Foto: Katharina Lütscher

Sibylle Bergs neuer Roman: Versmartung und Hirnwichserei

12. April 2019, 16:51

Sibylle Berg hat den Beat: Im Roman "GRM – Brainfuck" reitet sie famos ungebremst ihre herzhaft-zynische Welterklärsprache

Freundliche Zukunftsvisionen hat die Belletristik derzeit nicht vorrätig. Schon gar nicht Sibylle Berg. Die deutsch-schweizerische Autorin hat sich ausgemalt, wie es werden wird, wenn es so weitergeht wie bisher.

Wenn Europa zerfällt, sich die Armutsspirale weiterdreht, wenn das Bildungssystem vor die Hunde geht und sich das Individuum irgendwann für nichts mehr außer seinem eigenen Smartphone interessiert. GRM heißt dieses Ungetüm von Roman, in dem all das beschrieben steht, ein Buch, das Töne spuckt wie ein wildes Tier. Ein höllischer Leseritt.

Berg zeichnet ein akribisch aufgefächertes Gesellschaftspanorama in einer nahen Zukunft. Sehr nahen Zukunft. Es sind bereits die 2020er-Jahre, für die die Autorin die wesentliche Kehrtwende in der Entwicklung europäischer Gesellschaften veranschlagt.

Praktisch übermorgen! Jedenfalls heißt es im Roman mehrfach "nach dem Brexit". Und diese unerhört nahe Zukunft verleiht dem Roman seine Kraft. Hier steht keine ferne Zeit beschrieben, die wir uns belustigt vom Leib halten können, keine schwindelerregende Sciencefiction, sondern eine kommende Welt, in der wir heute mit einem Bein schon fest drinstehen.

Zwei imaginäre Hälften

Schauplatz sind zwei Städte in England, die das Buch auch in zwei imaginäre Hälften teilen: das Kaff Rochdale nahe Manchester, eine Stadt mit sieben Hochhäusern und vielen zugezogenen Vorhängen; und die Großstadt London. Vier in Rochdale aufgewachsene Jugendliche, fast noch Kinder, machen sich nach dem Tod oder Verschwinden ihrer überforderten Eltern auf in die Hauptstadt, um dort Revolution zu machen.

Und um gemeinsam über die Runden zu kommen. Aber auch, um an den Widersachern ihrer Kindheit Rache zu nehmen: Menschen, von denen sie vergewaltigt wurden oder die am Tod der Eltern schuld sind.

Man muss sich das Aufwachsen in Rochdale wie den inneren Kreis der Hölle vorstellen: abwesende, alkoholkranke, arbeitslose oder rechtsradikale Eltern, Kinderpornoringe an jeder Ecke, Bildungsmangel, schlechte Ernährung, Hoffnungslosigkeit – und das alles mit umso größerer Härte, wenn man Kind indischer oder polnischer Einwanderer ist.

Manchmal sieht man Don, Hannah, Karen und Peter in einem verwahrlosten Setting aus Cormac McCarthys Postapokalypseklassiker The Road herumstreunen. Sie sind die Nachfahren eines Vernon Subutex von Virginie Despentes oder Verwandte von Figuren aus Büchern Matias Faldbakkens oder Stewart Homes.

Rhythmus des Grime

Die vier haben also allen Grund zur Flucht. In Rochdale, wo der lange Arm der EU und deren schön betitelte Schutzprogramme einfach nicht greifen, landen die Erziehungsberechtigten letztlich immer in der Psychiatrie, im Gefängnis oder auf dem Friedhof. Und wenn sie noch in ihren eigenen vier Wänden hausen, dann pflegen sie manisch ihre Hobbys: Königshaus, Fußball ("großer, starker, nicht gedemütigter Männerkörper"), Alkohol, Smartphone.

Als Leserin reitet man da auf Sibylle Bergs kolumnengeschult knackiger, herzhaft zynischer Welterklärsprache ungebremst in die Zukunft. Angetrieben von jenem Beat, der schon im Titel steckt: GRM meint die Anfang des Jahrtausends in Großbritannien entstandene Rapvariante namens Grime (wörtlich übersetzt: Dreck), mittels der die Jugendlichen in einer leerstehenden Fabrik am Londoner Stadtrand eine Revolution starten wollen.

Rhythmus geht folglich vor, ihm wird manch biedere Grammatikregel geopfert. Gliedsätze können bei Berg nämlich sehr wohl allein stehen. Ihr Vokabular befindet sich auf der Diskurshöhe unserer Zeit: "genderfluid", "Low-Performer", "Influencer-Nutten".

Ins Nichts entlassen

"Endgerät" ist Sibylle Bergs Lieblingswort, und die bis zur letzten Konsequenz weitergedachte vollumfängliche "Versmartung" unserers Lebens ist auch der inhaltliche Angelpunkt des Romans. Er wächst sich von den anfänglichen Sozialstudien der Rochdaler Kinderstuben aus zu einer heillosen Überwachungsdystopie im London der nahen Zukunft.

Der begründete Zorn einer ins Nichts entlassenen Jugend wird digital kassiert. Er verraucht in der Totalversmartung des Lebens: Die Kids hören Grime und essen Nudeln mit Tomatensoße, doch am Ende – die Klimaerwärmung tut ihr Übriges (Überschwemmungen) – siegt dann doch der praktische Reiz der abgesicherten Vollüberwachung: sich chippen lassen und Grundeinkommen beziehen. Regierungsform: online (Premier-Avatar). Gesammelt werden sogar die Nutzungsdaten von Vibratoren (Mensch, Berg!).

Untergang der Mittelschicht – das war gestern. GRM – Brainfuck ist das prophetische Wimmelbild von der Auferstehung eines neuen Durchschnittsmenschen aus den Ruinen der Politik. Die zwiespältigen Vorzüge dieses einigermaßen "sedierten" Daseins: Gewalt lohnt sich nicht mehr, Ende allen Terrors.

Bis hin zu den letzten Seiten fügt Berg dem Gesellschaftspanorama neue Figuren hinzu, im Steckbriefmodus charakterisiert durch Kategorien wie Streamingverhalten, Sexualität oder Gefährderpotenzial.

Diese additive Struktur des Figurenpersonals verschafft dem Roman eine Luftigkeit, die einhergeht mit der Freiheit, nicht alles und jeden in einen sinnhaften Handlungszusammenhang einfädeln zu müssen. Figuren fallen wie Twitter-Einträge vom Himmel. Klingt arg, ist allertollste Belletristik. (Margarete Affenzeller, ALBUM, 12.4.2019)

Sibylle Berg gastiert mit der Lesung / Performance / dem Konzert "GRM – Brainfuck" am Montag, 15. 4., um 20 Uhr im Wiener Wuk.

cover: kiwi-verlag

Sibylle Berg, "GRM – Brainfuck". 22,99 Euro / 640 Seiten, Kiwi-Verlag, 2019