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Der islamfeindliche Terrorismus fordert auch Christen heraus

Kommentar der anderen |
18. März 2019, 13:27

Es braucht ein Bündnis aus Religionsvertretern und säkularen Humanisten und eine Absage an alle pauschalen Verurteilungen ganzer Menschengruppen

Bei jihadistischen Terroranschlägen erwartet die Öffentlichkeit, dass sich Muslime sofort für die mörderische Gewalt entschuldigen und sich von den Tätern distanzieren. Müssen sich diesmal Christen für den Terroranschlag des australischen Suprematisten Brenton T. entschuldigen, der in Christchurch 50 Muslime getötet hat? Auf den ersten Blick hat dieser Attentäter nichts mit dem Christentum zu tun. Er beruft sich auf islamfeindliche, rassistische und nationalistische Motive. Außerdem schreibt er in seinem Manifest "The Great Replacement", es sei kompliziert, die Frage, ob er ein Christ sei, zu beantworten.

Ein genauerer Blick erklärt sein Zögern. Weil sein Hauptziel der Kampf gegen die islamische Eroberung Europas ist, sind Multikulturalisten seine erklärten Feinde. Mit Christen, die sich in den letzten Jahren der Mobilisierung gegen Muslime entschieden entgegengestellt haben, hat er deshalb nichts gemeinsam. Ausdrücklich warnt er vor "religiösen Führern", die den Kampf gegen die Überfremdung schwächen. Das heißt aber nicht, dass er sich nicht für ein entschieden islamfeindliches Christentum engagieren möchte. Sein Manifest endet mit "Gott segne euch alle, und ich sehe euch wieder in Walhalla". Mit Walhalla ist in der nordischen Mythologie der Ruheort der gefallenen tapferen Krieger gemeint.

Zwei Vorbilder: Trump und Breivik

Von einem Christentum, wie es heute die meisten Kirchen vertreten, sind solche Gedanken weit entfernt. Dennoch gibt es christliche Strömungen, die die Weltsicht T.s stützen. Man braucht nur an das nationalistische Heidenchristentum Carl Schmitts denken, das heute weltweit vermehrt Verehrer findet. Schmitt sympathisierte mit einem Christentum, das trotz Feindesliebe nie auf die Idee gekommen wäre, Europa aus "Liebe zu den Sarazenen oder den Türken" dem "Islam" auszuliefern. T. nennt zwei Vorbilder, die ein nationalistisches und islamfeindliches Christentum verkörpern. Einmal lobt er den amerikanischen Präsidenten Donald Trump, weil dieser ein Symbol für "weiße Identität" sei. Trump, der von 81 Prozent der Evangelikalen und 52 Prozent der Katholiken gewählt wurde, steht für ein Christentum, mit dem T. sich anfreunden könnte.

Deutlicher ist seine Berufung auf den norwegischen Attentäter und "Kreuzritter" Anders Breivik. Mit Breivik sieht er die christlichen Kreuzzüge als Modell für den Kampf Europas gegen die Islamisierung. Im Manifest zitiert er ausführlich den Kreuzzugsaufruf von Papst Urban II. von 1095. Christen sollten unter Einsatz ihres Lebens den "heiligen Krieg" gegen die Feinde der Christen kämpfen. Das ungenaue Zitat übernimmt er von der Internetseite der traditionalistischen Gruppe "Tradition in Action", die sich der Verteidigung des Katholizismus und der Wiederherstellung der christlichen Zivilisation verschrieben hat.

Auf Distanz zur Theologie der Gewalt

Für den deutschen Historiker Gerd Althoff wurzeln die Kreuzzüge in einer "Theologie der Gewalt", die – wie er nach den Anschlägen Breiviks im Jahr 2011 bemerkte – noch nicht genügend kritisch aufgearbeitet wurde. Nur ein Christentum, das sich klar von jeder Theologie der Gewalt distanziert, kann zu einer Kultur des Friedens beitragen. Bündnisse mit Islamfeinden, Nationalisten und Rassisten sind klar abzulehnen.

Angesichts gegenseitig sich hochschaukelnder Extremisten braucht es ein Bündnis von Religionsvertretern und säkularen Humanisten. Nur die Absage an alle pauschalen Verurteilungen ganzer Menschengruppen kann dem Terrorismus das Wasser abgraben. Papst Franziskus hat in Abu Dhabi gemeinsam mit Ahmad Al-Tayyeb, dem Großimam von Al-Azhar, ein "Dokument über die Brüderlichkeit aller Menschen für ein friedliches Zusammenleben in der Welt" unterzeichnet. Darin bitten sie, für "Mord, Exil, Terrorismus und Unterdrückung" den "Namen Gottes" nicht zu benutzen. Und gegen die Aufspaltungen der Menschen betonen sie die gottgewollte Vielfalt: "Der Pluralismus und die Verschiedenheit in Bezug auf Religion, Hautfarbe, Geschlecht, Ethnie und Sprache entsprechen einem weisen göttlichen Willen, mit dem Gott die Menschen erschaffen hat." Nur das Bündnis aller Menschen, die Gewalt ablehnen, kann dem Terror Einhalt gebieten. (Wolfgang Palaver, 18.3.2019)

Wolfgang Palaver ist Professor für christliche Gesellschaftslehre an der Universität Innsbruck und war im Herbst 2018 Mitglied des Research Workshop on Religion & Violence am Center of Theological Inquiry in Princeton (Web, Facebook, Twitter).