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Lohnt es sich, ein Start-up mit wenigen Finanzmitteln zu gründen?

Userartikel |
15. April 2019, 10:12

Hohe Konkurrenzdichte und Insolvenzgefahr: Nur ein Start-up aus zehn hat Erfolg. Was man beachten muss

2018 wagten rund 38.327 Gründer in Österreich den Schritt ins Unternehmertum. Rund viereinhalb Prozent weniger als im Vorjahr. Für die meisten ist die Selbstständigkeit die Erfüllung eines Traums. Eine Gründung ist beides, Chance und Herausforderung. Allerdings: Neun von zehn Start-ups scheitern bereits in den ersten Jahren. Grund genug, kritisch zu hinterfragen, ob sich die Anstrengung in dem Fall überhaupt lohnt.

Streitigkeiten im Gründer-Team, Liquiditätsprobleme, Absatzschwierigkeiten, Konkurrenz. Die Gründe für eine Insolvenz sind vielfältig. In der Euphorie des Moments unterschätzen viele Selbständige, was auf sie zukommt.

Gründen bedeutet ein hohes Risiko. Eine visionäre Geschäftsidee und Motivation reichen nicht aus, um am Markt zu bestehen. Solo-Gründer und Gründer-Teams brauchen Disziplin, Leidenschaft und die Fähigkeit, produktiv mit Rückschlägen umzugehen. Kommunikationsfähigkeiten und Verkaufstalent sind ein Muss: Schließlich gilt es immer wieder aufs Neue, Menschen von der Grundidee des Start-ups zu überzeugen, seien es Investoren, mögliche Geschäftspartner oder Kunden.

Was muss bei der Gründung beachtet werden?

  • Gründungsidee auf Marktrelevanz prüfen: Hat die Geschäftsidee eine Chance, langfristig auf dem Markt zu bestehen? Um diesen Punkt einschätzen zu können, stellt sich die Frage, welches Problem das Produkt oder die Dienstleistung löst. Gibt es dafür genügend Bedarf? Wie sehen Angebot und Nachfrage in der entsprechenden Nische aus und wer sind die direkten Konkurrenten? Start-ups sollten den Markt und ihre direkten Kunden umfassend analysieren. Ebenfalls wichtig vor dem Launch: Das Produkt sollte Marktreife besitzen.
  • Geeignetes Gründer-Team aufstellen: Kaum ein Gründer beherrscht sämtliche Aufgaben, die als Unternehmer auf ihn zukommen. In einem Team verteilt sich die Last auf mehrere Schultern. Die optimalen Mitstreiter sind fachlich kompetent und ergänzen einander.
  • Gegenseitige Sympathie und Respekt sind – trotz flacher Hierarchien – ein Muss.
    Finanzierung: Ohne Geld gibt es keine Chance auf eine erfolgreiche Gründung.

Kapitalbeschaffung: Woher kommt das Geld?

Das Stammkapital, um in Österreich eine GmbH zu gründen, beträgt 35.000 Euro. Start-ups profitieren von einer Gründungsprivilegierung: Ein Mindeststammkapital von 10.000 Euro reicht zunächst für die GmbH-Gründung aus. Mindestens 5.000 Euro müssen Gründer direkt einzahlen. Gesellschafter leisten eine Einzahlung von wenigstens 70 Euro. Diese Regelung verschafft Start-ups zehn Jahre Zeit, um ihr Stammkapital auf 35.000 Euro anzuheben. Bis dahin macht der Zusatz "gründungsprivilegiert" ihre Sonderstellung nach außen erkennbar.

Als Jungunternehmen braucht man mehr Kapital als die Mindesteinlagen.

Diese vergleichsweise überschaubare Summe lässt sich möglicherweise durch das Zusammenlegen sämtlicher Ersparnisse aufbringen. Was angehende Gründer sich allerdings bewusst machen sollten ist, dass ihr tatsächlicher Kapitalbedarf die geforderte Mindesteinlage deutlich übersteigt.

Anfangs arbeiten vielleicht Freunde und Familie kostenlos mit, um das junge Unternehmen zu unterstützen. Gründer sind nicht selten rund um die Uhr im Einsatz. Doch irgendwann braucht das Start-up Büroräume mit entsprechender Ausstattung, fachlich kompetentes Personal und ein Werbebudget.

In den ersten Gründungsjahren steht in der Regel die Produktentwicklung im Vordergrund. Dafür erhalten Start-ups in Österreich monetäre Unterstützung von Bund und Ländern sowie durch Zuwendungen von Business Angels und Seed-Investitionen. Crowd-Funding ist eine weitere Methode, um an finanzielle Mittel zu kommen.

