Warum so wenige Frauen den Code knacken wollen

8. März 2019, 11:00

Die Computerwissenschaften sind hierzulande ein hartes Pflaster für Frauen. Trotz zig Initiativen verändert sich der Anteil der Frauen in der IT kaum. Zum Frauentag sucht DER STANDARD nach Ursachen und Gegenstrategien – und lässt Informatikerinnen zu Wort kommen, die sich in der Männerdomäne wohlfühlen

Jedes Kind kann mit einem Smartphone umgehen. Sämtliche Lebensbereiche sind durchdigitalisiert. Wir sind umgeben von Informatik, leben tagtäglich mit Algorithmen und deren Auswirkungen. Am Horizont dräut der großflächige Einsatz künstlicher Intelligenz, ein Produkt ausgefeilter Programmierung von Informatikern – hauptsächlich männlichen wohlgemerkt.

Denn so facettenreich das Forschungsgebiet heute ist, so einseitig sind die Geschlechterverhältnisse. Trotz langjähriger Initiativen, Mädchen für die IT zu begeistern, dümpelt in Österreich der Anteil an Frauen unter Informatikabsolventinnen ohne große Veränderungen bei gerade einmal 15 Prozent dahin – und das, obwohl die Wirtschaft händeringend nach IT-Fachkräften jeden Geschlechts sucht, um den Anschluss an die internationale Entwicklung in Bezug auf Industrie 4.0, Machine Learning und künstlicher Intelligenz nicht ganz zu verpassen.

Das Phänomen ist auch anderswo bekannt, doch nicht überall so eklatant wie im deutschsprachigen Raum. In Bulgarien waren 2017 laut einer Eurostat-Untersuchung 26,5 Prozent der IT-Fachkräfte weiblich. Dem Spitzenreiter folgten vor allem östliche und nördliche EU-Staaten. Österreich lag mit 15,6 Prozent unter dem EU-Schnitt von 17,2 Prozent. Bei den US-Tech-Riesen sieht es im Übrigen nicht viel anders aus. Bei Apple waren im Jahr 2017 23 Prozent der IT-Jobs von Frauen besetzt, bei Facebook 19 Prozent.

Konservative Strukturen

Viele Schülerinnen trauen sich schlicht nicht zu, Informatik zu studieren.
foto: imago/thomas lebie

Doch was ist los? Hat die weibliche Hälfte der Generation Smartphone kein Interesse an technischen Details? Hat der Klischeetyp des tendenziell asozialen, jungen, männlichen Computernerds das Fach so fest im Griff, dass Frauen es sich dreimal überlegen, bevor sie sich das antun? "Wir leben in Österreich und in Mitteleuropa in einer konservativen Gesellschaft mit konservativen Familien- und Denkstrukturen", sagt Gertrude Kappel. Die Professorin am Institut für Softwaretechnik und interaktive Systeme ist im Dekanat der Fakultät für Informatik der TU Wien unter anderem für Diversity zuständig.

"Informatik ist eindeutig technisch konnotiert", sagt Kappel. Daher rufe sie uralte Stereotypen auf den Plan, die Buben eher für technische Fächer befähigt sehen als Mädchen. Stereotype, die sich immer wieder reproduzieren, wenn Uni-Stellen, Forschungsinstitute genauso wie die Chefetagen der Techbranche zum größten Teil männlich besetzt werden.

Die Auswirkungen dieser Rollenbilder sind nach wie vor desaströs. In einer Studie der Fachhochschule Oberösterreich, in der mehr als hundert Schülerinnen befragt wurden, gaben neun von zehn Mädchen, die über ein Informatikstudium nachdachten, an, dass ihnen nahegelegt wurde, doch etwas Soziales, Kommunikatives oder Frauenspezifisches zu studieren. Wenig verwunderlich die daraus resultierenden Selbstzweifel: 75 Prozent der befragten Schülerinnen trauten sich ein Informatikstudium nicht zu.

Noch immer herrsche die Vorstellung von weltfremden Techies vor, berichten viele Expertinnen – ein falsches Bild, wie Kappel betont. "20 Prozent des Informatikstudiums haben mit logischem Denken zu tun, manchmal auch mit nächtelangem Tüfteln an einem Problem. 80 Prozent bestehen darin, Probleme zu verstehen, über Lösungsansätze zu kommunizieren und mit der Gesellschaft zu interagieren."

