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Kurz vor Schluss: Wie Menschen sterben

10. Juni 2019, 11:00

Sterben im Hospiz, zu Hause, im Seniorenheim oder auf der Intensivstation: vier Orte, vier Welten. Ein Lokalaugenschein

Er: Direktor einer Hotelgruppe. Wirtschaftsstudium am Genfer See. Haus auf Bora-Bora. Sie: Speditionskauffrau. Maturaschule abgebrochen. Drogen. Das Kind nach der Geburt abgenommen. Kaum Berührungspunkte in zwei unterschiedlichen Leben, und doch sitzen sie nebeneinander, auf derselben Terrasse in der Nachmittagssonne.

Die Gemeinsamkeit: Sie werden sterben, bald. Krebs im Endstadium. So wie viele der insgesamt zwölf Patienten im Hospiz der Caritas Socialis am Wiener Rennweg. Nur knapp mehr als zwei Wochen ist die Verweildauer pro Patient. Die letzten Tage ihres Lebens.

Es ist Anfang Oktober, draußen immer noch über 20 Grad. Schulkinder spielen im Freien, über den Köpfen Flugzeuge im Anflug auf Schwechat. Die ehemalige Speditionskauffrau Doris L. ist 49 Jahre alt, ihr Körper sieht mitgenommen aus. Sie raucht, das Gesicht zerfurcht, der Blick geht ins Leere.

Im Tod, so heißt es, sieht man, wie jemand gelebt hat.
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"Ich hab so viel Blödsinn gemacht in meinem Leben", sagt sie, und Tränen rinnen über ihre grauen Wangen. Ajoki aus Hamburg, eine der Pflegerinnen, ist zur Stelle, wenn es ums Trösten und Zuhören geht. Hält Hände oder manchmal auch nur den Aschenbecher. "Wir haben unsere Augen, unsere Hände", sagt sie, wenn es darum geht, wie sie Patienten behandelt.

Alltag erleichtern

Viele Fragen hört man hier: Ob es so recht ist? Ob sie noch etwas bringen kann? Den Saft gekühlt oder lieber Zimmertemperatur? Medizinisches Hightech-Gerät gibt es auch. Schmerzpumpen, die Morphine spritzen, über einen Venenflow direkt mit dem Körper verbunden. Die Patienten schieben sie neben sich her oder legen sie auf den Tisch vor sich, ein Plastikkästchen in Buchgröße. Flussrate 0,5, Impuls von 1,20. Was technisch klingt, erleichtert den Alltag.

Der Mensch steht im Mittelpunkt. "Badet sehr gern" steht auf einem gelben Post-it, das jemand in die Patientenmappe von Herbert S., dem Hoteldirektor, geklebt hat. Andere bleiben mit ihrem Bett eine Nacht auf der Terrasse. Noch einmal unter freiem Himmel schlafen. Oder sie unternehmen einen Ausflug mit dem Pflegeteam, um die Donau zu sehen.

Erstaunlich oft sind es offene Geschichten, in Beziehungen, in der Familie, die Sterbende in den letzten Tagen ihres Lebens beschäftigen. Ein letzter Anlauf, um die Dinge ins Reine zu bringen. Bei Doris L. ist es ihre Mutter. Psychisch krank, ungepflegt, die Tochter geniert sich für sie. Und doch gibt sie sich einen Ruck, das erste Mal seit Jahrzehnten, und bittet um eine Aussprache.

Was ist das Wichtigste im Leben?

Herbert S. überlegt. Er hat auf jedem der fünf Kontinente gelebt. Im Hafen von Auckland ein Hotel eröffnet, in der Südsee getaucht. Spricht Englisch, Französisch, Italienisch, Japanisch. "Nicht immer dem Geld nachrennen", zieht er nach einer kurzen Pause Bilanz.

Ajoki. Sie scherzt und lacht mit ihren 27 Jahren, macht Mut, berührt Hände, deren Haut dünn wie Papier ist, stellt die Lautstärke eines Fernsehers ein. Barbara Karlich plaudert sich in die Stille. Ajoki sagt an, was sie tut, wenn sie Körper im Bett wendet, Katheter anschließt, Windeln wechselt, voller Respekt vor der Würde der Menschen. "Sterben ist immer eine ganz besondere Begegnung", erzählt sie. Demut, sagt sie, sei ihre Grundhaltung.

