Foto: APA / AFP / Alexander Grir

"Losing Earth": Die Erde ist bald Geschichte

Essay |
14. April 2019, 09:00

Es ist seltsam, dass wir uns das Ende der Welt besser vorstellen können als das Ende unserer Lebensweisen. Zu genau diesem Schluss kommt das Buch "Losing Earth" von Nathaniel Rich

Losing Earth ist eine Offenbarung. Als ich die Geschichte letzten Sommer in der New York Times las, traute ich meinen Augen nicht. Es kommt nicht oft vor, dass eine Zeitung ein kleines Buch als Sonderausgabe druckt und mit Fotos und Videos frei zugänglich im Netz hält. Während des Lesens stand mir immer wieder der Mund offen. Ich war wütend und wurde kampflustig. Ich konnte kaum glauben, was ich las. Ich wollte mehr wissen.

Fünf nach zwölf: "Es ist alles viel schlimmer als angenommen", so lautet das Fazit aus Nathaniels Richs Buch "Losing Earth".
foto: apa / afp / alexander grir

Seither habe ich Losing Earth etliche Male gelesen. Ich habe den Text auf Facebook gepostet, die Reaktionen blieben bescheiden. Ich wollte ihn übersetzen und einem Verlag anbieten, nur um von meinem Agenten zu erfahren, das Buch erscheine im April. Um es vorwegzunehmen: Losing Earth ist das Beste, was kritischer Journalismus leisten kann.

Am Beginn des Epilogs steht die Frage eines Klimaforschers der Universität Stanford an seine Studierenden, was der größte Durchbruch in der Klimaforschung seit 1979 gewesen sei. Die Studenten und Studentinnen, mit denen ich den Text in den letzten Monaten an der Universität von Bowling Green, Ohio, las, hielten an dieser Stelle inne.

In den vergangenen Sitzungen waren sie entsetzt gewesen, niedergeschlagen, wütend und kampflustig; jetzt schienen sie sich zu ärgern, vielleicht doch nicht genau genug gelesen zu haben. Die Antwort ist: Nichts hat sich seither an den Paradigmen der Klimaforschung geändert. Was sich geändert hat, sind belastbarere Daten, genauere Modelle und die trostlose Illustration dessen, was man seit Jahrzehnten weiß – oder wissen kann.

Beschleunigte Naturprozesse

Die Reportage setzt 1979 ein. Das ist das Jahr, in dem die Iranische Revolution das Antlitz der Welt veränderte, Saddam Hussein im Irak an die Macht kam, Margaret Thatcher nach der Wahl zur englischen Premierministerin den brutalen Feldzug des Neoliberalismus einläutete, aber auch das Jahr, in dem Rudi Dutschke nach einem epileptischen Anfall, Spätfolge der Schüsse auf ihn, zu Weihnachten in der Badewanne ertrank.

Nathaniel Rich hingegen erzählt die Geschichte des Umweltaktivisten Rafe Pomerance, der 1979 auf Seite 66 eines Berichts der Environmental Protection Agency über einen Satz stolpert: Die Verbrennung von Kohle werde in den nächsten Jahrzehnten ungeahnte Folgen für die Atmosphäre unseres Planeten haben. Der Umweltaktivist hatte nie davon gehört.

Wenn heute über Green New Deal, Schülerstreiks und Klimawandel, über Emissionsrechtehandel und Treibstoffsteuern gesprochen wird, halten es die meisten – so wie ich, bis ich Losing Earth las – für eine zeitgenössische Debatte, eine Folge relativ neuer Erkenntnisse. In Wirklichkeit ist es eine Frage der Medienökonomie und politischer wie sozialer Auseinandersetzungen – eine Frage von Macht, Geld und Einfluss. 1859 fand John Tyndall heraus, dass CO2 Wärme absorbiert und Veränderungen in der Atmosphäre das Erdklima verändern könnten.

