Informierte Politik braucht engagierte Wissenschaft

Kommentar der anderen |
17. März 2019, 15:46

Akademikerinnen und Akademiker müssen sich in gesellschaftliche Debatten einbringen

Die Diskussion über den Stellenwert wissenschaftliche Erkenntnisse als Grundlage für politische Meinungsbildung steckt in einem Dilemma: Einerseits werden Expertinnen und Experten mit dem Attribut "sogenannte" desavouiert; die Fundiertheit ihrer Expertise wird untergraben, indem ihnen ideologische Motive unterstellt werden. Andererseits läuft eine gegen diesen Untergriff gerichtete Berufung auf die Neutralität der Wissenschaft Gefahr, eindimensionale Vorstellungen von vermeintlicher Objektivität von Wissen zu bespielen.

Engagierte Wissenschaft dagegen hat eine klare inhaltliche Verortung, macht ihre Position transparent und kann trotzdem oder gerade deswegen einen wichtigen Beitrag zur Versachlichung von gesellschaftlichen Diskussionen leisten. Das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte etwa will mit anwendungsorientiertem Wissen über Menschenrechte einen fundierten Diskurs über zentrale gesellschaftliche Fragen ermöglichen. Das Wissen, das forschend erarbeitet wird, soll als Grundlage für Meinungsbildung dienen und zu Maßnahmen im Sinne der Verwirklichung von Menschenrechten führen.

In besonderer Weise verkörpern diesen Anspruch die Menschenrechtsprofessoren und Gründer des Instituts, Manfred Nowak und Hannes Tretter, denen die jüngst erschienene Festschrift "Menschenrechten Gestalt und Wirklichkeit verleihen – Making Human Rights Work" gewidmet ist. In der Vermittlung ihrer wissenschaftlichen Arbeit vollbringen beide den Balanceakt, Beratung anzubieten und dabei eine kritische Position zu behalten. Jan Wouters, Rechtsprofessor an der belgischen Universität Leuven, hebt in der Festschrift die Verpflichtung von Akademikerinnen und Akademikern hervor, sich in gesellschaftliche Debatten einzubringen. Es liege in der Verantwortung von Wissenschafterinnen und Wissenschaftern, ihre Rolle nicht auf das "neutrale" Weitergeben von Wissen zu reduzieren. Sonst blieben Prinzipien wie Pluralismus, Toleranz und Nichtdiskriminierung abstrakt und profan. Erst in der kritischen Reflexion und mit der bewussten Entscheidung, als Wissenschafterinnen und Wissenschafter den "Herzschlag der Gesellschaft" aufzunehmen, könne ein vertieftes Verständnis dieser Werte und Rechte erreicht werden.

Kritischer Widerspruch

Dazu gesellt sich die in aller Munde befindliche Forderung nach der Wirksamkeit – auch von wissenschaftlicher Forschung. Impact aber verlangt notgedrungen nach Zielgerichtetheit, sonst ist er nicht erreichbar. Dahin also die vermeintliche Neutralität. Völlig zu Recht weist Katharina T. Paul im Falter-Thinktank darauf hin, dass "Evidenz auch untrennbar mit dem verknüpft [ist], was wir als demokratische Gesellschaften als wissenswert befinden oder historisch als politisch relevant definiert haben". Evidenz erfordert daher unbedingt, Definitionen, Annahmen und Positionierungen, mittels deren sie erreicht wurde, transparent und sichtbar zu machen.

Es ist folglich nicht so sehr verwerflich, dass sich die Politik Thinktanks schafft, verwerflich ist, dass kein kritischer Widerspruch, keine Pluralität von Zielvorstellungen, keine Auseinandersetzung zugelassen sind, wie sie einer demokratischen Gesellschaft entsprechen würden. Was nicht affirmativ ist, zählt nicht.

Nachdem sich die Evidenz als ambivalente Referenz erweist, sollten wir vielleicht nicht von evidenzbasierter, sondern vielmehr von informierter Politik reden – und damit auch nicht nur die Regierenden meinen, sondern den Souverän, der imstande sein muss, sich eine fundierte Meinung für die nächste politische Wahlentscheidung und vielmehr noch für gesellschaftliche Teilhabe zu bilden. Dafür wollen wissenschaftliche Einrichtungen und Institutionen die Grundlage schaffen. Und tragen damit auf der Ebene des demokratischen Funktionierens unserer Gesellschaft zur so dringend notwendigen Versachlichung der politischen Diskussion bei. (Patricia Hladschik, Fiona Steinert, 17.3.2019)

Fiona Steinert und Patricia Hladschik haben bis Februar 2019 gemeinsam mit Manfred Nowak und Hannes Tretter das Ludwig-Boltzmann-Institut für Menschenrechte geleitet.