Foto: Heidi Seywald

Schmink dich, Mann! Eine Woche mit Make-up

18. März 2019, 11:00

Der moderne Mann kleidet sich gut und ist gepflegt. Trotzdem ist Männerkosmetik immer noch ein Nischenmarkt, Make-up trägt er nicht. Warum eigentlich? Ein Selbstversuch

"Bärte sind gut. Bärte sind das Make-up der Männer", sagt mein Barbier, während er mit einer scharfen Klinge über meinen Hals fährt. Tatsächlich hat so ein Bart viele Eigenschaften, die auch ein Make-up haben sollte. Er macht seinen Träger (je nach Präferenz) meist attraktiver. Er kaschiert Unregelmäßigkeiten der Haut. Und er lässt sich individuell gestalten. Leider nicht so schnell wie eine Schicht Make-up, das ist ein Unterschied.

Schminke ist nach wie vor eine Frauendomäne, Tiegel und Tuben für Männer ein Nischenmarkt. Das Luxuslabel Chanel versucht nun, mit einer Make-up-Linie den modernen Mann anzusprechen. Einer, der sich kümmert. Um andere – vor allem aber um sich. "Boy de Chanel" heißt die Männerkosmetiklinie des französischen Luxusunternehmens und besteht aus drei Teilen: getönte Foundation für die Haut, ein Stift für dichtere Augenbrauen und ein Lippenbalsam. Die Verpackungen sind im edlen mattschwarzen Look gehalten.

Was steckt im Inneren? Ich habe die Foundation eine Woche lang ausprobiert – aus Neugier. Wie es ausschaut, wenn ich Make-up trage, und wie meine Umgebung auf mich reagiert.

Thorben Pollerhof beim Selbstversuch.
foto: heidi seywald

Was hier in Europa als Neuerung verkauft wird, ist in Südkorea Normalität. In keinem anderen Land der Welt geben Männer so viel für Kosmetik aus. Laut GlobalData benutzen rund 75 Prozent der südkoreanischen Männer mindestens einmal die Woche eine Pflegeanwendung oder Ähnliches. Dort ging Boy de Chanel zuerst an den Start. Auch die meisten in Österreich angebotenen Männer-Pflegeserien stammen von koreanischen Herstellern wie The Saem oder Secret Nature, Produkte aus den USA oder Europa sind in der Minderzahl. Dennoch haben sich schon Marken wie Tom Ford und Giorgio Armani an dekorativer Männerkosmetik probiert. Die verkaufen sich laut der Parfümerie Douglas sehr gut, es sei eine steigende Tendenz zu erkennen.

Merken soll man bitte nichts

Da ich keinerlei Erfahrungen mit dem Auftragen von Make-up habe, frage ich zuerst einen Profi. Martina Hirsch vom "Schminkraum" im 3. Wiener Gemeindebezirk ist Diplom-Make-up-Artist und damit prädestiniert, einen Anfänger wie mich in die Welt der Schminke einzuführen. Ihre Tipps: Gründliche Reinigung vor dem Auftragen ist essenziell, um die Haut nicht zu sehr zu beanspruchen. Das Gleiche gilt für das abendliche Abschminken. Das bedeutet: Peeling, Gesichtswasser und nach der Rasur eventuell noch eine Gesichtswasser-Lotion.

Das Peeling habe ich zu Hause, den Rest besorge ich im Drogeriemarkt. Schönheit hat ihren Preis: 65 Euro kostet die 30-ml-Packung der Foundation im Chanel-Onlineshop. Es gibt sie in acht verschiedenen Farbtönen. Die Anwendung wird auf der Website erklärt: eine kleine Menge auf die Fingerspitzen, gut auf beide Hände verteilen und dann mit sanften Bewegungen auf das Gesicht auftragen. Gesagt, getan.

Mein Hauptproblem sind die Rötungen in meinem Gesicht. Die sind je nach Tagesform mal mehr, mal weniger zu sehen und werden durch meine roten Haare und den Bart noch hervorgehoben. Die Foundation sollte dieses Problem lösen, immerhin verspricht sie ein einheitlicheres Hautbild.

