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Später Schwangerschaftsabbruch: Zwei Frauen erzählen ihre Geschichte

19. März 2019, 13:14

Eine Bürgerinitiative fordert, die Möglichkeit von Schwangerschaftsabbrüchen einzuschränken. Alexandra und Laura haben dem STANDARD erzählt, warum sie sich für einen Abbruch entschieden haben

Wer eine Schwangerschaft nach dem Verstreichen der ersten drei Monaten beenden will, kann dies nur unter bestimmten Umständen tun. Möglich ist es etwa unter der Voraussetzung einer "embryopathischen Indikation" – wenn eine "ernste Gefahr" besteht, dass das Kind "geistig oder körperlich schwer geschädigt" sein wird.

Ärzte unterscheiden bei Abbrüchen zu fortgeschrittenen Zeitpunkten die verschiedenen Stadien. Die Fristenlösung regelt den straffreien Abbruch ohne Angabe von Gründen "innerhalb der ersten drei Monate ab Beginn der Schwangerschaft". Viele Ärzte beschränken sich bei Abbrüchen ohne Angabe von Gründen auf die ersten zwölf Wochen, einige auf 14 Wochen, manche sprechen von 16 Wochen (gerechnet ab dem Zeitpunkt der abgeschlossenen Einnistung). Wenn der Fötus ab der 22. Woche die Lebensfähigkeit erreicht hat, wird von einem Spätabbruch im strengen Sinn gesprochen. Dieser inkludiert einen Fetozid – die Tötung des Fötus im Mutterleib.

Eine Bürgerinitiative mit Unterstützung aus Regierungs- und Kirchenkreisen setzt sich dafür ein, dass die embryopathische Indikation gestrichen wird – der STANDARD berichtete. Zwei Frauen, die ihre Schwangerschaft aus diesem Grund und nach entsprechendem Okay durch Ärzte abgebrochen haben, haben dem STANDARD ihre Geschichte erzählt.

Alexandra, 30:

"Vor zwei Jahren haben mein Mann und ich geheiratet. Für uns beide war klar, dass wir Kinder wollen. Ein Jahr hat es gedauert, bevor ich schwanger wurde. In den ersten zwölf Wochen haben wir nur meiner Familie von der Schwangerschaft erzählt.

In der zehnten Schwangerschaftswoche haben wir einen umfassenden Test machen lassen, bei dem rauskam, dass alles in Ordnung ist. Dann haben wir schließlich alle in unserem Umfeld informiert und uns mit Freude auf die Schwangerschaft eingelassen. Auch bei den darauffolgenden Ultraschalluntersuchungen bei der Gynäkologin hat alles gepasst.

In der 22. Schwangerschaftswoche habe ich dann ein Organscreening gehabt. Dort wurde zuerst eine Auffälligkeit festgestellt. Von der leitenden Pränataldiagnostikerin wurde dann entdeckt, dass mehrere Tumore am Herzen unseres Sohnes sichtbar sind, was auf eine seltene, schwere Krankheit hindeute. Dieser Verdacht hat sich dann leider bei der darauffolgenden Fruchtwasseruntersuchung bestätigt.

Wir haben nach der Diagnose nur mehr in einer Blase existiert und haben nicht gewusst, was wir machen sollen. Wir wollten uns so gut wie möglich informieren, wollten wissen, welches Leben damit sowohl für unseren Sohn als auch uns Eltern möglich wäre. Wir wollten wissen, was im schlimmsten und was im besten Fall passieren kann. Nach vielen Gesprächen mit Ärzten und nach Erfahrungsberichten wussten wir, dass wir mit multiplen geistigen und körperlichen Behinderungen und schweren Krampfanfällen bei unserem Sohn rechnen mussten. Außerdem wurde uns gesagt, dass ständig Operationen notwendig sein würden, da die Tumore stetig wachsen.

Mir hat nie ein Arzt einen bestimmten Ratschlag erteilt oder mir gesagt, dass ich dies oder jenes tun soll. Mein Mann hat sogar unsere Gynäkologin gefragt, was sie tun würde, wenn es ihr Kind wäre. Sie hat uns die Frage aber nicht beantwortet, um uns in der Entscheidung nicht zu beeinflussen. Wir wurden nur darüber informiert, worum es geht, dass es sich um eine unheilbare Krankheit handelt und wir überlegen können, was wir machen wollen. Ich denke, es ist auch wichtig, dass das nicht runtergespielt wird. Eltern sollen sich über potenzielle Auswirkungen im Klaren sein können, damit sie auf Basis dessen eine Entscheidung treffen können. Wir haben gewusst, dass es unserem Kind aufgrund der Krankheit nie gut gehen kann. Es wäre für mich fahrlässig gewesen, es trotzdem zu bekommen.

