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Gegen alle Gurus: Blogger Christian Kreil im Porträt

Porträt |
13. April 2019, 15:00

Kreil schreibt als STANDARD-Blogger gegen Pseudo-Wissenschaft und Esoterik an. Das ist aber nicht das einzig Interessante an ihm

Geht es nach der Meinung von Ketut Arianik, ist Christian Kreil ein "Schmierenpublizist". Ein "schamanophober Ethnologe". Ein "Schmierfink", der Menschen und ihre Leistungen "mutwillig und ohne jeden Grund auf eine sehr schäbige, perfide und billige Weise anzweifeln und abzuwerten" versucht. All diese Dinge stehen zumindest so in einem Blogbeitrag, den Arianik im Februar über Kreil geschrieben hat.

Dazu muss man allerdings wissen, dass Arianik einen Grund hat, auf Kreil wütend zu sein. Der 52-Jährige betreibt den STANDARD-Userblog "Stiftung Gurutest". Im Dezember letzen Jahres nahm er sich dabei auch Arianiks Mann an, der Fernheilung durch Schamanen auf Bali anbietet. Das Testergebnis war – wenig überraschend – eher ernüchternd.

Christian Kreil ist nicht nur "schamanophob".
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Man täte Kreil Unrecht, würde man ihn nur als "schamanophob" bezeichnen. Er ist schon noch mehr als das. Kreil ist Ethnologe, Journalist, Sozialarbeiter, Texter. Daneben auch noch Radfahrer und Bergsteiger. Seit mehr als einem Jahr legt er sich in seinem Blog mit Homöopathen, Impfgegnern und Granderwasser-Enthusiasten an. Es ist einer der erfolgreichsten STANDARD-Userblogs.

Entspiritualisierung

Im Leben von Christian Kreil gibt es nicht das eine Erweckungserlebnis, das ihn zum Gegner der Esoterik und Pseudowissenschaft gemacht hat. Nicht den einen übereifrigen Diakon, der ihn vom Spirituellen wegbrachte; nicht den einen Wunderheiler, der ihm die Esoterik versaute. Kreil kommt nicht einmal aus einer besonders säkularen Familie. In seiner Jugend war er Ministrant, was ihm sogar Spaß gemacht hat. Warum tut er dann das, was er tut? Wie kam es zu der Entspiritualisierung? "Das war ein schleichender Prozess", sagt Kreil.

Kreil wird 1966 in Steyr geboren. Dort wohnt er auch (wieder), seine oberösterreichische Herkunft hört man ihm an. Er wächst in einem typischen Arbeiterhaushalt auf. Der Vater hackelt in den Steyr-Werken, die Mutter ist Verkäuferin. Die Eltern haben aber früh den Wunsch: Der Bursche soll studieren.

Kreil ist bereits in seiner Jugend Bergsteiger, liest die Bücher von Heinrich Harrer wie "Sieben Jahre in Tibet". Und beschließt zwei Dinge. Erstens: Er will Ethnologe werden. Und zweitens: Er will in den Himalaya, weil das "für mich wie die logische Folge des Bergsteigens schien", sagt er. Mit 18 Jahren geht er nach Wien und inskribiert sich in Ethnologie, ein Jahr später fliegt er nach Asien und macht eine Trekkingtour durch das höchste Gebirge der Welt.

Auf der Wiener Ethnologie, heute das Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, gibt es in den 80er-Jahren zwei Schulen: eine streng materialistisch-marxistische und eine, die vom Esoterischen, von Voodoo und Schamanen fasziniert ist. "Die Lust am Spirituellen ist mir bald ordentlich auf den Wecker gegangen", sagt Kreil. Seine Skepsis gegenüber der Esoterik wächst in seinen Studienjahren immer mehr und wird auch von seinen streng materialistischen Professoren genährt.

Während seiner Studienzeit reist er viel – unter anderem mit dem Rad durch Malawi.
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Rennen statt Talismane

Es ist nicht so, als hätte Kreil auf den zahlreichen Reisen und Studienaufenthalten, die folgen sollten, keine Berührungspunkte mit dem Spirituellen gehabt. Er besuchte buddhistische und hinduistische Tempel, machte ein Gebetsritual in der Großen Moschee von Algier mit, ließ sich auf einer Reise in Afrika die Zukunft mit Muschelwurf vorhersagen. Kreil kann mit all dem durchaus umgehen. Seine Feinde sind nicht die Gläubigen, sondern die Geschäftemacher, die ihnen das Geld aus der Tasche ziehen wollen. "Bei den großen Religionen kann ich sogar den gesellschaftsfördernden Aspekt sehen", sagt Kreil.