Realitäts-Check

Sie fühlt sich mehr wie eine getönte Hautcreme an, ist nicht aufdringlich und duftet angenehm. Am allerwichtigsten: Sie fällt nicht auf. Dass mir das wichtig ist, wundert Martina Hirsch nicht: "Der große Unterschied zwischen Make-up bei Frauen und bei Männern ist, dass man es bei den Frauen sehen soll. Bei den Männern eben nicht." Natürlich bemerke ich vor dem Spiegel einen Unterschied. Mein Gesicht bekommt mehr Farbe, als wäre ich in der Sonne gewesen. Die Haut wirkt glatter, und die Rötungen werden weniger. Trotzdem sieht es nicht so aus, als wäre etwas Unnatürliches darüber, das sie verdeckt. Deshalb fühle ich mich von Anfang an wohl. Die Sorge, mit dem Make-up im Gesicht feminin und geschminkt auszusehen, verfliegt. Ich bin bereit für den Realitäts-Check.

Eine Gesichtshälfte mit, eine ohne Make-Up.
foto: heidi seywald

Selbstbewusst verlasse ich eine Woche lang das Haus – und bin dann sogar etwas enttäuscht. Niemand (wirklich niemand!) bemerkt die Farbe in meinem Gesicht. Und das liegt nicht daran, dass ich es nicht darauf anlege. Im Büro komme ich bei Gesprächen näher als sonst, ich schaue Fußball mit Freunden in einer Bar, ich lehne mich bei dem Bier mit einer Freundin lächerlich weit über den Tisch. Nichts! Gleichzeitig fühle ich mich umso selbstbewusster, weil ich ja weiß, dass die Creme drauf ist und mich besser aussehen lässt.

Reaktionen

Als die Woche vorbei ist, beichte ich allen, die ich getroffen habe, mein Geheimnis. "Mir ist nichts aufgefallen", "Nein, ich habe nichts gemerkt", "Da wäre ich nicht drauf gekommen." Die Antworten sind eindeutig. Doch die viel wichtigere Frage, besonders an meine männlichen Freunde: Würdest du es probieren wollen? "Nein. Aber Gott sei Dank habe ich mittlerweile auch reine Haut. Wenn das jemand macht, der Pickel hat, könnte ich es schon verstehen", antwortet einer.

Der andere: "Ich verwende täglich eine Hautcreme, aber die ist nur mattierend. Ich habe vor vier oder fünf Jahren einmal eine tönende Creme probiert, da hat mich aber einiges gestört: Sie hat gestunken, Flecken auf den Shirts gemacht und schlecht ausgesehen." Meine Freundin erzählt von ihrem Bruder, der früher auch eine Creme benutzt hat, um seine Unreinheiten zu kaschieren. Martina Hirsch erkennt seit einigen Jahren einen steigenden Trend zur dekorativen Männerkosmetik: "Dabei sind es eher die jungen Männer, zwischen 20 und 30. Die Älteren sind dafür zu konservativ."

Das ist natürlich nicht repräsentativ, trotzdem bin ich überrascht über die offenen Antworten. Mich haben sie besonders in der Annahme bestärkt, dass ich mit unreiner Haut nicht allein bin, dass Make-up für Männer nichts völlig Abstruses ist.

Trotzdem bin ich nach der Testwoche zwiegespalten. Auf der einen Seite macht das Produkt genau das, was es verspricht: eine unauffällig ebenere Haut, eine gleichmäßige Tönung und weniger Rötungen. Auf der anderen Seite bin ich froh, dass es vorbei ist. Weil ich nun morgens weniger Zeit im Bad verbringe. Ich nicht mehr darauf achten muss, mich vorsichtig an der Nase zu kratzen. Und weil ich nicht mehr akribisch darauf achte, ob meinem Gegenüber auch wirklich nicht auffällt, dass ich gerade geschminkt bin. Die Foundation bleibt für schlechte Tage im Badezimmer-Schrank. Für die guten dürfte der Bart reichen. (Thorben Pollerhof, 18.3.2019)

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