, Marie-Theres Egyed

Andreas Schieder: Roter Routinier rügt Rechtspopulisten

Andreas Schieder hatte viele Funktionen in der SPÖ. Nun ist er erstmals Spitzenkandidat. Für die EU-Wahl hat er sein Feindbild gefunden – die FPÖ, die an der Zerstörung Europas arbeitet

Von dem Spruch "Schick den Opa nach Europa" hält Andreas Schieder nicht viel. Der bald 50-Jährige fällt zwar in die Kategorie roter Berufspolitiker, ist aber der zweitjüngste der Spitzenkandidaten für die kommende EU-Wahl. Nur Claudia Gamon, die Nummer eins der Neos, ist jünger.

Auch dass er weggelobt wurde oder gar eine Verlegenheitslösung sei, weil Parteichefin Pamela Rendi-Wagner nach dem turbulenten Rückzug von Christian Kern im September schnell einen soliden, verlässlichen Kandidaten suchte, lässt er ungern so stehen. Dabei war er es, der stets behauptete, es gebe nur drei Traumjobs für Sozialdemokraten: Bundeskanzler, Klubchef und Wiener Bürgermeister. Heute relativiert er das und sieht den Ruf der Parteichefin auch als Berufung.

Durch Waldheim politisiert

Der rote Routinier betont die Bedeutung der Wahl, sie sei historisch. "Die wildgewordenen Nationalisten und die Konservativen arbeiten an der Zerstörung Europas". Er will Ungleichheiten beseitigen und Schwache stützen. Er möchte die Übermacht der multinationalen Konzerne brechen und gegen den Klimawandel kämpfen. Das seien die Themen, mit denen Menschen auf ihn zukommen, etwa im Zuge der Debattencamps, die moderne Version des roten Vorwahlkampfs quer durch die Bundesländer.

Unfreiwillig früh wurde Andreas Schieder zum Spitzenkandidaten der SPÖ gekürt. Jetzt ist er mitten im Wahlkampf angekommen und will die "wild gewordenen Nationalisten" stoppen.
foto: der standard/urban

Und auf die Herausforderungen des Klimawandels und der Digitalisierung hätten die Nationalisten nun mal keine Antworten. Damit ist klar, mit wem sich Schieder in den nächsten Wochen am meisten reiben wird: mit den Freiheitlichen, wieder einmal. Das hat nicht nur damit zu tun, dass der studierte Volkswirt eine persönliche Abneigung gegen blaue Politiker hegt; im Parlament ist er dafür bekannt, in allen Fraktionen Freundschaften zu pflegen, außer eben in den Reihen der FPÖ – aus Prinzip. Die Rechtspopulisten sind erstmals auch eine erst zu nehmende Gefahr für die europäischen Sozialdemokraten, sie könnten das Rennen um Platz zwei bei der Wahl machen. Die Akzeptanz für unionsskeptische Europapolitik à la Orban und Kurz ist gestiegen, es gibt erstmals eine Rechtsfraktion im EU-Parlament, die nach der Wahl auch wegen des Brexits mandatsmäßig die Sozialdemokraten überholen könnte.

Rote Traumjobs

Der passionierte Bergsteiger und Skitourengeher – er ist auch Präsident der Naturfreunde – hatte schon viele Funktionen in der SPÖ inne. Selten drängte er dabei in den Vordergrund, jetzt muss er. Politisiert durch die Waldheim-Affäre trat er, damals noch mit schulterlangen Locken, der Sozialistischen Jugend bei. Vom Aufbegehren aus den Anfangsjahren ist wenig geblieben, aber der große Rolling-Stones-Fan erklärte das einst damit, dass sich auch Mick Jagger heute makrobiotisch ernähre.

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Er war Bezirksrat in seinem Heimatbezirk Penzing, fast zehn Jahre Gemeinderat, nach einem kurzen Gastspiel als Nationalrat folgte 2008 der erste Wechsel ins Rampenlicht. Als Staatssekretär für Finanzen wurde er in der rot-schwarzen Regierung unter Werner Faymann als Aufpasser für Josef Pröll installiert – mit ihm verbindet ihn bis heute eine Freundschaft. Bei der Neuauflage von Rot-Schwarz 2013 unter Faymann wird er Klubchef im Parlament – der erste Traumjob ist erreicht.

Mit dem zweiten läuft es dann nicht so rund. Schieder bemüht sich um die Nachfolge von Michael Häupl als Wiener Bürgermeister, es ist auch ein Machtkampf zwischen Team Haltung, dem sich Schieder zugehörig fühlt, und jenen Roten, die eine Koalition mit den Blauen nicht ausschließen. Schieder muss sich im Jänner 2018 Michael Ludwig geschlagen geben. Der hat nun seinen wirklichen Traumjob. Und Bundeskanzler? "Den stellt die SPÖ leider gerade nicht", sagt Schieder und lacht.

Er habe sofort zugesagt, als ihn Rendi-Wagner Anfang Oktober fragte, ob er Spitzenkandidat für die EU-Wahl werden will. Der Anruf kam beim Mountainbiken, die Tour habe er abgebrochen, er war mit Gedanken mehr in Brüssel als im Wienerwald.