Und, der Vollständigkeit halber: "Logisch denken können Frauen genauso gut wie Männer." Neurobiologische Erklärungen, die Unterschiede im Gehirn für den Gender Gap verantwortlich machen wollen, halten sich hartnäckig, sind aber nachweislich Humbug. Schließlich war das Handwerk des Programmierens in den Anfängen des Computerzeitalters in den 50er- und 60er-Jahren eine absolute Frauendomäne (siehe Artikel hier).

IT ist in Indien und Malaysia viel weiblicher

Auch heute ist Informatik nicht überall ein "Männerfach": In Indien beträgt der Frauenanteil in den Computerwissenschaften rund 40 Prozent, in Malaysia bis zu 50 Prozent, ähnlich ist es in arabischen Ländern. Studien haben gezeigt, dass gerade in Ländern, in denen wenig Gleichberechtigung und soziale Absicherung herrschen, Frauen in der IT einen sicheren Job und ein gutes Einkommen sehen. In Ländern, wo die Gleichstellung weiter fortgeschritten ist, hätten Frauen mehr Wahlmöglichkeiten und würden sich daher öfter für eine andere Ausbildung entscheiden, so die These.

Doch auch wenn hierzulande Sexismus und Ungleichbehandlung kaum mehr so offensichtlich gepflegt würden wie zu früheren Zeiten, sei mitunter ein "latentes Unbehagen Frauen gegenüber" zu spüren, sagt Kappel. Und es könne immer noch vorkommen, dass ein männlicher Kollege ein Gespräch unter Informatikerinnen mit folgendem Satz quittiert: "Na habt ihr eine wissenschaftliche Tupperparty gehabt?", wie Kappel von einer Begebenheit vor nicht allzu langer Zeit berichtet. Sie könne so etwas ignorieren, aber "eine Studienanfängerin läuft davon, wenn ihr so etwas passiert".

Auch wenn solche Vorfälle nur eine Minderheit betreffen, Tatsache ist, dass viele Frauen aus verschiedensten Gründen im Lauf ihrer Karriere durch "Lecks in der Pipeline" verlorengehen (unter anderem durch die Geburt eines Kindes) – auch wenn sich die Tendenz langsam zu ändern scheint, zumindest an den technischen Universitäten insgesamt. Daten speziell für das Fach Informatik liegen diesbezüglich nicht vor.

Doch was tun angesichts dieses tiefen Grabens zwischen den Geschlechtern? Bei den Kleinsten anfangen, ist Laura Kovacs, Informatikerin an der TU Wien, überzeugt. "So wie unsere Kinder schreiben und lesen lernen, sollten sie von Beginn an lernen, mit Computern umzugehen. Mit spielerischen Mathematikübungen kann man schon im Kindergarten anfangen."

Agata Ciabattoni, ebenso Informatikerin an der TU Wien, sieht das Problem vor allem in Österreichs geteiltem Schulsystem: "Kinder müssen zu früh entscheiden, was sie einmal machen wollen. Eltern schicken Töchter eher an sprachorientierte als an technische Schulen."

Die vielzitierten Role Models seien nicht primär ausschlaggebend dafür, dass Frauen in einem männerdominierten Feld reüssieren, hat die Sozialwissenschafterin Marita Haas in einer FWF-Studie herausgefunden. Vielmehr gehe es um eine gewisse Offenheit in Bezug auf Lebens- und Karriereplanung, ein ermutigendes Umfeld und strukturelle Maßnahmen wie Quoten und Diversitätsinitiativen.

Allein die Bezeichnung eines Studiengangs ist entscheidend dafür, wie viele Frauen sich dafür anmelden, wie Isabel Roessler vom deutschen Centrum für Hochschulentwicklung in der groß angelegten Studie "Fruit: Frauen in IT" herausgefunden hat. Je mehr die praktischen Anwendungen in der "echten Welt" durchklingen, desto höher der Frauenanteil. Dafür sprechen auch die Zahlen: So waren in Österreich 2017 24,6 Prozent Frauen im Informatik-Zweig Wirtschaftsinformatik inskribiert, aber nur 7,9 Prozent im Fach Telematik.