1896 erklärte der spätere Nobelpreisträger Svante Arkennius, die Verbrennung von Kohle und Öl erhöhe globale Temperaturen. 1939 stellte Guy Stewart Callendar fest, dass die vergangenen fünf Jahre die heißesten seit Beginn der Aufzeichnungen gewesen seien, weil die Menschheit Naturprozesse beschleunige. 1957 sprach Roger Revelle von einem von Menschen angestellten geophysischen Experiment ungeahnten Ausmaßes mit unvorhersehbaren Konsequenzen.

1958 wurde in der Sendung The Unchained Goddess, die in den USA von Millionen gesehen wurde, mit einem in der näheren Zukunft überfluteten Miami auf die Gefahren der Verbrennung fossiler Stoffe hingewiesen.

1965 folgerte ein Bericht zum Klimawandel, New England könnte bald ohne Schnee sein, Küstenstädte könnten überschwemmt werden, Ernten einbrechen, während sich ein Viertel der Weltbevölkerung auf die Suche nach bewohn- und bewirtschaftbaren Gebieten aufmachen könnte. (Heute prognostizieren die Uno 200 Millionen Klimaflüchtlinge bis 2050. Allein die drohende Überflutung von Bangladesch könnte zehnmal mehr Menschen zur Flucht zwingen als der syrische Bürgerkrieg.)

Nichts hat sich verändert!

Es ist Nathaniel Richs Verdienst, eine mitreißende Geschichte des Klimawandels, seiner Wissenschaft und der Kämpfe um Öffentlichkeit für die Verbrechen gegen den Planeten geschrieben zu haben. Dass sich seine Reportage wie ein Krimi liest, man an manchen Stellen aufspringen und die Verantwortlichen – zumindest – am Kragen packen will, liegt in der Natur der Sache.

Rich zeigt, wie Wissenschafter in den 80er-Jahren verzweifelt versuchten, ihre alarmierenden Forschungsergebnisse den Entscheidungsträgern in Politik und Wirtschaft verständlich zu machen und sie zu Maßnahmen zu bewegen, bevor es zu spät sein würde. Und wie sie, als all das nicht fruchtete, mit Aktivisten und Bewegungen die Öffentlichkeit für sich zu gewinnen suchten. Anders als man heute denken mag, wurde die Frage des Klimawandels in den 80er-Jahren nicht entlang parteipolitischer Grenzen verhandelt.

Konservative Republikaner entdeckten den Konservatismus im Schutz der Natur. George Bush senior startete mit der Ansage, er sei Umweltschützer, in seinen Wahlkampf, und wer nichts gegen den Treibhauseffekt tun zu können meine, vergesse den Weiß-Haus-Effekt, während der demokratische Kandidat die Zukunft in der Ausweitung der Ölförderung und kohlebasierter Energiegewinnung sah. Selbst Exxon und die Kohleindustrie gingen davon aus, ihre Geschäftsmodelle in Zukunft umstellen zu müssen. Warum alles anders kam, erzählt uns Rich.

Verständlich erklärt

Der zweite Held in Losing Earth ist James Hansen, damals Direktor des Instituts für Raumforschung der Nasa. In ihm fand Pomerance einen Wissenschafter, der einem nichtwissenschaftlichen Publikum verständlich erklären konnte, wie es zum Klimawandel komme und was seine Auswirkungen seien.

Nachdem die erste Hälfte der 80er-Jahre von kleinen Fortschritten und großen Rückschritten geprägt war, weil Ronald Reagans Administration aufseiten der emissionsstarken Industrien stand, bekam die Frage des Klimawandels durch das sogenannte Ozonloch eine neue Dringlichkeit. Auch wenn das Ozonloch kein tatsächliches Loch war, war damit ein Symbol in die Öffentlichkeit gelangt, das vielen Unbehagen bereitete.