Als wir unserem Arzt unsere Entscheidung mitgeteilt haben, hat dieser einen möglichen Abbruch in der für solche Fälle im Krankenhaus eingerichteten Ethikkommission besprochen. Ein paar Tage darauf bin ich in das Krankenhaus gekommen. Weil die Schwangerschaft schon so fortgeschritten war, musste ein Fetozid (Tötung des Fötus im Mutterleib, Anm.) durchgeführt werden. Anschließend habe ich Medikamente bekommen, die die Geburt eingeleitet haben.

Ich weiß nicht, was ich gemacht hätte, wenn es die Möglichkeit zum Abbruch der Schwangerschaft nicht gegeben hätte. Wahrscheinlich wäre ich in ein Land gefahren, wo man es machen darf.

Wir haben beide gewusst, dass wir unser Kind gehen lassen müssen. Es war eine unglaublich schwierige Entscheidung. Ich hätte es als Zumutung empfunden, das Kind zu zwingen, in jedem Fall geboren zu werden, ohne Rücksicht auf sein Wohlergehen und seine Aussichten zu nehmen. Wir hätten ihm kein angemessenes Leben ermöglichen können.

Dass wir unser Kind gehen lassen mussten, war die schwierigste Zeit in unserem Leben. Unser Sternchen wird nie in Vergessenheit geraten und immer Teil von uns bleiben."

Das Thema Abtreibung ist wieder aktuell, nachdem eine Bürgerinitiative mit prominenter Unterstützung die Abschaffung der embryopathischen Indikation fordert.
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Laura*, 36:

"Mein Partner und ich haben uns beide sehr über die Schwangerschaft gefreut, da es ein absolutes Wunschkind war, auf das wir einige Zeit warten mussten. Wir haben uns bewusst dazu entschieden, kein Ersttrimesterscreening durchführen zu lassen, da die Diagnose einer Behinderung für uns nicht automatisch bedeutet hätte, die Schwangerschaft abbrechen zu wollen.

Im Rahmen einer Routineuntersuchung bei meinem Gynäkologen wurde dann aber in der 14. Schwangerschaftswoche festgestellt, dass etwas nicht stimmt. Am selben Tag war ich noch im Spital, um eine genauere Untersuchung durchführen zu lassen. Dort wurde unter anderem klar, dass dem Baby die Hälfte des Gehirns fehlt und ein Herzfehler vorliegt. In dem Moment fühlte ich mich, als würde unter mir eine Klappe aufgehen und ich in ein Loch fallen.

Uns war das Krankheitsbild geläufig, und es wurde uns bestätigt, dass das Kind wahrscheinlich noch im Mutterleib sterben wird oder, falls es lebend auf die Welt kommt, nach der Geburt die ersten zehn Tage nicht überleben wird. Mit dem Wissen, was die Diagnose bedeutet, wusste ich sofort, dass ich die Schwangerschaft abbrechen und meinen Sohn erlösen möchte.

Drei Tage nach der Diagnose beim Gynäkologen wurde die Geburt medikamentös eingeleitet, unser Sohn kam 40 Stunden später in der Nacht des Heiligen Abends 2016 zur Welt. Meine Erinnerung an diese Stunden ist nur noch schemenhaft. Die Begleitung im Spital war sehr einfühlsam, so wurden zum Beispiel Fotos von unserem Sohn gemacht, die sich eine Schwester mit mir angesehen hat. Ich erhielt auch die Möglichkeit, während der Wehen und die Wochen danach Seelsorge in Anspruch zu nehmen, was ich auch gemacht habe.

Mein Partner und ich haben das gemeinsam durchgestanden, auch wenn ich die Entscheidung alleine getroffen habe. Wichtig war, dass ich während der Zeit wirklich viel Unterstützung durch eine Freundin erhalten habe. Auch an meinem Arbeitsplatz habe ich zum Glück viel Verständnis erfahren, ich musste nicht gleich Vollzeit zurück in den Job kommen, sondern habe eine Zeitlang auf 30 Stunden reduzieren können. Eineinhalb Jahre später wurde ich wieder schwanger und habe eine Tochter bekommen.

Ich habe die Entscheidung nie bereut. Ich habe ein Kind verloren. Unser Sohn wird aber immer Teil unserer Familie sein, und eine Erinnerung an ihn hat einen besonderen Platz in der Wohnung.

Ich glaube, es wäre wichtig, dass man in der aktuellen Diskussion auch mit jenen spricht, die so etwas erlebt haben. Es ist nicht alles nur schwarz oder weiß, es gibt so viele Graubereiche dazwischen. Ich finde auch, dass der Staat Eltern mehr unterstützen sollte, wenn sie mit der Diagnose konfrontiert sind, dass ihr Kind behindert auf die Welt kommen würde." (Gesprächsprotokolle: Vanessa Gaigg, 19.3.2019)

* Der Name wurde von der Redaktion geändert.