Es lohnt sich, sämtliche Möglichkeiten auszuschöpfen. Zur Veranschaulichung: Einer aktuellen Studie von Bitkom zufolge benötigen Start-ups im benachbarten Deutschland innerhalb der ersten beiden Jahre durchschnittlich 3,1 Millionen Euro. Nur neun Prozent der befragten jungen Betriebe halten sich mit 900.000 Euro über Wasser. Zwölf Prozent veranschlagen sogar fünf Millionen oder mehr.

Doch auch in der sich daran anschließenden Wachstumsphase braucht das Unternehmen Millionenbeträge, um vom Micromanagement Abschied zu nehmen und innerbetriebliche Strukturen mit Führungskräften und Abteilungen anzulegen. Die Gefahr, in dieser Phase aufgrund von fehlender finanzieller Mittel zu scheitern, ist groß.

Eine ordentliche Buchhaltung als Schlüssel zum Erfolg

Für etliche Gründer ist die Buchhaltung Neuland. Fehler bei der Preiskalkulation, der Rechnungstellung und Steuerangelegenheiten sind der Todesstoß eines jeden Unternehmens: Stimmt der festgesetzte Preis für erbrachte Dienstleistungen oder Produkte nicht, wirtschaftet sich das Start-up im Nullkommanichts in den finanziellen Ruin.

Gründer ohne Buchhaltungskenntnisse sind mit einer Online-Buchhaltungssoftware gut bedient. Somit kann jeder Mitarbeiter problemlos auf Dokumente und Rechnungen zugreifen, um auch von unterwegs aus oder von zuhause aus arbeiten zu können. Das spart für das junge Unternehmen nicht nur Kosten, sondern sorgt ebenfalls für eine angenehme Arbeitsatmosphäre. Nur durch eine exakte Buchhaltung ergibt sich ein realistischer Überblick über Kosten, Einnahmen und Ausgaben.

Vertrieb und Online-Marketing: Reichweite und Reputation aufbauen

Produkte und Dienstleistungen müssen wirkungsvoll an Kunden vermarktet werden. Entscheidend dafür ist ein professioneller Online-Auftritt. Die Website sollte sich zum einen technisch auf dem neusten Stand befinden und zum anderen das Angebot des Start-ups in suchmaschinenoptimierten Texten, Bildern und Videos präsentieren. Nur wer gefunden wird, gewinnt Kunden und macht Umsatz.

Für effektives Marketing eignet sich zumindest in der Anfangsphase kaum jemand besser als die Gründer selbst: Sie kennen das Start-up und "brennen" für die dahinterstehende Vision. Werbekampagnen in den sozialen Medien tragen zu einer erhöhten Sichtbarkeit im Internet bei. Der enge Kontakt mit potenziellen Kunden liefert darüber hinaus wertvolles Feedback, das direkt in Produktentwicklung oder die Ausgestaltung der Dienstleistung einfließen kann. Je genauer Start-ups die Bedürfnisse, Probleme und Schmerzpunkte ihrer Kunden kennen, desto erfolgreicher gelingt ihnen die Vermarktung ihres Angebots.

Online-Bewertungen schaffen zusätzlich Vertrauen und stärken die Reputation des Unternehmens. Nicht alle Gründer sind Vertriebsprofis oder geborene Marketer. Um hier keine Möglichkeiten zu verschenken, kann ergänzende Hilfe von (bezahlten) Profis nötig sein.

Lohnt sich die Gründung eines Start-ups mit minimalem Budget?

Unter bestimmten Voraussetzungen lohnt sich die Gründung eines Start-ups auch ohne finanzielles Polster:

  • Die Geschäftsidee besitzt eine hohe Marktrelevanz. Sie löst ein Problem, das viele Menschen betrifft.
  • Das Gründungsteam zieht an einem Strang. Die Mitglieder ergänzen sich fachlich und persönlich.
  • Der Gründer beziehungsweise das Gründungsteam kennt sich nicht nur mit dem eigenen Produkt, sondern mit Buchhaltung, Sponsoring und Marketing aus.
  • Dem Gründungsteam gelingt es, vorhandene Finanzierungsmöglichkeiten auszuschöpfen, Investoren zu begeistern und durch Sponsoring für Liquidität zu sorgen.
  • Es gibt kaum oder keine Konkurrenz für das Produkt.

Ob sich ein Start-up letztendlich am Markt durchsetzt und die kritische Wachstumsphase übersteht, hängt in hohem Maße von der Persönlichkeit der Gründer ab: Auf der einen Seite stehen visionäre Ideen, ein Gespür für Trends, buchhalterisches Wissen und Marketing-Know-how. Doch neben diesen Fachkenntnissen sind ebenso Durchhaltevermögen, Stressresistenz und die Fähigkeit, mit Rückschlägen umzugehen, entscheidend für den Erfolg. (15.4.2019)

Raimund Hahn ist Serial Entrepreneur und DC Business Ambassador. Er hat mehr als 20 Unternehmen aus unterschiedlichen Branchen aufgebaut.

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