Programmierkurse nicht nur für Nerds

Was Kursgestaltung und neue Lehrpläne bewirken können, zeigt das Beispiel der renommierten US-Universität Carnegie Mellon: Um den Frauenanteil im Fach Informatik zu steigern, wurden umfassende Interviews mit Studierenden geführt, Highschool-Lehrer geschult und neue Curricula entwickelt. Zwischen 1995 und 2000 stieg der Anteil an Studienanfängerinnen von sieben auf mehr als 40 Prozent.

Fest steht: Den Unis ist das Problem bewusst. Und es wird weiter versucht, mit allen Mitteln die Männerdomäne Informatik zu knacken: Maturanten und Maturantinnen, die das Gefühl haben, sie könnten nicht mit den Nerds mithalten, können sich mit speziellen Online-Programmierkursen auf das Studium vorbereiten. Mentoring-Programme begleiten Erstsemestrige von Anfang an, interdisziplinäre Brücken werden geschaffen, um das Informatikstudium attraktiver zu gestalten. In Doktoratsprogrammen gibt es häufig eine Frauenquote. Davon profitieren vielfach weibliche Studierende aus Ost- und Südeuropa sowie aus Ländern des Vorderen Orients, die nach Österreich strömen.

"Es besteht die begründete Hoffnung, dass wir in 20 Jahren nicht mehr über dieses Thema reden müssen", ist Gertrude Kappel überzeugt. "Heute ist ein anderer Druck von Frauen vorhanden, die langsam in alle Bereiche vordringen." Es wird sich zeigen, ob die vielen Maßnahmen letztlich greifen, um die starren Geschlechterverhältnisse dauerhaft aufzubrechen – damit mehr Frauen die Ausgestaltung der digitalen Zukunft in die Hand nehmen. (Karin Krichmayr, 8.3.2019)

Illustration: Fatih Aydogdu, Grafiken: Daniela Yeoh

foto: getty images

Wie ist es allein unter Männern? Was ist so faszinierend an der Informatik? Und wie könnten mehr Mädchen und Frauen dafür gewonnen werden? Wir haben mit vier Frauen gesprochen, die mitten drin sind – von der HTL-Schülerin bis zur Informatikprofessorin.

Elisabeth Schröttner, HTL-Schülerin

Ich wollte schon als kleines Kind immer wissen, wie etwas funktioniert und warum. Ich bin nicht so der religiöse Typ, ich muss immer alles erklären können. Im Realgymnasium in Köflach, das ich besucht habe, gab es einen Physik- und Chemieschwerpunkt, das hat mich sehr interessiert. Bei einem Orientierungstest, den ich bei der Grazer Bildungsmesse gemacht habe, hat sich bestätigt, dass eine HTL für mich das Richtige ist.

"Die Burschen wissen, dass es praktisch ist, Mädchen in der Klasse zu haben."
foto: foto sulzer

Jetzt gehe ich in die fünfte Klasse der HTL Bulme (Bundeslehranstalt für Maschinenbau und Elektrotechnik) in Graz, Zweig Elektrotechnik. Wir sind zwei Mädchen von 24 Schülern in der Klasse, angefangen haben wir zu viert. Ich habe mir immer schon mit Buben leichtgetan und habe hauptsächlich männliche Freunde. Mädchen werden bei uns an der Schule nicht anders behandelt – nur manchmal, wenn es um körperliche Arbeiten geht, das nehme ich mir aber nicht zu Herzen. Die Burschen wissen außerdem, dass es praktisch ist, Mädchen in der Klasse zu haben, wenn es um Mitschriften oder anderes Organisatorisches geht.

Ich programmiere gern und interessiere mich vor allem für das Thema Energie. Nach der Matura möchte ich zuerst ins Ausland gehen und dann an der Montanuniversität Leoben Industrielle Energietechnik studieren. Zurzeit baue ich in meinem Diplomarbeitsprojekt "Green Village" mit zwei Mitschülern ein kleines Haus mit Photovoltaikspeicher und Wärmepumpe, mit dem wir simulieren, wie es am energieeffizientesten betrieben werden kann.