Die Dankbarkeit der Patienten und ihrer Verwandten ist spürbar. Das Hospiz – ein zutiefst menschlicher Ort. Angst weicht dem Gefühl von Geborgenheit, es riecht nach Lavendel aus Duftlampen. Stress scheint es eher draußen zu geben, vor den Fenstern in der Oberzellergasse, wo das Leben weitergeht, die Kirchenglocken läuten, die Menschen von der Arbeit nach Hause kommen.

Der letzte Atemzug

"Der letzte Atemzug ist immer besonders. Die Menschen suchen sich gut aus, wer dabei sein darf", erzählt Cornelia, eine Waldviertlerin, gläubige Buddhistin und seit 14 Jahren als Pflegerin tätig. An diesem ersten Freitag des neuen Jahres besucht sie mit ihrem kleinen, roten Dienstwagen zwei Patienten zu Hause, ausgerüstet mit viel Mitgefühl und einem Täschchen voller Morphiumampullen.

"Da komm ich mir immer vor wie ein Dealer", sagt sie und lächelt. Sie hat schon hunderte Menschen beim Sterben begleitet. Ärzte wissen: das Gehör ist der letzte unsere Sinne, der bis kurz vor dem Ende aktiv bleibt. Cornelia bestätigt das.

Erst am Vortag ist einer ihrer Patienten im Beisein seiner beiden erwachsenen Töchter zu Hause gestorben. Sie spielten ihm seine Lieblingsmelodie vor: "Insieme" von Toto Cutugno. Mit dem letzten Ton hörte er auf zu atmen. Es gibt viele solcher Geschichten: von der Frau, die im Sterben lag und kaum mehr atmen konnte, aber erst loslassen konnte, als es ihr Sohn zwei Tage später mit dem Flugzeug aus Sydney zu ihr geschafft hatte.

Eine andere starb ausgerechnet in den drei Minuten, als ihr Mann, seit einer Woche rund um die Uhr am Krankenbett, schnell den Parkschein im Auto wechselte. Manche sterben im Krankenhaus oder Hospiz, weil sie daheim, im Kreise der Familie, nicht zur Ruhe kommen.

Jung sterben

Bei David, Cornelias zweiter Besuch an diesem Tag, ist es anders. Er will nicht im Spital sterben und auch nicht im Hospiz. Er mag den Blick aus dem Fenster seiner Wohnung, auf die Straßenbahnremise mit den ausrangierten Waggons. Den Balkon, auf den er hin und wieder mit dem Rollstuhl rausfährt, um eine zu rauchen.

David hat strahlend blaue Augen und eine lange Narbe am Kopf. Vor acht Jahren ist er bei einem Unfall aus dem dritten Stock auf den Asphalt gestürzt: Seither lebt er im Rollstuhl, eine Titanplatte im Kopf. Als ob das nicht Schicksalsschlag genug wäre, kam als Draufgabe ein Nierenkarzinom dazu. Sieben Chemotherapien hat er hinter sich. Bei der letzten im vergangenen Juni, erzählt er, hätte er sich beinahe aufgegeben. Er ist 34. Vom stundenlangen Sitzen im Rollstuhl ist sein Rücken oberhalb vom Gesäß eine klaffende Wunde.

Fakt ist: Wer lebt, geht dem Tod entgegen. Deshalb: Jeden Tag so leben, als ob es der letzte wäre? Nur, wer schafft das schon im Stress des Alltags.
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Cornelia, kaum älter als ihr Patient, dreht ihn vorsichtig zur Seite, wechselt den Verband und bringt die Vakuumpumpe an, die das Wundsekret absaugt. Geduldig lässt er mit seinem Körper hantieren. Scham hat er schon lange hinter sich gelassen. Es ist, wie es ist. Liegt im Kapuzenpulli im Bett, den Kopf im gelben Polster vergraben.

Dass David voraussichtlich früher sterben wird als seine Eltern, die ums Eck wohnen, macht ihm nichts aus, sagt er. Am liebsten würde er noch eine Reise machen, gemeinsam mit einem Freund vielleicht. Teneriffa oder Amsterdam, da war er noch nie. Ein barrierefreies Bett und noch einmal das Meer sehen. Das wäre ein sehr schönes Ende, findet David.

