Foto: Christian Fischer

Tom Neuwirth, Conchita und Wurst: Große Diva und harter Bursch

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8. März 2019, 18:30

Der Musiker erfindet sich gerade neu und tritt künftig in zwei Rollen auf

Mit mörderhohen roten Hacken an den Füßen spazierte 2011 eine bärtige Dame auf die Bühne der ORF-Show Die große Chance und wuchtete mit hoch dramatischem Augenbrauenspiel einen Schmachtfetzen ins Mikrofon. Finger zeigten auf sie, Tuscheln – ein bisschen wirkte es, als säße das Publikum vor einem Zoogehege. Aber schließlich brach der Saal in Jubel aus. Das war die Geburtsstunde von Conchita Wurst.

Die "neue" Conchita: Wurst.
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Castingshow-Afficionados kam das Wesen zwischen Mann und Frau vielleicht bekannt vor. 2006 hatte es unter seinem bürgerlichen Namen Tom Neuwirth bei Starmania teilgenommen: geboren 1988 in Oberösterreich, schwul, Schüler der Modeschule in Graz. Neuwirth wurde bei Starmania Zweiter – wie auch Conchita 2012, als sie bei der heimischen Vorauswahl für den Song Contest knapp scheiterte.

Conchita gewann an Ernst

Im Nachhinein erwies sich das nicht als Nachteil. Die fiktive Biografie – Geburt in den Bergen Kolumbiens – trat in den Hintergrund. Dass die Kunstfigur 2013 als PR für den großen deutschen Markt für die RTL-Sendung Wild Girls in High Heels durch Afrika trippelte, war bald vergessen. Conchita gewann an Ernst. Warum Wurst? "Weil es eben wurst ist, woher man kommt und wie man aussieht."

Mit dieser Botschaft nahm Conchitas Karriere an Fahrt auf. Deren Höhepunkt: Mit dem auf die queere Fangemeinde zugeschnittenen Song Rise like a Phoenix gewann die Sängerin 2014 den Song Contest.

Keine biologische Frau sah zu jener Zeit in einem Kleid besser aus. Mit dem Ruf "We are unstoppable", richtete sich Conchita bei ihrem Triumph gegen die Diskriminierung von Schwulen. Solche hatte sie als Tom in der Jugend erlebt. Euphorische Stimmen werteten den Sieg als einen des liberalen Europa.

Bussi-Bussi statt Aufklärung

Beeindruckend klug und charmant agierte Conchita bei jedem der vielen Auftritte, zu denen sie nun weltweit eingeladen wurde. Sie traf im selben Jahr den damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon und sprach vor dem EU-Parlament in Brüssel.

Aus Aufklärung wurde aber bald Bussi-Bussi. Die Sängerin wurde Werbeträgerin für eine Bank, die Alben Conchita und From Vienna With Love überzeugten kaum. Die LGBTQ-Empowermentgeste begann, schal zu schmecken. 2018 erklärte Neuwirth als Reaktion auf eine Erpressung, HIV-positiv zu sein. Das brachte ihm Respekt ein. Nach kurzzeitigem Zottellook erfindet er sich jetzt mit mehr Muskeln, Latex und geschorenem Kopf wieder neu. (Michael Wurmitzer, 8.3.2019)