Sejla Mehic, 10.3.2019)