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Psychiater: Zwei- bis dreimal pro Woche auf Alkohol verzichten

Interview |
14. März 2019, 06:00

Alkoholfasten ist sinnvoll, sagt Martin Kurz. Er empfiehlt regelmäßige Alkoholpausen, eine sechswöchige Abstinenz im Jahr sei zu wenig

STANDARD: Bringt das Alkoholfasten gesundheitliche Vorteile?

Kurz: Alkoholfasten ist hinsichtlich der körperlichen und psychischen Stabilität von Menschen immer eine gute Sache. Denn es schützt eventuell auch vor einer möglichen, in der Zukunft liegenden Alkoholproblematik. Außerdem ist Alkohol, der rein chemisch gesehen ja nichts anderes als ein Lösungsmittel ist, eine toxische Substanz, ein Gift. Es sorgt zwar dafür, dass stressregulierende Systeme in unserem Nervensystem vorübergehend unterstützt werden. Das Problem dabei ist nur, sobald der Alkohol weg ist, verursacht er mehr Stress im Nervensystem als zuvor.

STANDARD: Wäre ein dauerhafter Verzicht dann nicht besser?

Kurz: Ja, es gibt Empfehlungen, nicht nur einmal im Jahr sechs Wochen lang zu fasten, sondern zumindest zwei- bis dreimal pro Woche keinen Alkohol zu trinken, um den Gewöhnungseffekt für das Nervensystem zu minimieren.

STANDARD: Soll man diese zwei bis drei Tage besser am Stück fasten oder zwischen die Konsumtage einbauen?

Kurz: Die kann man durchaus dazwischen einbauen. Denn der entscheidende Punkt beim Alkohol ist nicht nur die Menge, sondern auch die Frequenz des Konsums. Wenn man die Regelmäßigkeit immer wieder unterbricht, gibt man dem Körper damit die Möglichkeit, sich zu erholen. Das Gehirn und die Psyche haben so die Chance, das Leben langfristig auch nüchtern zu meistern.

STANDARD: Hinsichtlich der empfohlenen Menge wird gern vom täglichen Achterl Wein, das nicht schadet, gesprochen. Stimmt das, oder ist das nur ein Mythos?

Kurz: Es gibt Daten, die das unterstreichen. Aber ich würde es so formulieren: Menschen, die es schaffen, Wein in diesem Sinne zu konsumieren, führen wohl ohnehin ein sehr gesundheitsbewusstes Leben und haben diverse Methoden der Stressbewältigung und nutzen dazu nicht den Alkohol. Das hängt also von mehr als nur der konsumierten Menge ab. Denn es ist in Österreich kaum üblich, zu trinken und dann wieder aufzuhören. Bei uns nimmt man in der Regel ein Achterl, dann ein zweites und zum Schluss vielleicht noch ein Reiseachterl.

STANDARD: Ab welcher Menge ist der Alkoholkonsum einer Person als problematisch einzustufen?

Kurz: Die WHO hat Grenzwerte definiert. Doch das sind nur statistische Werte, die besagen: Trinkt wenig Alkohol, dann bekommt ihr später weniger gesundheitliche Probleme. Ich finde es wichtiger, es so zu definieren: Alkoholkonsum wird dann zum Problem, wenn er die Ausübung sozialer Rollen beeinträchtigt. Also wenn durch das Trinken – zur falschen Zeit, am falschen Ort und die falsche Menge – meine Rolle in der Partnerschaft, als Elternteil, im Freundeskreis oder auch als Arbeitnehmer beeinträchtigt wird. Nach diesen Kriterien diagnostizieren wir ein Alkoholproblem und definieren die individuellen Therapieziele mit den Betroffenen. (Steffen Arora, 14.3.2019)

Martin Kurz (56) leitet die Psychiatrie im Krankenhaus St. Vinzenz in Zams in Tirol. Er ist seit mehr als 20 Jahren in der Suchtmedizin und Suchttherapie tätig.

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