Foto: APA/AFP/TOBIAS SCHWARZ

Klimamanipulation: Strenge Regeln für das Zähmen der Sonne

Kommentar der anderen |
14. März 2019, 14:00

Geoengineering ist für viele Wissenschafter und Politiker ein Weg, große Fortschritte im Kampf gegen den Klimawandel zu erzielen. Allerdings gilt es dabei auch, seine (unkalkulierbaren) Risiken zu beachten

Der Klimawandel stellt eine beispiellose Bedrohung für die Menschheit dar, die mit zunehmender Wahrscheinlichkeit den weltweiten Lebensstandard noch zu unseren Lebzeiten dramatisch verringern und auf längere Sicht unvorhersehbaren Schaden anrichten wird. Und weil eine derart beängstigende Herausforderung radikale Lösungsansätze für den ganzen Planeten erfordert, fanden umfassende Diskussionen über vordringlich zu ergreifende Maßnahmen statt, um den Anstieg der weltweiten Temperaturen auf weniger als 1,5 Grad Celsius über vorindustriellem Niveau zu beschränken.

Obwohl die Verringerung der Treibhausgasemissionen höchste Priorität bleiben muss, ist dies nach Ansicht des zwischenstaatlichen Ausschusses der Vereinten Nationen für Klimaänderungen (IPCC) nicht ausreichend. Von mancher Seite wird mittlerweile vorgeschlagen, große Mengen an Kohlendioxid aus der Luft zu entfernen. Andere wiederum argumentieren, dass wir möglicherweise auch einfallende Sonnenstrahlung wieder in den Weltraum reflektieren müssen, um etwas mehr Zeit für die Reduktion und Eliminierung der Emissionen zu gewinnen.

Zusammengenommen werden diese beiden Ansätze als Geoengineering bezeichnet. Und da sich die Auswirkungen des Klimawandels verschärfen, denken immer mehr politische Entscheidungsträger, Wissenschafter und Unternehmer ernsthaft über diese Optionen nach.

Neue Technologien

Derzeit haben wir jedoch keine Vorstellung, welche unvorhergesehenen und unbeabsichtigten Folgen der Einsatz dieser neuen Technologien haben könnte. Vollkommen unbekannte Faktoren – insbesondere im Falle des solaren Geoengineerings – könnten ebenso gravierende Auswirkungen haben wie die bekannten Herausforderungen aufgrund des Klimawandels.

Wie im Falle der globalen Erwärmung werden die Folgen dieser Technologien grenzüberschreitend spürbar sein. Dadurch rücken diejenigen in den Fokus, deren Wort am wenigsten Gewicht hat – die Armen und Verletzbaren. Außerdem besteht die Gefahr, dass sich umfassendere Bedrohungen des internationalen Friedens und der Sicherheit wie etwa Ressourcenknappheit und erzwungene Klimamigration verschärfen.

Governance des Geoengineerings

Aus diesem Grund fordern The Elders – ein weltweiter Zusammenschluss unabhängiger Führungspersönlichkeiten – die internationale Gemeinschaft auf, sich auf einen strengen Governance-Rahmen für Geoengineering zu einigen und diesen unverzüglich umzusetzen. Ein derartiges System der Entscheidungsfindung muss transparent, partizipativ und rechenschaftspflichtig sein. Auch die am stärksten Betroffenen müssen darin eine Stimme haben, und überdies sollte dieses System es allen Regierungen sowie nichtstaatlichen Interessengruppen ermöglichen, im Sinne einer fundierteren Entscheidungsfindung ein möglichst umfassendes Verständnis dieser neuen Technologien zu erlangen.

Seit der industriellen Revolution wissen wir, dass Technologie kein Allheilmittel ist und dem menschlichen Wohlergehen nur zugutekommt, wenn alle Betroffenen die Chance erhalten, an ihrer Entwicklung teilzunehmen. Besonders relevant ist dieser Gedanke im Falle des Geoengineerings, da unser Wissen über diese Technologien und deren Auswirkungen nach wir vor begrenzt ist.