Wer nicht vom Kapitalismus sprechen will, sollte auch über den Klimawandel schweigen.
foto: picturedesk.com / afp / federico gambarini

Der Klimawandel und die veränderte Atmosphäre konnten nicht so leicht symbolisiert werden. Man konnte sie noch nicht wie einen vergifteten Fluss oder schlechte Luft wahrnehmen. Im Sommer 1988, dem heißesten seit Beginn der Messungen in den USA, sagte James Hansen vor dem Senat aus: Der Treibhauseffekt habe eingesetzt, der Klimawandel sei eingetreten. Er verkündete dies am heißesten 23. Juni, den Washington seit Beginn der Aufzeichnungen gesehen hatte. Am nächsten Tag war James Hansen auf der Titelseite der New York Times.

"Woodstock des Klimawandels"

Wenige Tage später fand in Toronto eine große Klimakonferenz statt, das "Woodstock des Klimawandels". Wissenschafter und Aktivisten aus aller Welt kamen zusammen, um eine Reduktion der Treibhausemissionen um 20 Prozent bis 2005 zu fordern.

Das gemeinsame Ziel war, die globale Erderwärmung unter 1,5 Grad zu halten – eine Erwärmung, mit der man noch zurande zu kommen meinte und meint. Wir halten heute bei 1,1 Grad seit Beginn der Industriellen Revolution.

Im Mai 1989 sagte James Hansen vor dem Kongress aus. Allerdings stellte er fest, dass es keinen wissenschaftlichen Beweis für den Zusammenhang zwischen Treibhausgasen und Klimawandel gebe; der Klimawandel könnte auch Naturprozessen unterliegen. Vom Kongress forderte er, bloß jene Maßnahmen zu ergreifen, die im Sinne der Wirtschaft seien.

Senator Al Gore fragte, warum sich Hansen auf einmal dermaßen widerspreche. Die Aktion war minutiös geplant: Hansen hatte eine abstrus revidierte Fassung seines Berichts bekommen; man hatte ihm untersagt, die ursprüngliche Fassung vorzutragen. Er hatte auf Al Gores Frage gewartet. Hansen erklärte, was in seinem Bericht stand.

Gekaufte Wissenschafter

Der Zensurversuch des Weißen Hauses sorgte für eine Welle der Empörung, die Klimafrage war in der Öffentlichkeit und schien an Dynamik zu gewinnen. Im November 1989 fand im niederländischen Noordwijk der erste internationale Gipfel zum Klimawandel statt, an dem über 80 Staaten teilnahmen.

Man ging davon aus, dass die jeweiligen Umweltminister endlich einen verbindlichen Beschluss zur Senkung der Treibhausemissionen fassten. Gemeinsam mit der Sowjetunion und Japan torpedierten die USA dieses Ziel. Es gab keinen Beschluss.

Wie es dazu kam, dass Politiker, gekaufte Wissenschafter und Lobbyisten heute den Klimawandel rundweg leugnen können, erfährt man in Losing Earth. Das Geld, das die großen Unternehmen der atmosphärezerstörenden Industrien Anfang der 80er-Jahre für die Forschung bezüglich Ursachen und Folgen des Klimawandels aufwandten, wurde seither in großem Stil in Gegenaufklärungskampagnen gesteckt.

Ein Gastkommentar gegen den Klimawandel wurde mit zweitausend Dollar entlohnt, die Wissenschaft sollte diskreditiert und als ideologisch voreingenommen gezeichnet werden. Er lasse sich in dieser Frage mit niemandem auf ideologische Diskussionen ein, sagte mir der Klimaforscher und Vorstand des Instituts für Geografie in Bowling Green, Arthur N. Samel, sondern bitte darum, ihm Zahlen und Fakten zu nennen, die der Klimaforschung widersprächen.

Unvorhersehbare Konsequenzen

Die gibt es nicht. Was es gibt, sind unterschiedliche Modelle, die aufgrund gesammelter Daten die menschengemachte Erderwärmung in die Zukunft projizieren. In einer zusammenfassenden Studie, die Patrick T. Brown und Ken Caldeira 2017 in Nature publizierten, sind deren vier.

Das günstigste und unwahrscheinlichste Modell, das im Falle eines plötzlichen radikalen Wandels der globalen Produktions- und Konsumtionsbedingungen einträte, überschreitet die Grenze von zwei Grad Erderwärmung, den "point of no return", vielleicht gerade nicht, um sich etwas über 1,5 einzupendeln, was noch immer eine drastisch erhörte globale Temperatur und unvorhersehbare Konsequenzen hätte.

