Foto: Österreichische Zentralbibliothek für Physik / Nachlass Hans Thirring

Albert Einstein zwischen Physik und Politik

Porträt |
14. März 2019, 06:00

Vor 140 Jahren wurde einer der bedeutendsten Physiker aller Zeiten geboren. Einstein war ein zutiefst politischer Mensch

Nur Monate nachdem Albert Einstein nach Deutschland zurückgekehrt war, brach der Erste Weltkrieg aus. Der Physiker, dem Nationalismus und Militarismus schon in jungen Jahren so verhasst gewesen waren, dass er seine Staatsbürgerschaft aufgegeben und mehrere Jahre lang als Staatenloser in der Schweiz gelebt hatte, war von der Stimmung in seinem Geburtsland entsetzt: Rundherum herrschten Euphorie und Begeisterung für den Krieg, auch unter den Wissenschaftern.

"Unglaubliches hat Europa nun in seinem Wahn begonnen", schrieb Einstein im August 1914 an den österreichischen Physiker Paul Ehrenfest. "In solcher Zeit sieht man, welch trauriger Viehgattung man angehört. Ich döse ruhig dahin und empfinde nur eine Mischung aus Mitleid und Abscheu."

Für den am 14. März 1879 geborenen Einstein war die Zeit des Ersten Weltkriegs auch wissenschaftlich und privat einschneidend. Als besoldetes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften und Professor an der Universität Berlin ohne Lehrverpflichtung konnte er sich nun ganz der Vollendung der allgemeinen Relativitätstheorie widmen, die 1916 veröffentlicht werden sollte. Zugleich entwickelte sich eine Liebesbeziehung mit seiner Cousine Elsa Löwenthal, die er später heiratete. Seine erste Frau Mileva Maric hatte Berlin mit den beiden gemeinsamen Söhnen schon 1914 wieder verlassen.

Pazifist unter Kriegseuphorikern

Unter dem Eindruck des Krieges engagierte sich Einstein zunehmend politisch. 1915 trat er dem Bund Neues Vaterland (der späteren Deutschen Liga für Menschenrechte) bei und setzte sich für Friedensverhandlungen und die Schaffung einer internationalen Organisation ein, die künftige militärische Auseinandersetzungen verhindern sollte.

Mit seiner pazifistischen Haltung war er unter den Berliner Wissenschaftern weitgehend allein, viele stellten ihre Arbeit enthusiastisch in den Dienst des Militärs. Selbst die mit Einstein befreundete österreichische Physikerin Lise Meitner schrieb 1916 über einen gemeinsamen Abend: "Einstein spielte Violine und gab nebstbei so köstlich naive und eigenartige politische und kriegerische Ansichten zum Besten."

Antisemitische Attacken

Als 1919 während einer Sonnenfinsternis die Vorhersagen der allgemeinen Relativitätstheorie zur Krümmung des Lichts beobachtet werden konnten, wurde Einstein über Nacht zum Weltstar. Auch im Nachkriegsdeutschland wurde der Physiker gefeiert, doch mit seiner wachsenden Popularität und der Anerkennung seiner physikalischen Revolution ging auch eine andere Entwicklung einher: zunehmende antisemitische Angriffe auf seine Person und Arbeit. Vertreter der nationalsozialistisch geprägten "Deutschen Physik" wie der Nobelpreisträger Philipp Lenard, lehnten die moderne theoretische Physik als "jüdisch" ab und fantasierten von einer arischen Wissenschaft.

Bei Vorträgen Einsteins in Deutschland kam es nun immer wieder zu tumultartigen Szenen. Als er seine Vorträge kostenlos für jüdische Flüchtlinge aus Osteuropa öffnete, randalierten antisemitische Studenten. Auch Morddrohungen gegen Einstein, der für die Weimarer Republik eintrat, wurden laut.

Sein Pazifismus und seine fortschrittliche Haltung in gesellschaftlichen Fragen waren den Deutschnationalen verhasst. So sprach er sich etwa 1929 für das Recht der Frauen auf Abtreibung aus, forderte die Straffreiheit der Homosexualität und "bezüglich der Sexualerziehung keine Geheimniskrämerei".

Traum vom sicheren Hafen

Vor dem Hintergrund der zunehmend antisemitischen Stimmung in Deutschland fühlte sich Einstein, für den die eigene Herkunft bislang keine Rolle gespielt hatte, selbst jüdisch – und wurde Zionist. In den 1920er-Jahren kam es zu seinen ersten Kontakten mit zionistischen Organisationen, mit denen er freilich nicht alle Ziele teilte: Die Gründung eines jüdischen Nationalstaates war nie sein vordergründiges Anliegen, jeglicher Nationalismus lag ihm fern.