Weltweiter Lernprozess

Glücklicherweise werden Anstrengungen unternommen, um das zu ändern. Diese Woche wird das weltweit höchstrangige Entscheidungsgremium für Umweltfragen – die UN-Umweltversammlung (UNEA) – prüfen, ob ein weltweiter Lernprozess sowohl zu den wissenschaftlichen Fakten als auch zur Governance des Geoengineerings initiiert werden soll. Zu diesem Zweck würde die UNEA eine weltweite Bewertung dieser sich neu entwickelnden Technologien fordern und allen Ländern eine gemeinsame Wissensplattform bieten.

Diese gemeinsame Wissensaneignung ist ein wichtiger erster Schritt, um sicherzustellen, dass Entscheidungen über die Nutzung oder Nichtnutzung von Geoengineering auf den Grundsätzen der Gleichheit und Gerechtigkeit sowie auf universellen Rechten beruhen. Dabei handelt es sich um die Werte, die dem Pariser Klimaabkommen des Jahres 2015 und den Zielen nachhaltiger Entwicklung zugrunde liegen, die beide während meiner Amtszeit als Uno-Generalsekretär verabschiedet wurden.

Emissionen weiter senken

Die Vereinten Nationen eignen sich am besten, wenn es darum geht, den Anforderungen des nun notwendigen Governance-Rahmenwerks Rechnung zu tragen. Nur durch die multilateralen Prozesse der Vereinten Nationen können wir sicherstellen, dass Geoengineeringtechnologien und deren mögliche Anwendungen nicht die Domäne einzelner Staaten bleiben. Das ist für die ökologische Nachhaltigkeit, die internationale Sicherheit und das Wohlergehen zukünftiger Generationen auf der ganzen Welt von entscheidender Bedeutung.

Viele Menschen scheuen sich vor dieser Debatte, insbesondere in internationalen Gremien. Sie fürchten, dass man damit höchst gefährlichen Ideen Tür und Tor öffnet und dass allein schon die Tatsache, dass man diesen Technologien überhaupt Aufmerksamkeit schenkt, den Druck zur Emissionsverringerung reduzieren würde.

Geist aus der Flasche

Ich verstehe diese Bedenken und stimme zu, dass unsere obersten gemeinsamen Prioritäten weiterhin darin bestehen müssen, die Emissionen zu senken, der Verwendung fossiler Brennstoffe ein Ende zu setzen, und einen kohlenstoffarmen, klimaresilienten und an den Menschen orientierten wirtschaftlichen Übergang zu fördern.

Allerdings müssen wir auch erkennen, dass der Geist des Geoengineerings bereits aus der Flasche ist. Die Wahrscheinlichkeit des unilateralen Einsatzes von solarem Geoengineering steigt mit jedem Jahr. Die internationale Gemeinschaft muss entscheiden, ob sie sich jetzt durch die Etablierung klarer Governance-Regeln und Richtlinien engagiert oder ob sie es Einzelakteuren gestattet, die Führung zu übernehmen, und damit alle anderen vor vollendete Tatsachen stellt.

Antworten finden

Es wäre ein Fehler, dieser Debatte aus dem Weg zu gehen. Stattdessen sollte man den Schwerpunkt darauf legen, mehr zu erfahren – auch im Rahmen des Verfahrens bei der UNEA –, um über alle Möglichkeiten Bescheid zu wissen und deren Risiken mit den besten verfügbaren Informationen zu bewerten.

Wie revolutionäre neue Technologien zum Wohle der gesamten Menschheit verstanden und potenziell genutzt werden können, ist eine der entscheidenden Fragen unserer Zeit. Zukünftige Generationen werden es uns nicht verzeihen, wenn wir darauf keine überzeugende Antwort finden. (Ban Ki-moon, Übersetzung: Helga Klinger-Groier, Copyright: Project Syndicate, 14.3.2019)

Ban Ki-moon ist stellvertretender Vorsitzender der Gruppe The Elders. Von 2007 bis 2016 war er Uno-Generalsekretär. Er steht dem Ban Ki-moon Centre for Global Citizens in Wien und Seoul vor.

Zum Thema: