Foto: Georg Soulek

Ionescos "Stühle" im Akademietheater: Spiel mir das Theater vom Tod

14. März 2019, 13:36

Erst verletzte sich Maria Happel, dann erkrankte Claus Peymann – die Inszenierung stand unter keinem guten Stern. Geschadet hat das dem beinahe nostalgischen Abend nicht

Die zwei Alten, sie sind im Wiener Akademietheater verhältnismäßig jung. Die eine, sie hört auf den Namen Semiramis, trägt Strapse und tiefes Dekolleté, der andere, Poppet, hat seine Anzughose bis zur Brust hochgezogen. Ein Greis ist aber auch er nicht.

Dafür springen sie viel zu gelenkig durch die vielen Stuhlreihen, die sie auf die Bühne gestellt haben. Die beiden geben noch einmal eine Abendgesellschaft, ein letztes Mal, bevor sie im gleißenden Licht des Bühnenhintergrunds verschwinden. Ein Redner wird nach ihrem Abgang "die Botschaft" des Alten verkünden. Blöderweise ist er taubstumm.

Am Ende bleibt in Eugène Ionescos Einakter Die Stühle also nur ein Stammeln. Etwas wenig für ein Paar, das immerhin seit 75 Jahre verheiratet ist und umgeben von der Einöde des Meeres seine letzten Jahre fristet. Vielleicht aber werden dieselben Gäste am Folgetag wieder eintreffen und Ionescos 1952 uraufgeführtes Endspiel ist nichts anderes als die Wiederholung des immer selben Spiels.

Man könnte auch "Leben" dazu sagen, und genau so hat es Ionesco, dieser Theatermacher des Absurden, der sich immer gegen jegliche Didaktik wehrte, aber in seinen Stücken beharrlich das große Ganze im Visier hatte, wohl auch gemeint. Die Stühle sind eine Parodie auf die Suche nach Transzendenz, auf das Verlangen, am Lebensende der eigenen Vita so etwas wie einen Sinn, und sei es auch nur des eigenen Scheiterns, abzutrotzen.

Zwei große Komödianten

Im Wiener Akademietheater ist es aber noch um einiges mehr: Es ist das Spiel zweier großer Komödianten, die dem Leben den Finger zeigen. Von zwei Behauptungskünstlern und Fantasiegeschöpfen. Sie erschaffen sich ihr Leben einfach noch einmal selbst. Nicht der Tod steht im Mittelpunkt, sondern das Spiel. Und damit natürlich auch das Theater.

Es ist eine schöne Pointe, dass sich Claus Peymann ausgerechnet Ionescos Greisendrama für seine Rückkehr nach Wien ausgesucht hat. Die Inszenierung des ehemaligen Chefs des Burgtheaters und des Berliner Ensembles, dieses 81-jährigen Kindskopfs, stand von Anfang an unter keinem guten Stern. Erst brach sich eine der beiden Hauptdarstellerinnen, Peymann-Veteranin Maria Happel, den Fuß und die Premiere musste verschoben werden.

Dann schlug bei Peymann selbst eine Viruserkrankung zu, und der Peymann-Vertraute Regisseur Leander Haußmann musste einspringen. Als sich am Premierenabend dann auch noch vor Beginn des Spiels ein Gazevorhang löste, war der Pannenreigen symbolisch komplett. Beinahe meinte man, einen von Peymanns berüchtigten Wutausbrüchen aus dem Krankenhausbett zu vernehmen.

Doch stattdessen: acht Türen, zwei Stühle, zwei Leiter und ein Luster. Peymanns Lieblingsbühnenbildner, der verstorbene Karl-Ernst Herrmann, hätte seine Freude mit der von Kreidewänden begrenzten Trapezbühne gehabt. Genauso wie Kostümbildnerin Moidele Bickel mit Maria Happels märchenhaftem Pettycoat und Michael Maertens abgewetztem Altherrendreiteiler (Bühne: Gilles Taschet, Kostüme: Margit Koppendorfer).

Steifes Knie, loderndes Temperament

Happel und Maertens sind Die Alte und Der Alte. In ihr lodern noch der Ehrgeiz und das Verlangen, während seine Schultern eingesunken sind. Das Knie ist steif, das Temperament flammt aber immer wieder auf. "Erzähl mir die Geschichte, du weißt schon, die Geschichte", bittet sie ihn, und schon schüttelt es sie beide vor Lachen. Wie ein Kind kuschelt er sich in ihren Schoß, wie eine Mutter streichelt sie sein Haar.

Die Rollen, die die beiden im Laufe des gerade einmal 80-minütigen Abends geben, haben sie beide schon tausendmal gespielt. Die treue Dienerin und ihr Herr, die Gouvernante und ihr Schüler, die Verführerin und der alte Esel. Happel schnurrt und gurrt, während Maertens mit dem Habitus eines Kleinbürgers den imaginären Gästen den Hof macht. Ein ums andere Mal klingelt es an einer der vielen Türen, doch außer für die beiden Alten bleiben die Gäste unsichtbar.

Das ist die zentrale Pointe in Ionescos Stück. Eine "tragische Farce" hat es der rumänisch-französische Dramatiker genannt, und je größer die unsichtbare Abendgesellschaft wird, je höher sich das Fantasie gebäude aus Wunschtraum und Albtraum emporschraubt, umso ununterscheidbarer werden Tragödie und Komödie.

Triumph des Poesietheaters

Am Ende erscheint der Kaiser, oder wie es bei Ionesco heißt, der Chef-Kaiser. Aus aufrechten Menschen werden Bücklinge, aus Reden wird Stammeln (Mavie Hörbiger gibt als Dritte im Bunde den Redner) und aus einem Abend, an dem alle Register der Schauspielkunst gezogen werden, ein kleiner Triumph des Peymann’schen Poesie-, Fantasie- und Theatertheaters.

Noch einmal darf der Altmeister (in Verbund mit einem Jungmeister, dem 59-jährigen Haußmann) in Wien auftrumpfen, mit einem kleinen Stück und einem großen Cast. Zum Schluss schwebt ein roter Luftballon zur Bühnendecke. Ein letztes Mal zitiert sich Claus Peymann selbst. Und klopft sich im Krankenhaus wahrscheinlich zufrieden auf die Schulter. (Stephan Hilpold, 14.3.2019)