Das nächstoptimistische Modell sieht die Grenze um 2040 überschritten. Das vierte Modell, das darauf basiert, dass Emissionen weiter stiegen, sieht die Grenzüberschreitung auch um 2040, allerdings mit einer steil nach oben schießenden Erwärmung.

Was geschehen wird und geschehen könnte, je nach Grad der Erwärmung, beschreibt David Wallace-Wells in seinem atemberaubenden Bericht The Uninhabitable Earth: "Wir haben die ökologischen Bedingungen, die die Evolution des menschlichen Tieres ermöglicht hat, bereits für eine unsichere und unberechenbare Wette darauf verlassen, was das menschliche Tier aushalten könne. Das Klimasystem, das uns und alles, was wir als menschliche Kultur und Zivilisation kennen, aufgezogen hat, ist jetzt, wie ein Elternteil, tot.

Und das Klimasystem, das wir in den letzten wenigen Jahren beobachtet haben, dasjenige, das den Planeten wieder und wieder ramponiert, ist nicht der Vorblick auf eine düstere Zukunft. Es wäre präziser zu sagen, dass es ein Produkt unserer jüngsten Klimavergangenheit ist, die wir bereits im Mülleimer ökologischer Nostalgie hinter uns gelassen haben."

Irrsinn unserer Zeit

Auch hier ist Donald Trump ein Symptom für den Irrsinn unserer Zeit und den katastrophischen Kapitalismus. Er vereint in sich den falschen Klassenkompromiss – gerade in der Klimafrage. Einerseits steht er mit seinen dumpfen Witzen über den Fernseher, der nicht laufe, wenn der Wind nicht blase, für die mächtigen Interessen der Gegenwart, auf deren Altar die Zukunft des Planeten und der nächsten Generationen geopfert wird; andererseits appelliert er an die Ängste und Ressentiments der vermeintlich oder real Zukurzgekommenen, denen man ihren Lebensstil, ihr kleines Glück, ihr Auto und ihre Klimaanlage wegnehmen wolle.

Dabei sind es gerade die Armen und Ärmsten, im globalen Norden und viel mehr noch im globalen Süden, die vom Klimawandel am brutalsten getroffen werden. Wallace-Wells spricht von einem Klimakastensystem, von ökologischer Apartheid. Die Reichen haben sich Gated Communitys geschaffen. Man darf davon ausgehen, dass es ihnen auch gelingen wird, sich besser gegen den Klimawandel und seine Folgen ein- und abschließen zu können als alle anderen.

Dass Emissionen radikal reduziert, die globale Energieversorgung und die globale Produktion radikal geändert werden müssen, dürfte niemandem verborgen geblieben sein. Radikal ist in diesem Fall bloß vernünftig. Dem Fetisch des Wachstums muss ebenso wie dem verheerenden Lebensstil, den Ulrich Brand und Markus Wisse "imperiale Lebensweise" nennen, abgeschworen werden.

Das sollte weder ängstlich noch selbstanklagend als vielmehr frohgemut unternommen werden. Wir stehen an einer Zeitenwende. Zukünftige Generationen werden uns für unsere heutigen Entscheidungen verantwortlich machen.

Globale Fleischproduktion

Als wir im Seminar den letzten Satz von Losing Earth gelesen hatten, blieb es eine Zeitlang still. Danach begannen die Jungen sofort darüber zu diskutieren, was man, was sie in Bowling Green, Ohio, ändern könnten. Es ging um Verkehr, Energieversorgung, um Essen und Wohnen. (Die globale Nahrungsmittelproduktion zeichnet für ein Drittel aller Emissionen verantwortlich.