Selbstverständlich sei er überzeugter Europäer, sagt Schieder mit Inbrunst. Seine Überzeugung mag damit zusammenhängen, dass er bereits in seiner Jugend in der Europapolitik aktiv war. Ende der 1990er-Jahre war er erster gewählter Präsident der Europäischen Jungsozialisten. Mitstreiterinnen von damals sind etwa EU-Außenbeauftragte Federica Mogherini oder die deutsche SPD-Chefin Andrea Nahles.

Er habe den Eindruck, europäische Politik werde mit den Ellenbogen betrieben. Wohin das führt, sehe man in Polen. "Ich habe Angst, dass die Kräfte, die die Gesellschaft zusammenhalten, zerbrechen. Wenn einmal etwas kaputt ist, kann man es nur ganz schwer wiederaufbauen." Das sei die Lehre aus den 1930er-Jahren.

Er ist keiner, der emotionsgeladene Reden schwingt, er bleibt nüchtern und unaufgeregt, das rote EU-Programm spult der bekennende Rapidler auf Knopfdruck ab. Wahlkampf ist für ihn wirklich nichts Neues mehr. Er ist Pragmatiker und beherrscht das politische Spiel zwischen Vorpreschen und Parteilinientreue. Wenn man so lange dabei ist, könne man auch abstumpfen, manchmal sei er zynisch, sagen Kollegen.

Auch Schieders Familiengeschichte ist mit der Partei verflochten. Sein Vater Peter war Zentralsekretär und außenpolitischer Sprecher, eine Funktion, die auch der Sohn ausübt. Seine Lebensgefährtin Sonja Wehsely, mit der er einen erwachsenen Sohn hat, war Wiener Gesundheitsstadträtin.

Heikle Themen

"Er ist im Habitus bürgerlich und im Denken ein gestandener Sozialist", sagt Reinhold Lopatka, der mit ihm viele politische Sträuße ausgefochten hat. Trotzdem verbindet die langjährigen großkoalitionären Sparringspartner – sie waren zeitgleich Staatssekretäre und Klubobmänner – so etwas wie Freundschaft. Der mit allen politischen Wassern gewaschene Steirer Lopatka schätzt die Zuverlässigkeit seines Kontrahenten. Trotz aller ideologischen Gegensätze könne man mit ihm rational, ohne Hickhack verhandeln. Natürlich schöpfe er alle Möglichkeiten aus, um die Interessen der SPÖ durchzusetzen, aber er sei keiner, der dabei Grenzen überschreite, beschreibt er ihn. Dass sein langjähriges Gegenüber jetzt nach Brüssel gehen soll, passe gut zu ihm: "Er bewältigt alle Aufgaben, die die Partei ihm überträgt, souverän."

Vorschusslorbeeren bekommt er auch aus der liberalen Ecke. "Er kennt die österreichische Politik wie kaum ein anderer", sagt Neos-Politiker Nikolaus Scherak. Der ständige Kontakt zur Partei sei wichtig, nur dann könne er erfolgreiche Europapolitik betreiben. Der stellvertretende Neos-Chef tauscht sich regelmäßig mit dem roten Politiker aus. Politisch grün sind sich Pink und Rot aber nur bei ihrer Aversion gegen Blau.

Schieder ist stolz darauf, in allen Fraktionen Freunde zu haben, nur nicht bei den Freiheitlichen – aus Prinzip.
foto: der standard/urban

"Die Freiheitlichen haben sich mit den Zerstörern Europas vernetzt", kommt Schieder wieder auf seine Lieblingsgegner zurück. Sie würden es auf einen EU-Austritt anlegen. Dass Migration noch einmal den Wahlkampf bestimmen wird, bezweifelt er. Wohl auch deswegen, weil es ein Thema ist, das die Roten selbst spaltet. Er ist überzeugt, dass sich der "Schmäh von Sebastian Kurz" bezüglich diverser Routenschließungen bald abnützen werde. Es seien die großen Fragen, für die Europa entscheidend seien, wie eben die soziale Gerechtigkeit. Es müssten Steuerschlupflöcher für digitale Konzerne geschlossen werden.

Kochender Konkurrenzkampf

Schwierigkeiten hat er hingegen damit, alle europäischen Freiheiten hochzuhalten, etwa die Arbeitnehmerfreizügigkeit. Als Politprofi weiß er das zu umschiffen. "Auch wenn der freie Binnenmarkt die heilige Kuh Europas ist, müssen wir mehr über Menschen reden." Denn die Arbeitnehmerfreizügigkeit dürfe nicht zu Lohndumping führen. Es sei eine Wettbewerbsverzerrung, wenn in grenznahen Regionen ungarische oder slowakische Betriebe die heimischen Kollektivvertragslöhne unterbieten.

Lieber redet er übers Kochen, das er von seiner Großmutter, die noch in Herrschaftshäusern gekocht hat, gelernt habe. Er spaziert gerne über Märkte im In- und Ausland. Er bezeichnet sich als "Genussmenschen", und auch da entdeckt er eine politische Dimension. Nachhaltigkeit, regionale Biozutaten und der Kampf gegen Glyphosat seien entscheidend. Selbst ein kleines Kochbuch hat er herausgebracht, das seine Lieblingsspeisen von Kaspressknödel über Buchteln mit Powidlfüllung zeigt. Dass die Grünen mit Sarah Wiener dieselben Themen bespielen, sieht er locker: "Ich bin selbst Wiener." (Marie-Theres Egyed, 11.3.2019)

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