Schatten der Vergangenheit

Wie es tatsächlich sein wird? Niemand weiß das, bis es so weit ist. Manche ziehen sich in eine innere, unsichtbare Realität zurück, die mit der Außenwelt nichts mehr gemein hat. Führen Zwiegespräche, ringen mit Schatten aus ihrer Vergangenheit. Etwa zwölf Stunden vor dem Tod verändert sich die Atmung. Sie wird flacher, manchmal auch unregelmäßig. Im Fachjargon "terminale Phase". Es gibt Aussetzer, die bis zu einer Minute dauern können.

Cornelia erzählt, man könne die Sterbephase verkürzen mit einem Gespräch, in dem es darum geht, jetzt gehen zu dürfen. Selbst dann, wenn die Patienten längst nicht mehr antworten. Der letzte Moment ist der Sprung ins Ungewisse. Manchmal gleicht er mehr einem Hin-und-her-Pendeln zwischen den Welten, die Mienen hellen sich plötzlich auf, ungläubiges Staunen. Dann das endgültige Loslassen.

Im Haus Trazerberg in Wien-Hietzing stehen neun Pensionisten rund ums Kaffeebuffet, acht von ihnen haben einen Rollator. Ein bisschen erinnert die Szene an einen Monty-Python-Film: Es ist elf Uhr. "Mahlzeit", grüßt eine Dame, die anderen beobachten still. Auf der Pinnwand eine Kursankündigung für den 2. April: Schwerpunkt Grabsteinpflege. Leichtere Kost gibt's am Nachmittag. Eine Filmvorführung. "Ober zahlen" mit Hans Moser. Davor geht's in den Speisesaal: 50 Tische mit grünen Tischtüchern und Kunstblumen.

Einmal Seniorenheim – und nicht mehr zurück

Zwei adrette Damen sitzen am Nebentisch, weißes Haar, mit Perlenkette und Notfallknopf am Armband, löffeln Gemüsecremesuppe, die Bewegungen langsam, in sich gekehrt. Das Leben besteht hier hauptsächlich aus Erinnerung. Müde und manchmal weise Augen. Ein paar Meter weiter, in der Bettenstation, sitzen die beim Essen, denen es noch schlechter geht.

Statt Rollatoren jetzt Rollstühle. Abwesende Gesichter. Im Radio läuft Volksmusik. "Du bist mir so nah und immer für mich da." Mittendrin: Christine S., ehemalige Hauptschullehrerin, ohne Rollstuhl, bestens gelaunt. Sie hat Englisch unterrichtet, jetzt ist sie dement und löffelt ihr Kompott. "Möchten Sie auch einmal?" Gutmütig lächelnd hält sie mir ihre Tasse hin. Seit sechs Jahren lebt sie in dem Haus, es gefalle ihr sehr gut.

Direkt neben ihr schimpft ein älterer Mann ununterbrochen vor sich hin. Oft zeigt die letzte Lebensphase unseren Charakter ungefiltert, es kommt zum Vorschein, wie man gelebt hat. Ich bedanke mich bei Frau S. "Enjoy your day", sage ich zur Verabschiedung. Sie strahlt. "Enjoy your life!", gibt sie zurück.

Süß, aber auch bitter

Noch einen Gang weiter liegt Frau Elfriede W, 99 Jahre alt, allein im Zimmer, geistig voll da, und wartet darauf, "dass ich erlöst werde". Doch der Tod will nicht kommen. Noch nicht. Uhrticken. Schwarz-Weiß-Fotos ihrer Eltern und ihres Bruders an der Wand. Sie spricht mit ihnen, immer wieder, mit ihrer "Mamschi" und dem "Papschi", erzählt ihnen, wie es ihr geht. Neben dem Bett eine Thermoskanne mit Tee. "Die soll ich austrinken." Kekse. Frau W. hat einmal Schneiderin gelernt, als junge Frau war sie sportlich: eine gute Schwimmerin, im Turnunterricht ist sie so gern auf die Stangen geklettert.

Jetzt versagen ihre Beine. "Sie sinken einfach ein, das hätte ich mir nie gedacht." Einsam fühlt sie sich nicht. Abgeschoben, allein, anonymes Sterben im Heim? Hier nicht. Die Pflegerinnen bemühen sich, das Kuratorium Wiener Pensionistenhäuser hat sie extra geschult zum Thema Palliativmedizin. Frau Ws Schwiegertochter und die vier Enkerln kommen immer wieder zu Besuch. Das Resümee von Frau W. am Ende eines langen Lebens? "Das Leben ist süß, aber auch bitter." Lächeln. 100 Jahre Lebenserfahrung in einem Satz.