Überschwemmungen, Feuer, Dürren, Nahrungsmittelknappheit und Kriege werden in Zukunft vermehrt auftreten.
foto: picturedesk.com / afp / mark ralston

Einer Schätzung zufolge muss die globale Fleisch- und Milchproduktion bis 2050 um die Hälfte gesenkt werden. Alles weist in die gegenläufige Richtung.) Die Semesteraufgabe war, eine Geschichte zu schreiben, die an jener Stelle ansetzt, in der Rafe Pomerance zu dem Schluss kommt, eine Bewegung für den Kampf gegen den Klimawandel zu brauchen – und dass jede Bewegung einen Helden brauche.

Ich hatte gehofft, die Studierenden fänden anstelle eines Helden eine soziale Bewegung, die die Geschichte wendete. Stattdessen überwogen Dystopien – verbrannte Planeten nach der großen Katastrophe. Ist es nicht seltsam, dass wir uns eher das Ende der Welt als das Ende eines Produktions- und Konsumationssystems vorstellen können, das es seit etwas mehr als hundert Jahren gibt?

Ein wie immer gearteter grüner Kapitalismus, jener Strohhalm, an den sich die Liberalen dieser Welt klammern, wird das Problem nicht lösen. Auf das Umdenken der großen Industrien zu hoffen ist pervers: Dann profitierten wiederum jene von der Transformation, die das Problem verursacht und im Zeichen des Profits wissentlich verschlimmert haben. Die Frage des Klimas und der Bewohnbarkeit des Planeten ist heute dringlicher denn je mit der sozialen Frage verbunden.

Wer sich mit der Wissenschaft vom Klimawandel befasst, die Daten liest und ihre ökologischen und sozialen Konsequenzen zu verstehen beginnt, wird eines sehen: Es ist viel schlimmer als angenommen. Die atmosphärezerstörenden Industrien müssen vergesellschaftet werden, um gemeinsam überlegen zu können, was wie und warum produziert werden soll.

Traurige Wahrheit

Ich wurde in dem Jahr geboren, in dem Rafe Pomerance über einen Satz in einem wissenschaftlichen Artikel stolperte. Ich war zehn, als die Hoffnung auf Noordwijk, wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer, niedergeschlagen wurde. In den 30 Jahren, die seither verstrichen sind, wurde mehr CO2 in die Atmosphäre gepumpt als in der gesamten Menschheitsgeschichte zuvor.

Wenn es weitergeht wie bisher, die Emissionen weiter steigen, werden die zwei Grad Erwärmung bald überschritten sein, wobei schon die aktuelle Erwärmung das Klima in einer Weise verändert hat, deren Konsequenzen zu spüren, aber noch nicht in ihrer vollen Tragweite abzusehen sind.

Wer wissen will, was auf uns und nachfolgende Generationen, die nicht gut auf uns zu sprechen sein werden, zukommen könnte, wenn sich die Erde um drei, vier, sechs oder acht Grad erwärmt, sollte The Uninhabitable Earth lesen.

Hitzetod, Überschwemmungen, Feuer, Dürren, Nahrungsmittelknappheit, Kriege – Wallace-Wells stellt uns neben den vom Klimawandel produzierten Katastrophen der jüngst vergangenen Zeit und neben den verheerenden Auswirkungen der optimistischen Schätzungen jene der realistischeren, düstersten vor. Bislang lagen die optimistischen immer daneben.

Es ist fünf nach zwölf, aber vielleicht ist es möglich, die Uhr ein wenig zurückzudrehen. Die traurige Wahrheit ist, dass die Zeiger dahinfliegen. Die Stupidität der aggressiven Nationalismen, die unheilige Allianz der Rechten und Neofaschisten mit den erdzerstörenden Industrien, während den Unterprivilegierten wie den Privilegiertesten zugleich versprochen wird, ihren Lebensstil auf Kosten anderer, noch ärmerer Menschen zu verteidigen, die Illusionen der Liberalen in einen grünen Kapitalismus, die moralischen Überlegenheitsdemonstrationen, selbst gut und annähernd richtig zu leben, machen die Aufgabe nicht leichter.