Ich glaube, dass die Entscheidung von vielen Mädchen, in welche Schule sie gehen, stark vom Freundeskreis abhängt. Es ist eben schon so, dass in den HTL kaum Mädchen sind und in den HLW (Höhere Lehranstalt für wirtschaftliche Berufe) viel weniger Burschen. Ich glaube, manche haben Angst davor, allein in eine neue Schule zu gehen, so wie ich das getan habe. Mädchen mit Interesse an Technik und Informatik rate ich aber auf jeden Fall, einfach eine entsprechende Schule auszuprobieren. Im schlimmsten Fall hat man ein Jahr verschwendet.

Elisabeth Schröttner (19) besucht eine HTL in Graz.

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Lisa Ehrlinger, Forscherin für Datenqualität

Derzeit mache ich mein Doktorat in Informatik und forsche an der Universität Linz und am Software Competence Center Hagenberg (SCCH) zum Thema Datenqualität. Das Ziel ist dabei, die Qualität von Daten, die oft fehlerhaft, unvollständig oder doppelt abgespeichert werden, automatisch zu messen und dauerhaft zu überwachen. Heute treffen Computer wie Menschen immens viele Entscheidungen aufgrund von Datenauswertungen – man denke nur an selbstfahrende Autos oder die Vorschläge von Suchmaschinen. Trotzdem lässt die Qualität der Daten im Hintergrund oft zu wünschen übrig.

"Man kann auch Informatikerin werden, wenn man Big Bang Theory nicht lustig findet."
foto: scch

Als Kind wollte ich eigentlich das Verhalten von Wölfen erforschen. In der HLW für Kommunikations- und Mediendesign in Linz – die übrigens sehr frauenlastig war – hatte ich eine sehr motivierte Informatiklehrerin, die dazu beigetragen hat, dass ich mich für das Fach begeistern konnte. Nach der Matura habe ich in verschiedenen Jobs gearbeitet und bin schließlich in der IT der Diözese Linz gelandet. Da habe ich gesehen, wie sehr mir dieses Gebiet liegt. Ich habe daher neben dem Beruf ein Informatikstudium begonnen, wo ich ein sehr egalitäres, angenehmes Klima erlebt habe. Mit meinem durchwegs männlichen Umfeld hatte und habe ich Kontakt auf Augenhöhe. Ich schätze es sehr, dass ich nicht bevorzugt behandelt werde, weil ich eine von wenigen Frauen bin.

Ich glaube, dass die sogenannte Generation Smartphone gar nicht so technikaffin ist, wie ihr oft zugeschrieben wird. Es gibt wenig kritisches Denken und Interesse daran, wie Technologien wirklich funktionieren. Junge Frauen sollten unbefangener ausprobieren, ob sie damit etwas anfangen können, und sich von dem Gedanken befreien, dass sie von Anfang an eine Top-Leistung liefern müssen. Es ist okay und normal, wenn man mal eine Prüfung nicht schafft. Der "Nerd-Faktor" ist zwar ein Klischee, an dem auch etwas Wahres dran ist. Man kann aber auch eine hervorragende Informatikerin werden, wenn man Big Bang Theory und Programmierwettbewerbe nicht lustig findet.

Lisa Ehrlinger, geboren 1989, forscht an der Johannes-Kepler- Universität Linz und am Software Competence Center Hagenberg.

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Anna Lukina, Drohnenforscherin

Mein Weg zur Informatik war kein geradliniger. Weil mir Mathematik lag, habe ich zunächst das Studium der Computermathematik und Kybernetik an der Moskauer Staatlichen Universität angefangen, ohne viel über Informatik Bescheid zu wissen. Das analytische Denken und das Lösen von Problemen mit Algorithmen fand ich sehr inspirierend, und ich bin immer mehr in das Feld hineingewachsen. Unter den rund 400 Studierenden waren etwa 25 Prozent Frauen, abgeschlossen haben noch weniger.

"Ich arbeite gern an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Disziplinen."
foto: serge stratan

Ich gehörte zu jenen, die das Studium erfolgreich absolvierten, aber trotzdem hatte ich Zweifel, ob ich als weibliche Computerwissenschafterin in Russland Karrierechancen haben würde. Ich traute es mir nicht zu, einen Job in der IT-Branche zu bekommen – und hatte auch keinerlei weibliche Vorbilder. Also entschloss ich mich, in Richtung Wirtschaft zu gehen, und studierte Finanzwesen. Ich arbeitete als Risikomanagerin und Analystin in Banken, hatte ein ruhiges Leben und ein gutes Einkommen. Doch die Forschung fehlte mir.

