Foto: Naturschutzbund/Wittmann

Naturschützer fürchten um Salzburger Schmetterlingswiesen

1. April 2019, 06:00

Das Land überarbeitet die Biotopkartierung. Naturschützer schlagen Alarm: Der Lebensraum für Schmetterlinge und Insekten sei in Gefahr

Salzburg – Sie wachsen vor allem auf nährstoffarmen Böden, sind eines der letzten Refugien für viele Schmetterlinge, Käfer, Grillen oder Spinnen und gehören zu den artenreichsten Lebensräumen für Flora und Fauna: die Magerwiesen.

Naturschutzbund, Alpenverein, Naturfreunde und Birdlife fürchten um den Schutz der Magerwiesen in Salzburg, denn bei der geplanten Novelle des Naturschutzgesetzes soll die Definition für den Magerrasen geändert werden. Derzeit stehen Wiesen unter Schutz, wenn dort zu mehr als 50 Prozent sogenannte Mageranzeiger, also bestimmte Gräser und Blumen, wachsen. Künftig sollen Wiesen aber erst ab 75 Prozent Mageranzeigeranteil geschützt sein. "Eine ganze Menge an Trockenrasen würde nicht mehr in die Kategorie fließen", warnt Hannes Augustin vom Naturschutzbund.

Die mehrfache Gülledüngung und das Mähregime geben den Insekten kaum Überlebensmöglichkeiten, betont die Zoologin und Heuschreckenexpertin Inge Illich. Die Mähwerke würden die fragilen Körper der Insekten verletzen oder sie töten. "Jene Individuen, die überleben, verkriechen sich im gemähten Heu und werden anschließend luftdicht verpackt. Aus den Heuballen kommt kein Zirpen mehr", sagt Illich. Als Wissenschafterin sei es ihre Pflicht, auf das Schwinden der Artenvielfalt und das lautlose Sterben im Bundesland vorwiegend aufgrund der intensiven Landwirtschaft aufmerksam zu machen.

Rückgang bei Schmetterlingen, Heuschrecken und Vögeln

Die Auswirkungen sind dramatisch. Von den 65 Heuschreckenarten, die in Salzburg vorkommen, sind rund drei Viertel gefährdet. Vom Flachgau in die Gebirgstäler sind die Wiesen stumm. Im Alpenvorland sind bereits 30 Prozent aller nachgewiesenen Tagfalterarten ausgestorben. "Wird eine Wiese mehr als zweimal jährlich gemäht und regelmäßig gedüngt, wird sie beinahe schmetterlingsfrei", erklärt der Schmetterlingsforscher Patrik Gros.

Das Insektensterben hat wiederum Auswirkung auf den Vogelbestand. In 20 Jahren gingen in Österreich 42 Prozent der Vögel im Agrarland verloren. Die Feldlerche sei in vielen Regionen ausgestorben. Das Braunkehlchen war früher in jeder Wiese im Pinzgau zu finden, heute gibt es keine 30 Paare mehr. Birdlife spricht von einem Verlust von über 95 Prozent des ursprünglichen Bestandes.

Novelle soll bis Mai in Begutachtung

"Das ist Gerüchteverbreitung und politisch motivierte Panikmache", ärgert sich der Büroleiter der für Naturschutz zuständigen Landesrätin Maria Hutter (ÖVP). Es gebe noch keinen fertigen Gesetzesentwurf. "Das sind nur Vorschläge, die die Fachabteilung prüft", sagt Christian Blaschke. Bis Ende April oder Mai soll die Novelle in Begutachtung gehen.

Das derzeit existierende System der Biotopkartierung soll vereinfacht und beschleunigt werden. Die Definition der Magerwiesen sei bisher sehr ungenau gewesen. Ziel sei, die wirklich hochwertigen Flächen zu erfassen und "nicht so breitgestreut, dass es bei den Grundeigentümern zu Konflikten führt". Die Regierung wolle Akzeptanz für den Naturschutz schaffen, die Grundeigentümer mit ins Boot holen und nicht von oben herab etwas verordnen, sagt der Büroleiter. "Den Landwirten zu unterstellen, sie würden die Wiesen zugüllen, ist unseriös."

Keine Zustimmung der Grünen

Der Vorschlag muss auch mit den Regierungspartnern abgesprochen werden. Der für Umwelt zuständige grüne Landesrat Heinrich Schellhorn sagt, er kenne die Bedenken. "Wir werden uns das ganz genau ansehen. Ich verstehe, dass sie alarmiert sind." Ein Schutz erst ab 75 Prozent Mageranzeiger werde "sicher nicht unsere Zustimmung finden".

Das Naturschutzgesetz wird novelliert, weil bis zum Sommer die Aarhus-Konvention umgesetzt werden soll. Die internationale Konvention, die Österreich 2005 unterzeichnet hat, sieht vor, dass anerkannte Nichtregierungsorganisationen (NGOs) wie der Naturschutzbund bei Behördenverfahren künftig Parteistellung haben. Weil die Konvention noch nicht in Gesetze gegossen ist, läuft derzeit ein Vertragsverletzungsverfahren gegen Österreich. (Stefanie Ruep, 1.4.2019)