Aber sie ist hier und jetzt. Sie braucht Mut, Empörung, Kollektivität und individuelle Fußabdrucküberprüfung. Weder Nihilismus noch Zynismus, weder Verzagtheit noch Hoffen auf das große technologische Wunder, das alles wendet, wird uns retten. Wenn es eine globale Frage gibt, ist es jene nach Gerechtigkeit – für den Planeten und für das menschliche Tier, das ihn und sich an den Rand der Zerstörung gebracht hat. Wer aber vom Kapitalismus nicht reden will, sollte auch vom Klimawandel schweigen.

(Clemens Berger, ALBUM, 13.4.2019)

Nathaniel Rich, geb. 1980, lebt als Journalist und Schriftsteller in New Orleans.

cover: verlag

Nathaniel Rich, "Losing Earth". 22,70 Euro / 235 Seiten. Rowohlt-Verlag, Berlin 2019


Klima als Kulturphänomen

Man macht sich gar nicht klar genug, dass die gesamte Politik der Gegenwart auf das Problem der Klimaverleugnung fokussiert ist", schreibt Bruno Latour in seinem 2018 auf Deutsch erschienenen Essay Das terrestrische Manifest. Wird wirklich immer noch vertuscht, verdrängt, werden Informationen unterdrückt? Die aktuelle Ausgabe der Essay- und Literaturzeitschrift Wespennest fragt nach blinden Flecken der Klimadebatte und behandelt das Schwerpunktthema "Klima" jenseits des üblichen Rasters von Umwelt und Nachhaltigkeit. Klima ist (auch) ein historisches, kulturelles und ein existenzielles Phänomen.

In einer Auflistung von Sieben Todsünden des Journalismus zeigen die Autoren Maximilian Probst und Daniel Pelletier in dem Schwerpunktheft, was derzeit falsch läuft in den medialen Debatten um das Klima. "Der Klimawandel ist in Ausmaß und Auswirkungen die größte Story ever – aber im Journalismus nie zu einem beherrschenden Thema geworden, anders als der Terrorismus, die Islamfrage, der Rechtsnationalismus", schreiben die Autoren. Dass wir die Klimathematik nicht in ihrer Dringlichkeit begreifen, liege auch daran, dass sie falsch kommuniziert werde, dass Journalisten und Journalistinnen sie verkürzt als bloß naturwissenschaftliches oder ein politisch "grünes" Spezialgebiet behandeln. "Hätte man den Klimawandel nicht bloß am Rande thematisiert, wäre auch das Interesse ein anderes gewesen."

Weiters führen im Wespennest Ulrich Brand und Ilija Trojanow ein eingehendes Gespräch über den Zusammenhang von Klimapolitik und demokratischen Prozessen; die Literaturwissenschafterin Eva Horn stellt ihr Projekt einer Kulturgeschichte des Klimas vor, und der renommierte Umwelthistoriker Fredrik Albritton Jonsson zeigt am Beispiel des viktorianischen Englands, das sich bereits als "Kohlestoffgesellschaft" begriffen hat, wie man abstrakt-gigantische Größenordnungen – also auch Klimadaten – anschaulich und fühlbar machen kann. Bodo Hell beschäftigt sich mit Tornados, und es wird Hans Jürgen von der Wense vorgestellt, ein Exzentriker, der jahrzehntelang minutiöse Wetteraufzeichnungen führte. Von der Wense entwickelte eine "exzentrische Wetterfühligkeit", die die Unterscheidung zwischen Kunst und Natur sowie wissenschaftlicher und poetischer Beschreibung längst hinter sich gelassen hat.

Die Todsünde, das "Klima in der naturwissenschaftlichen Ecke schmoren zu lassen" (Probst/ Pelletier), begeht dieses Wespennest-Heft also nicht. Eher schon ist es ein Aufruf, "Klima" auch als ein Kulturphänomen ernst zu nehmen. (Mia Eidlhuber)

"Wespennest – Zeitschrift für brauchbare Texte und Bilder", Nr. 176, Themenschwerpunkt "Klima", 12 Euro, ab 6. Mai 2019 im Buchhandel

Link: wespennest.at