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"Die Erscheinung": Windiges Wunder-Business mit der Jungfrau Maria

15. März 2019, 06:00

Unheiliges Marketing oder heiliger Ernst? In Xavier Giannolis Filmdrama ermittelt Vincent Lindon als skeptischer Reporter im angeblichen Fall einer Marienerscheinung

An der Kamera klebt Blut. Es stammt von einem getöteten Fotografen, der in Kriegsgebieten unterwegs war, um "Beweise zu liefern. Bilder." Nun kehrt sein langjähriger Kollege Jacques Mayano (Vincent Lindon) allein zurück – mit Schuldgefühlen und einem schmerzhaften Ohrenpfeifen. In seiner Krise kommt dem Journalisten der obskure Anruf aus Rom gerade recht. Denn die Aufgabe, mit der er betraut wird, hat scheinbar nichts mit ihm und seiner Welt zu tun.

In einem kleinen Alpendorf in Südfrankreich will der jungen Novizin Anna die Jungfrau Maria erschienen sein. Das Ereignis hat bereits eine unkontrollierbare Eigendynamik angenommen. Pilger strömen in Scharen zum Ort des Wunders, Devotionalienshops schießen wie Pilze aus dem Boden – Annas Konterfei prangt auf Plakaten, Kerzen, T-Shirts und Schneekugeln.

Scharlatanerie

Der Vatikan ist alarmiert. Wunder kratzen an der Autorität der Kirche. Von den unzähligen Berichten über Erscheinungen, die sich im Verlauf der Jahrhunderte ereignet haben sollen, sind nur wenige kirchlich anerkannt, Scharlatanerie ist unbedingt auszuschließen. Man beauftragt daher eine Untersuchungskommission, bestehend unter anderem aus einem Theologen, einer Psychologin und Jacques, der die Befragungen durchführen soll. Sein investigativer Scharfsinn paart sich mit einer Ungläubigkeit, die der Kirche ausnahmsweise willkommen ist.

Blut klebt auch an einem Schweißtuch, das die Jungfrau Maria dem Mädchen hinterlassen haben soll. Der Gemeindepfarrer, der die Seherin protegiert, weigert sich, es zur Analyse freizugeben. An seiner Seite gschaftlhubert ein zwielichtiger Priester mit modernen Vermarktungsstrategien und besten Netzwerkverbindungen – "Gelobt sei Gott. Alle Internetverbindungen stehen."

Dem Eindruck des Windigen steht aber nun Anna entgegen, eine junge Frau, die mit ihrer Mischung aus wilder Entschlossenheit und Verletzlichkeit nicht nur Jacques zu berühren vermag. Die großartige Gallatéa Belugi spielt sie mit einer geradezu sublimen Fiebrigkeit. Man glaubt ihr – auch wenn man nicht weiß, was genau.

Himmelschreiend überladen

Die Erscheinung ist ein aus allen Nähten platzender Film, geradezu himmelschreiend überladen mit Verweisen und Fährten, sie reichen bis in ein Flüchtlingslager nach Jordanien. Der dramaturgische Aufbau folgt ganz dem Vorbild eines Krimis. Jacques ermittelt in alle erdenklichen Richtungen, er befragt Annas ehemalige Pflegefamilien, Heimleiter und Schulkameradinnen. Bald wuchern im temporär eingerichteten Büro an die Wand gepinnte Fotos, Zeitungsausschnitte und Landkarten zur "crazy wall".

Andererseits verunreinigt der Regisseur und Drehbuchautor Xavier Giannoli die genretypischen Muster durch üppig eingesetzte sakrale Musik und ein interessantes Nebeneinander widerstreitender Setzungen. Glaube, Beweis, Betrug, Wunder, unheiliges Marketing und heiliger Ernst verdichten sich – schade, nur bis kurz vor Ende – zu einem kaum entwirrbaren Knäuel.

Wahrhaftige Seherin

Als das Tuch schließlich doch analysiert wird, stellt man eine Übereinstimmung mit der Blutgruppe fest, die auch auf heiligen Reliquien gefunden wurde. Spätestens hier zeigt sich, wie wenig die Untersuchung mit kriminaltechnischen Ermittlungen zu tun hat.

Im Kern geht es in Die Erscheinung natürlich um die Erschütterung von Jacques' "Glauben" an Beweise und Fakten – darum, wie der Fall natürlich sehr wohl mit ihm zu tun hat. Verkörpert wird diese für ihn letztlich erlösende Botschaft von Anna. Die Begegnung zwischen dem desillusionierten Skeptiker und der vielleicht Heiligen ist so etwas wie die "Seele" des Films. Jacques glaubt sich von ihr erkannt – in immerhin dieser Hinsicht ist Anna eine wahrhaftige Seherin. (Esther Buss, 15.3.2019)

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