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Postmodernismus und rechte Strömungen: Am Ast sägen, auf dem man sitzt

Kommentar der anderen |
13. März 2019, 17:35

Der Postmodernismus wickelt die Aufklärung ab. Und die Linke erleichtert mit ihrem Relativismus, Subjektivismus, ihrer Identitätspolitik und politischen Agitation den Aufstieg rechter Strömungen wesentlich

Helen Pluckrose ist besorgt. Auch über linke, postmoderne Tendenzen, die Begriffe wie "Wahrheit", "Objektivität", "Moral" oder "Wissenschaft" nur noch unter Anführungszeichen setzen wollen.

David Detmer, so berichtet Pluckrose, fragte einmal eine postmoderne Philosophin, "ob Giraffen tatsächlich größer seien als Ameisen". Er erhielt die originelle Antwort, das "sei kein Fakt, sondern vielmehr ein Glaubenssatz unserer Kultur". Über diese Postmoderne zieht die linke Intellektuelle Pluckrose in einem Aufsatz her: "Wie der Postmodernismus die Aufklärung abwickelt". Postmoderne Ansätze seien nicht nur weitgehend unsinnig, sondern würden mit ihrem Relativismus, ihrem Subjektivismus und ihrer Identitätspolitik den Aufstieg rechter Strömungen wesentlich erleichtern.

Science-Wars

Postmoderne Strömungen lassen sich vielleicht zusammenfassen als Angriffe auf und Infragestellung von Wissenschaft, Objektivität und Vernunft. Wissenschaft wird dann eine Frage von Macht und Politik, der Anspruch auf Objektivität als völlig unbegründet gesehen. Ergebnis ist ein Relativismus bezüglich der Kulturen, der Vernunft, der politischen Herrschaft und der Normen. An die Stelle einer angeblich "totalisierenden und repressiven" Aufklärung müsse eine revolutionäre "Identitätspolitik" marginalisierter Gruppen in ethnischer, kultureller oder sexueller Hinsicht treten.

Pluckrose sieht viele Bereiche der europäischen und nordamerikanischen Kultur- und Geisteswissenschaften von diesem postmodernen, relativistischen Denken infiziert, etwa Kulturanthropologie und Gender-Studies. Zusammen mit James A. Lindsay und Peter Boghossian beteiligte sich Pluckrose an einem Hoax (bekannt auch unter "The Grievance Studies Affair"). Die drei reichten bei Zeitschriften der Sozial- und Kulturwissenschaften Aufsätze ein, die im postmodernen Jargon eine politisch korrekte Identitätspolitik vertraten. Angenommen wurde etwa ein Aufsatz mit dem wunderbaren Titel "An Ethnography of Breastaurant Masculinity: Themes of Objectification, Sexual Conquest, Male Control, and Masculine Toughness in a Sexually Objectifying Restaurant".

Rechte "Identitätspolitik"

Wenn einmal das Bemühen um Objektivität, Wahrheit und vernünftige Begründung aufgegeben wird, treten an deren Stelle Subjektivismus, das Formulieren von Befindlichkeiten und plakative "Bekenntnisse". Symptomatisch dafür ist etwa die Phrase "I feel offended". Sie verzichtet auf Begründungen, auf Realitätsbezug und die Auseinandersetzung mit anderen Standpunkten.

Diese Haltungen kommen genau der Neuen Rechten entgegen. In diesem Zusammenhang meint auch der englische Journalist und Autor Kenan Malik, "dass Teile der Intellektuellen und Linken in den letzten Jahrzehnten beim Entstehen einer Kultur halfen, in der relativistische Haltungen zu Fakten und Wissen nicht als beunruhigend gelten". Ganz im Sinne der Postmoderne deutet etwa Alain de Benoist, der Begründer der Nouvelle Droite in Frankreich, die Menschenrechte polemisch als eine Erfindung des Christentums und der europäischen Aufklärung, die zu überwinden sei ("Au-delà des droits de l'homme", 2004). Das ist eine sehr geschickte Übernahme des postmodern gespeisten Relativismus in Erkenntnis, Recht und Moral, um ihn für die eigene Agenda zu instrumentalisieren: nämlich auch eine "Identitätspolitik", aber diesmal politisch rechts und nationalistisch. Pluckrose befürchtet: "Die entzweiende, moralistische Art der Linken sowie ihre innere Zerstrittenheit lassen selbst die extreme Rechte vergleichsweise kohärent und geschlossen erscheinen."

Spaltung der Gesellschaft

Symptomatisch für diesen relativistischen Zeitgeist ist die vage Rede von "Werten". Aber auch die Jihadisten des "Islamischen Staats" und andere Verbrecherorganisationen haben "Werte". Selbst der Bezug auf "demokratische Werte" hilft nicht viel weiter. Viele Regierungen, die als illiberal oder autoritär eingestuft werden können, kamen durch Wahlen an die Macht – oder halten sich dort. Ergebnis ist eine weitergehende Spaltung der Gesellschaft. Pluckrose stellt eine Einstellung an Universitäten fest, in der es nicht mehr um die Suche nach Wahrheit und abgesicherte Erkenntnis, sondern um politische Agitation geht. Die Fans postmoderner Ansätze, so Pluckrose, "benehmen sich zunehmend wie Bullies, die Studenten und Kollegen aus anderen Fachgebieten ihre Weltsicht aufdrücken." Mittlerweile fordert die Alternative für Deutschland die Abschaffung der Gender-Forschung.

Nicht jedes Problem der Gegenwart kann auf die Postmoderne oder auf "linkes Denken" zurückgeführt werden. Aber, so Pluckrose: "Als Linke sollten wir besorgt sein, was 'unsere Seite' hervorgebracht hat." Nämlich einen Zeitgeist – oder eher Ungeist, den man nun nicht mehr loswird. Pluckrose hat weitgehend recht, auch wenn ihre Darstellung der Postmoderne etwas undifferenziert ausfällt. Es ist erfreulich, dass sie als linke Intellektuelle den Mut aufbringt, Selbstkritik zu üben. Andere sind höflich eingeladen, ihrem Beispiel zu folgen. (Georg Cavallar, 13.3.2019)

Georg Cavallar ist Dozent und Lehrbeauftragter an der Uni Wien, arbeitet derzeit an einer Einführung in die Philosophie. Seine Bücher "Islam, Aufklärung und Moderne" sowie "Gescheiterte Aufklärung? Ein philosophischer Essay" sind beide bei Kohlhammer erschienen.

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