Ich hatte das Glück, in das Doktoratskolleg LogiCS (Logical Methods in Computer Science) aufgenommen zu werden. Das Projekt wird vom Wissenschaftsfonds FWF finanziert und von den TUs in Wien und Graz und der Uni Linz betrieben. Das Programm ist einzigartig, weil 30 Prozent der Positionen weiblichen Kandidatinnen vorbehalten sind. Seit 2015 bin ich an der TU Wien, wo ich daran forsche, wie das Schwarmverhalten von Tierherden auf Algorithmen für die autonome Entscheidungsfindung von Drohnen übertragen werden kann. Ich arbeite gern an der Schnittstelle zwischen verschiedenen Disziplinen und habe zuletzt Projektionen, die auf Schwarmverhalten basieren, für den Ball der Wissenschaften entworfen.

Für mich ist es sehr motivierend, mich mit anderen Forscherinnen auszutauschen. Oft reicht es, mit anderen Frauen zu sprechen und Fragen zu stellen, um Ängste abzubauen. Ich finde, jede Informatikkonferenz sollte Events speziell für Frauen haben, davon gibt es noch zu wenig.

Anna Lukina, geboren 1987, ist Projektassistentin am Institut für Computer Engineering der TU Wien. Demnächst tritt sie eine Stelle am Institute of Technology (IST) Austria an.

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Ruth Breu, Informatikprofessorin und Institutsleiterin

Es war ein Mathematiklehrer, der mich für Computer begeistert hat. In dem Gymnasium in Berchtesgaden, wo ich aufgewachsen bin, gab es damals die ersten PCs. Ich war zwar im neusprachlichen Zweig, konnte aber einen Mathematikschwerpunkt wählen. Für die Facharbeit habe ich die Berechnung der Zahl Pi programmiert. Das hat mir Spaß gemacht, und so bin ich bei der Studienwahl bei Informatik gelandet.

"Ab dem Zeitpunkt, wo ich an der Uni war, habe ich gezündet."
foto: claudia bachlechner

Ab dem Zeitpunkt, wo ich an der Uni war, habe ich gezündet. Ich hatte nie einen Zweifel daran, dass es das Richtige für mich war. Die Situation, was die Zahl der Frauen betrifft, war 1983, als ich in Passau das Studium begonnen hatte, nicht anders als heute. Es hat mir aber nie etwas ausgemacht. Auch wenn es mir manchmal auffällt, dass ich die einzige Frau unter 100 Männern bin. Diskriminierung habe ich nicht erfahren, ganz im Gegenteil, ich wurde oft gefördert. Ja, es fiel der eine oder andere blöde Spruch, aber das war eine Seltenheit.

Nach der Habilitation arbeitete ich als Softwareconsulterin für Unternehmen, bis ich eine Stelle an der Uni Innsbruck bekam, wo gerade der Bereich Informatik aufgebaut wurde. Ich glaube, warum ich in meiner Karriere so weit gekommen bin, hat einerseits damit zu tun, dass ich fleißig und ehrgeizig bin, und andererseits damit, dass ich immer das Gefühl habe, etwas Sinnvolles, gesellschaftlich Relevantes zu machen.

In meiner Forschung zur Softwarequalität geht es darum, die faszinierenden Technologien, die die Digitalisierung mit sich bringt, kontrollierbar und damit sicherer zu machen. Wir versuchen, in Modellen die Strukturen von IT-Landschaften von Unternehmen abzubilden und zu verbessern. Man kann damit aber auch Verkehrsinfrastruktur oder Gebäudetechnik modellieren.

Es muss an vielen Faktoren liegen, warum gerade im deutschsprachigen Raum die Frauenquote in der IT viel niedriger ist als in Frankreich oder Italien, angefangen bei Eltern und Kindergarten. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass man auf Lehrerebene ansetzen muss, um etwas zu verändern. Gut ausgebildete Informatiklehrende sind Mangelware.

Ruth Breu, geboren 1964, ist Leiterin des Instituts für Informatik der Universität Innsbruck und Leiterin der Forschungsgruppe "Digitale Plattformen" bei Fraunhofer Austria.