Einstein verfolgte vielmehr die Idee eines kulturellen Zionismus. Palästina solle, in friedlicher Koexistenz mit den Arabern, ein sicherer Hafen für verfolgte Juden werden und der jüdischen Diaspora als Symbol zu mehr Selbstbewusstsein verhelfen. Ganz in diesem Sinne engagierte er sich für den Aufbau der Hebräischen Universität Jerusalem, die 1925 ihre Pforten öffnete.

Keine Rückkehr

Auf die Machtübernahme der Nationalsozialisten reagierte Einstein unmittelbar: Im März 1933 erklärte er während einer Vortragsreise in den USA, nicht mehr nach Deutschland zurückzukehren. "Es gehört heute viel Mut dazu, das Selbstverständliche zu sagen und zu tun, und es sind wahrhaft wenige, die diesen Mut aufbringen. Sie gehören zu diesen wenigen und ich drücke Ihnen die Hand als einem, der mir in der ganzen Sinnesart nahesteht", schrieb Einstein wenige Wochen später an den befreundeten Wiener Physiker Hans Thirring. "Wir sehen mit erschreckender Deutlichkeit, dass wir kämpfen müssen, und dass wir die aufrecht Gebliebenen davon zu überzeugen haben, dass auch sie nicht abseits stehen dürfen."

Unter diesem Eindruck modifizierte Einstein auch seine pazifistische Überzeugung. "Ich hasse Militär und Gewalt jeder Art. Ich bin aber fest überzeugt, dass heute dieses verhasste Mittel den einzigen wirksamen Schutz bildet."

Plädoyer für die Bombe

Tatsächlich sollte Einstein zu einer Schlüsselfigur der militärischen Entwicklungen im Zweiten Weltkrieg werden. Angestoßen durch den Science-Fiction-Roman The World Set Free von H. G. Wells begann sich der ungarische Physiker Leó Szilárd für die militärische Nutzung der Energie, die bei atomaren Prozessen freigesetzt wird, zu interessieren. Als Ende 1938 die Kernspaltung entdeckt worden war, erkannte Szilárd darin das letzte fehlende Puzzlestück, um tatsächlich eine Atombombe zu realisieren.

Getrieben von der Furcht, die Deutschen könnten eine solche Waffe entwickeln, bearbeitete er im Sommer 1939 seinen Freund Einstein, den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt in einem Brief auf die Möglichkeit nuklearer Waffen aufmerksam zu machen. Nach einigem Hin und Her unterschrieb Einstein schließlich den von Szilárd aufgesetzten Brief, um der Sache durch seinen prominenten Namen mehr Gewicht zu verleihen.

Hoffnung auf Weltregierung

Im Rückblick leistete dieser Brief einen wichtigen Beitrag dazu, die höchste politische Ebene auf die mögliche militärische Nutzung der Kernspaltung hinzuweisen. Tatsächlich nahm das Manhattan-Projekt aber erst Fahrt auf, nachdem die USA im September 1941 einen Bericht des britischen Nuklearwaffenkomitees erhalten hatten, der Berechnungen zur benötigten Uranmenge lieferte. Einstein selbst war jedenfalls nicht mehr in die technische Entwicklung der Bombe involviert.

In einem Interview im Herbst 1945 ließ er wissen, dass Atomwaffen seiner Ansicht nach kein neues Problem an sich schaffen würden. Jedoch machte es ihre enorme zerstörerische Kraft noch wichtiger, die Entstehung von Kriegen schon im Keim zu unterbinden. Einstein schwebte eine Weltregierung vor, die von den Nationalstaaten mit einem entsprechenden Pouvoir ausgestattet würde, um die militärische Eskalation politischer Konflikte zu verhindern.

Nach dem Krieg verteidigte sich Einstein gegen Kritik an seinem Brief an Roosevelt stets damit, dass es angesichts der Gefahr eines deutschen Atomwaffenprogramms seine Pflicht gewesen sei, für die Entwicklung der Bombe einzutreten. Gegenüber dem Chemiker Linus Pauling äußerte er sich im Jahr 1954 hingegen reumütiger: "Ich habe in meinem Leben einen großen Fehler gemacht – als ich einen Brief an Präsident Roosevelt unterschrieb, in dem ich den Bau von Atombomben empfahl." (David Rennert, Tanja Traxler, 14.3.2019)