Auf seinen Reisen – hier in der Sahara in Algerien – gibt es viele Berührungspunkte mit dem Spirituellen.
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Für seine Magisterarbeit über Frauenbeschneidung im Sudan ist er ein Jahr mit Nomaden unterwegs, kauft sich dafür extra ein Kamel. Die Nomaden haben Talismane dabei, die sie vor Kugeln schützen sollen. "Ich hab immer gesagt, ich renne lieber weg", sagt Kreil. Da hätten alle immer gelacht, die Nomaden wie er.

Für seine Magisterarbeit ist er in Kordofan im Sudan unterwegs.
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Auch sonst kommt Kreil viel herum. Im Jahr 1993 ist er – gerade mit der Uni fertig – ein halbes Jahr mit der Reiseschreibmaschine im Nahen Osten unterwegs, berichtet dort für deutsche und österreichische Zeitungen. Als er Fotos machen will, drücken ihm Leute die Kalaschnikow in den Bauch. Im Libanon wird er von der Hisbollah festgenommen, mit Augenbinde in einen Keller geführt und stundenlang verhört, bevor sie ihn gehen lassen. "Das Notizbuch mit den israelischen Telefonnummern haben sie sich zum Glück nicht angeschaut", sagt Kreil.

Diese Aufnahme wurde im Sudan gemacht.
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Kreils Leben verläuft auch danach nicht geradlinig und ist immer wieder von Schlenkern durchzogen. Er macht viel und bleibt nirgendwo ewig. Er wird Redakteur beim neugegründeten "Wirtschaftsblatt", ist acht Jahre Sozialarbeiter bei der Caritas und Pro Mente in Steyr, wo er mit Flüchtlingen arbeitet, werkelt in der PR eines größeren Unternehmens. Heute arbeitet er vor allem als freischaffender Texter. Journalist ist er all die Jahre weiterhin, für ein Lokalblatt in Steyr und manchmal auch für Medien wie das "Profil".

Kleine Erfolge

Vor vier Jahren begann Kreil zu bloggen, Anfang 2018 wechselte sein Blog zum STANDARD. Das ist sogar ein bisschen eine Heimkehr: Seine erste journalistische Veröffentlichung war ein Kommentar der anderen im STANDARD vom 6. Mai 1993, den er nach der Ermordung des südafrikanischen Politikers Chris Hani geschrieben hatte. Es ging darin um die Unterwanderung von Südafrikas Sicherheitskräften durch Rechtsextremisten. "Zu hoffen, dass sie durch Vernunft zur Einsicht kommen, ist ebenso wahrscheinlich wie Rushdie-Übersetzungen in Teheraner Buchhandlungen", schrieb Kreil, schon damals nicht nicht um klare Worte verlegen.

Zu seinen Blogbeiträgen bekommt er viel positives Feedback – und gelegentlich Mails mit seitenlangen "wissenschaftlichen" Erklärungen, warum er zumindest in diesem Fall absolut falsch läge. Negatives Feedback stört ihn nicht ("Da bin ich ganz sattelfest"), an den kleinen Erfolgen erfreut er sich: Die Landeskrankenhäuser Steyr und Rohrbach warben auf ihrer Website lange Zeit mit "gesundem Granderwasser". Nach einem kritischen Blogbeitrag von Kreil und der Diskussion über den teuren Energiering um das KH Nord drehten sie die Granderwasser-Anlage ab. Wodurch sich zwar faktisch nichts am Wasser änderte, aber ein bisschen mehr Wissenschaftlichkeit einkehrte.

Unwissenschaftlichkeit als Problem

Kreil ist kein Radikaler, er hat einen durchaus differenzierten Zugang zur Esoterik. Und vor allem zu den Menschen, die sich an ihr erfreuen. "Die Rituale sind mir egal, die sind nicht das Problem", sagt Kreil. Er hätte erst unlängst einen Disput mit einer Frau gehabt, die irgendwo draußen vor der Stadt Steinkreise legen würde. Dass sie Steinkreise legen würde, sei ihm wurscht, das könne jeder den ganzen Tag machen. "Sie hat mir aber erklärt, dass das für den Weltfrieden sei. Da beginnt das Problem." Kreil geht es um das Hochhalten des wissenschaftlichen Gedankens: Wenn immer mehr Leute bei Krankheit Globuli verlangen würden, würde sich dauerhaft alles in Richtung Irrationales verschieben. "Die wissenschaftliche Methode ist nicht perfekt, ab es ist die einzige Art, die Welt zu erklären." Und man müsse sie gegen alle Angriffe verteidigen.

Trotzdem könne man bei Traditionen und Symbolen ein bisschen Toleranz zeigen, findet Kreil. Zumindest solange sie nicht schaden. In seinem Auto steht eine kleine Figur des Heiligen Christophorus, dem Schutzpatron der Reisenden, seiner Mutter zuliebe. Der stört Kreil nicht. "Müsste ich mich aber zwischen dem Sicherheitsgurt und dem Heiligen Christophorus entscheiden, würde ich immer ersteren wählen." (Jonas Vogt, 13.4.2019)