Wie ein Raumschiff

Szenenwechsel. Intensivstation, Landesklinikum Wiener Neustadt. Wer hier stirbt, sucht sich das nicht aus. 21 Betten, darin liegen Patienten mit Schädelverletzungen, Hirntumoren. Opfer von Verkehrsunfällen. Reanimierte. Hirnblutungen. Wie im Zimmer 5. Thomas R., Mitte 60, graue Haare, eine Glatze am Hinterkopf. Er ist frisch rasiert. Am ersten Jänner ging er spazieren, aber es war ein schlechter Start ins neue Jahr.

Mit einer Hirnblutung hat man ihn Stunden später leblos im Park gefunden. Seither liegt er bewusstlos in seinem Bett, die Beine angewinkelt, der Mund halb offen. Über eine Sonde in der Nase wird er ernährt, künstlich beamtet durch einen Schlauch, der direkt in die Luftröhre mündet.

Sterben als Prozess, der Körper wird zur Hülle.
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Er sieht nicht den grauen Winterhimmel vor seinem Fenster, auch nicht die Felsen der Hohen Wand am Horizont. Obwohl er manchmal die Augen aufschlägt. Wenn Sandra, die Pflegerin, ihn berührt. Oder den Schleim aus den Bronchien saugt. Dann sieht es aus, als würde er husten, er verzieht die Augenbrauen, legt die Stirn in Falten, aber es ist kein Ton zu hören. Nur das Rauschen des Sauerstoffs und der sich aufbauende und wieder lösende Druck seiner Beinkompressen.

Links vom Bett: Motorpumpen, die ferngesteuert und ganz langsam Medikamente in die Blutbahn schicken. Ein Monitor zeigt Blutdruck, EKG, Sauerstoffsättigung, Hirndruck und Atemvolumen an. Überschreitet einer der Werte eine kritische Grenze, schlägt das Gerät Alarm.

"Die Intensivstation ist wie ein Raumschiff, die Angehörigen sind da fast immer überfordert", erzählt Sandra. Und die Patienten? Wie in einer Zwischenwelt liegen sie da, ihr ehemaliges Leben schwebt irgendwo im Raum. Es ist, als fänden sie nicht mehr zurück. Öffnen die Augen und sind doch weit weg.

Stecker raus

Einer von zehn schafft es hier nicht lebend raus, sagt die Statistik. Und auch hier gilt: Nicht alles, was technisch möglich ist, ermöglicht ein würdevolles Sterben. "Früher war es oft ein wilder Kampf um das Leben, mit allen Mitteln. Heute ist auch eine palliative Behandlung im Intensivbereich möglich", sagt Helmut Trimmel, der ärztliche Leiter hier in Wiener Neustadt.

Immer wieder geht es um die Frage: "Stecker ziehen" oder nicht? Entschieden wird diese Frage im Team, in enger Absprache mit Angehörigen. Und nur wenn wirklich klar ist, dass keine Besserung mehr zu erwarten ist, wird es gemacht. Die ferngesteuerten Motorpumpen bleiben dann stehen, die Medikamente werden abgesetzt. Herzschlag und Blutdruck sinken. Das Ende kommt mit dem Zusammenbruch des Kreislaufs, manchmal passiert es nach ein paar Minuten, manchmal dauert es aber auch Stunden.

Man sieht, wie der Körper verfällt, es ist ein optischer Sterbevorgang. Doch irgendwann wird es still, der Sauerstoff rauscht nicht mehr, übrig bleibt eine Hülle. Thomas R. hat gute Chancen zu überleben. Aber er wird ein Pflegefall bleiben.

Im Tod, so heißt es, sieht man, wie jemand gelebt hat. Für Doris L. im Hospiz kommt er 16 Tage nach unserer Begegnung auf der Terrasse, im Schlaf. Davor konnte sie sich mit ihrer Mutter nach langer Zeit aussprechen. Dass jemand von einer Zeitung Interesse für ihr Leben hat, beeindruckte sie, erzählt ihre Betreuerin. Sie hielt sich selbst nicht für interessant.

Herbert S., der Hoteldirektor, empfängt den Tod einen Monat danach, ganz Gentleman. Frisch rasiert, mit seinem Aftershave von Dior auf den Wangen. Er hat sich noch mit einem Handkuss bei der Pflegerin für die Rasur bedankt. (Michael Marchetti, CURE, 10.6.2019)