Foto: We Work / Robert Rieger

Wien im Visier der Coworking-Riesen

9. März 2019, 15:00

Coworking boomt. Dabei geht es um mehr als das Anmieten eines Schreibtisches. Das Angebot in Österreich steigt

Ein Einzelbüro neben dem anderen, am Ende des Ganges eine finstere Teeküche: So wird das Büro der Zukunft mit Sicherheit nicht ausschauen. Denn flexible Arbeitsformen wie Coworking sind auf dem Vormarsch. In Coworking-Spaces können sich Ein-Personen-Unternehmen, Start-ups, aber auch große Unternehmen Schreibtische oder ganze Räume mieten – und dort nicht nur arbeiten, sondern auch miteinander netzwerken.

In Europa sind die flexibel anmietbaren Flächen zwischen 2014 und 2018 um 140 Prozent gewachsen, nämlich von 1,4 Millionen auf 3,4 Millionen Quadratmeter. Das zeigt eine Studie von JLL aus dem Vorjahr. Und bis 2022 sollen diese Flächen demnach jährlich um bis zu 30 Prozent wachsen.

Eröffnungen in Wien

Mit etwas Zeitverzögerung kommt die Entwicklung in Österreich an: Spaces, ein Unternehmen des Regus-Konzerns IWG, bietet seit Juni des Vorjahrs im Orbi Tower in Wien-Erdberg flexible Büroflächen, Meetingräume, Coworking-Bereiche und eine Community zum Netzwerken an. Drei weitere Standorte sind bereits bekannt: Im The Icon am Hauptbahnhof soll "im Lauf des Sommers" eröffnet werden, außerdem wird Spaces im Bürogebäude Square One in der Muthgasse (19. Bezirk) und im "Haus am Schottentor" (City) einziehen.

Ende März steht auch die offizielle Eröffnung des ersten Wiener Standorts des italienischen Anbieters Talent Garden an. 5000 m² hat man in der Liechtensteinstraße im 9. Bezirk bezogen. Auf drei Etagen kann bereits gearbeitet werden, das Café im Erdgeschoß sollte in Kürze eröffnet werden.

Wirklich große Player wie We Work (USA) oder Mindspace (Israel) lassen in Wien aber noch auf sich warten. Im Vorjahr wurde We Work fast mit den Entwicklern des Prater Glacis, der IG Immobilien, handelseins – aber nur fast. Im nahen München betreiben We Work und Mindspace längst Locations. Man schaue sich den Wiener Markt, so wie auch andere Märkte, an, heißt es auf STANDARD-Anfrage unisono.

Expansionslust

Allerdings könnte es für weitere Ansiedlungen großer Anbieter schwierig werden. Heuer werden auf dem Wiener Büromarkt nur sehr wenige neue Flächen fertiggestellt – und diese sind bereits größtenteils vorvermietet. Erst 2020 kommen wieder größere Flächen auf den Markt, etwa in den Bauteilen 1 und 2 des Quartier Belvedere Central beim Hauptbahnhof. Eine weitere Möglichkeit wäre der Bauteil C des bereits erwähnten Prater Glacis im zweiten Bezirk, der 2020 fertiggestellt wird. Laut einer Sprecherin der IG Immobilien finden Gespräche mit potenziellen Mietern statt, darunter auch ein Coworking-Anbieter.

Talent Garden, das sich als Innovations-Hub für Kreative versteht, betreibt derzeit europaweit 23 Standorte, 14 davon in Italien. Laut Martin Giesswein, Mitglied des Boards, ist man hierzulande grundsätzlich an weiteren Standorten interessiert, auch Graz werde man sich ansehen – sobald der erste Wiener Standort "läuft".

Ganz groß am Expandieren sind Mindspace und We Work. 28 Standorte und 14.000 Mitglieder zählt Mindspace derzeit, allein im Vorjahr wurden 16 neue eröffnet, unter anderem in Frankfurt, München und Bukarest.

350 Euro im Monat

We Work hat mittlerweile 400.000 Mitglieder an 602 Standorten, die bereits eröffnet sind oder demnächst eröffnen, in hundert Städten auf der ganzen Welt. Das einstige Start-up wird heute mit bis zu 20 Milliarden Dollar bewertet – das ist insofern beachtlich, als es einen Großteil der Immobilien, die es vermietet, nicht einmal selbst besitzt. Kritiker monieren zudem, dass Coworking-Anbieter so teuer sind, dass der klassische Einzelunternehmer sich einen Schreibtisch nicht mehr leisten kann. Ein Beispiel: Ein "Hot Desk" am Oskar-von-Miller-Ring in München kommt auf 350 Euro monatlich – dabei handelt es sich nur um einen "beliebigen freien Platz in der Lounge".

Bei We Work sind Großmieter ein wachsendes Segment. Der Vorteil für Unternehmen im Coworking-Space: Sie sind flexibel und können jederzeit kündigen – oder eben auch kurzfristig aufstocken. Mittlerweile bietet We Work sogar an, Büros für Großunternehmen zu verwalten, etwa für IBM oder Amazon. Das bedeutet aber auch: We Work trägt viel Risiko, wenn die Zeiten schlechter werden. Für diesen Fall sieht man sich aber auch gut aufgestellt: Besonders in Krisenzeiten sei Flexibilität beim Arbeiten gefragt, heißt es auf STANDARD-Anfrage.

Und We Work beschränkt sich auch nicht mehr auf das gemeinsame Arbeiten. In einem weiteren Schritt setzt der globale Anbieter mit Sitz in New York City nun in den USA auf Co-Living. Denn irgendwo müssen die jungen Coworker ja auch wohnen. (Martin Putschögl, Franziska Zoidl, 9.3.2019)