Foto: ORF/Thomas Jantzen

Mauthausen-Komitee kritisiert Dinghofer-Doku

14. März 2019, 13:11

Mauthausen-Komitee konfrontierte ORF mit NSDAP-Mitgliedschaft von Franz Dinghofer

Die FPÖ hat ein Problem, wenn es darum geht, herzeigbare Gründerväter ihrer Partei ans Licht zu holen. Wurde doch die Partei von zum Teil schwer belasteten ehemaligen Nationalsozialisten gegründet. In dem Oberösterreicher Franz Dinghofer hat man aber einen Ahnherren aus dem dritten Lager, den man gern als "Verkünder der Republik", als der er 1918 aufgetreten war, mit dem Nimbus des Vollblutdemokraten vor sich herträgt.

Dass er Verfechter der großdeutschen Idee war, stört die FPÖ wenig überraschend nicht, dass er auch bekennender Antisemit war, wie es scheint, auch nicht. Das Dinghofer-Institut, dessen Präsident der ehemalige Dritte Nationalratspräsident und FPÖ-Politiker Martin Graf ist, verleiht jährlich die Franz-Dinghofer-Medaille – zuletzt an den W3-Verlag, der die rechtsextreme Zeitschrift "Zur Zeit" herausgibt.

Deutschösterreicher und Antisemit

Damit auch einem breiteren Publikum außerhalb der freiheitlichen Reihen Dinghofer in –ausschließlich positive – Erinnerung gerufen wird, dafür durfte eine ORF-Dokumentation am 23. Februar auf ORF III sorgen. In der Reihe "Baumeister der Republik" war sie dem gebürtigen Ottensheimer gewidmet, der als Richter eine steile Politkarriere machte: Zuerst als Linzer Bürgermeister und später als Mitglied der Provisorischen Nationalversammlung für Deutschösterreich, zu deren Präsident er gewählt wurde. Dinghofer war in den 1920ern auch Justizminister unter Bundeskanzler Ignaz Seipel und am Ende seiner Karriere Präsident des Obersten Gerichtshofes.

Auf der Homepage des Dinghofer-Instituts oder auf Wikipedia ist ab 1938 so gut wie nichts über Dinghofer zu lesen. Er starb 1956. Was nirgends erwähnt wurde – auch nicht in der Doku von Wolfgang Winkler und Birgit Mosser-Schuöcker: Dinghofer war Mitglied der NSDAP.

Die Recherchen des Mauthausen-Komitees (MKÖ) und des Netzwerks gegen Rassismus und Rechtsextremismus hierzu waren nicht besonders aufwendig, wie Robert Eiter vom Antifa-Netzwerk betont: "Ein kurzes E-Mail an das Bundesarchiv in Berlin, und wenige Tage später hatten wir Dinghofers Mitgliedskarte bei der NSDAP." Am ersten Juli 1940 wurde der Oberösterreicher Parteigänger und bekam die Nummer 8450902 (ein Bild der Karte liegt dem STANDARD vor).

"Medienpolitische Gründe"

Die "Oberösterreichischen Nachrichten" hatten "medienpolitische Gründe" noch vor Ausstrahlung der Sendung auf ORF III im Februar hinter dem Porträt vermutet, das im Beisein der FPÖ-Spitze präsentiert wurde – konkret einen Deal zwischen ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz und dem Vorsitzenden des Stiftungsrats Norbert Steger (FPÖ). Martin Graf bezeichnete es damals als "absurd", Dinghofer "in die Nähe des Nationalsozialismus" rücken zu wollen. Willi Mernyi, Publikumsrat und Vorsitzender des MKÖ, beschwerte sich am Donnerstag im Publikumsrat des ORF über die Doku. "Dass diese Dokumentation einen überzeugten Antisemiten und Nationalsozialisten verklärt, macht sie nicht nur für Holocaust-Überlebende unerträglich, sondern für alle Gegner des Faschismus. Sie ist des ORF unwürdig und schadet seinem sonst hervorragenden Ruf", sagt Mernyi.

Wrabetz verteidigt Doku

Alexander Wrabetz sagte am Donnerstag im Publikumsrat dazu, er wisse nicht, ob man die NSDAP-Mitgliedschaft hätte recherchieren sollen und warum man das allenfalls nicht getan habe, doch in der Doku seien kritische Fragen wie der Antisemitismus angesprochen worden, der Rest sei "sicher nicht bewusst ausgeblendet worden".

Zudem war die Doku über Dinghofer bereits der 49. Teil in der Reihe, wie Wrabetz betonte, und es sei interessant zu beleuchten, dass es auch "aus dem dritten Lager Persönlichkeiten gegeben hat, die hier eine maßgebliche Rolle im demokratischen Teil der ersten Republik" gespielt hatten. Wrabetz glaube, dass die Doku "dem Gesamtbild Dinghofers entspricht".

Der Vorsitzende des Publikumsrats, Walter Marschitz, sagte, dass die NSDAP-Mitgliedschaft Dinghofers auch "zum Gesamtbild" gehört hätte, "darüber brauchen wir nicht zu diskutieren". (Colette M. Schmidt, Harald Fidler, 14.3.2019)