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So entsteht die Überzeugung: Mich haut so leicht nichts um!

15. April 2019, 09:00

Warum gehen manche selbstsicher durchs Leben, während andere alles Neue als Bedrohung sehen?

Bekanntlich ermutigt nichts mehr als ein Erfolg. Doch warum ist das so? "Weil die Erfahrung, mit Wissen, Können und Einsatzbereitschaft etwas erreicht zu haben, darin bestärkt, sich zuversichtlich an weitere berufliche Herausforderungen heranzuwagen", sagt Erich Kirchler, Vorstand des Instituts für angewandte Psychologie der Universität Wien. Die Erfahrung, Schwieriges aus eigener Kraft schaffen zu können und Erfolge nicht lediglich glücklichen Zufällen zuzuschreiben, führe zu dem, was Bandura "Selbstwirksamkeitserwartung" genannt hat.

Der kanadische Psychologe Albert Bandura, einer der führenden Psychologen seiner Zeit, entwickelte das Konzept der Selbstwirksamkeitserwartung um 1970. Es besagt: Je öfter ein Mensch die Erfahrung gemacht hat, dass er etwas selbst gemeistert hat, umso stabiler steht er im Leben. Und umso freier ist er auch von Versagens- oder Zukunftsängsten. Er ist offen für Neues und überzeugt, souverän damit umgehen zu können.

Kein Messen mit anderen

"Diese Überzeugung ist, wie Forschungen belegen, auch begründet", sagt Kirchler und verweist auf die einschlägigen wissenschaftlichen Erkenntnisse: Wer aufgrund erwiesener Leistungsfähigkeit in Selbstwirksamkeitserwartung lebt, ist erfolgreich im Job und gleichzeitig weniger gestresst. Er bewältigt kritische Lebensereignisse schneller, leidet seltener unter Angststörungen und Depressionen, hat eine hohe Schmerztoleranz und ein leistungsfähigeres Immunsystem. Außerdem hat er bessere soziale Beziehungen und fühlt sich insgesamt wohler.

Diese Menschen, sagt Kirchler, können mehr leisten. Der Grund: Sie setzen sich höhere, aber keine überhöhten oder gar utopischen Ziele. Sie messen sich stets an sich selbst, nicht an anderen. Außerdem sind sie davon überzeugt, dass sie die anvisierten Ziele auch erreichen.

Diese motivierende Kraft der Selbstwirksamkeitserwartung speist sich aus zwei Quellen, erläutert Kirchler. Kraftquelle Nummer eins ist eben die ermutigende Erfahrung, aus eigener Entschlusskraft und Anstrengung heraus leistungsfähig zu sein und sich von Gegenwinden nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Als Quelle Nummer zwei nennt er die Ausdauer und Unverdrossenheit dieser Menschen. Das Durchhaltevermögen von Personen mit Selbstwirksamkeitserwartung wächst bei der Aufgabenbewältigung und Zielverfolgung. Für die Selbstbehauptung ist das ein unschätzbares Plus.

Rückschläge gehören dazu

Kirchler lenkt den Blick auf ein weiteres Merkmal von sich als selbstwirksam begreifenden Menschen, deren zuversichtlicher Lebenseinstellung und Ausstrahlung. "Sie glauben auch an sich, weil sie erfahren haben: Zukunftssicherheit muss immer wieder aufs Neue erarbeitet werden. Probleme und Rückschläge sind ein ganz normaler Teil des ganz normalen Lebens. Erst aus der Akzeptanz dieser Tatsache heraus lassen sich direkt oder auf Umwegen die Holprigkeiten des Lebens schlussendlich meistens irgendwie in den Griff bekommen."

Das Morgen, sagt Kirchler, "begreifen sie als etwas ständig neu zu Gestaltendes, als eine nie endende Bewährungsaufgabe. Und diese innere Einstellung schlägt sich in der äußeren Anziehungskraft dieser Menschen nieder. In ihrer pragmatischen Weltsicht wirken sie erfrischend, man fühlt sich in ihrer Nähe wohl. Von ihnen geht etwas ungemein Ermutigendes aus."

Frühkindliche Erfolge als Weichensteller

Doch wo liegt der tiefere Grund dafür, dass die einen selbstsicher durchs Leben gehen, während andere all das, womit ein Leben zwangsläufig konfrontiert, als permanentes Damoklesschwert und Bedrohung empfinden? Wie entsteht die Überzeugung "Mich haut so leicht nichts um! Ich kann was!"? Was lässt eine Selbstwirksamkeitserwartung in einem Menschen heranreifen? "Wenn auch das in einem Menschen Angelegte, die genetische Ausstattung, dabei eine wichtige Rolle spielt, nicht minder wichtig sind die biografischen Einflüsse", sagt Psychologe Kirchler.

Frühkindliche Erfolge wirken als Weichensteller. Spätere ermutigende Erfahrungen bestärken weiter. Sie lassen die Überzeugung wachsen: "Ich bin in der Lage, von mir Gefordertes oder Gewolltes zu erreichen, wenn ich mich darum bemühe und mich kontinuierlich anstrenge." Diese Überzeugung verdichtet sich im Folgenden zu der prägenden Einstellung, auf die eigene Leistungsfähigkeit vertrauen zu können. Man kann dann mit den neuen Anforderungen, den selbst gestellten wie denen im Beruf, angstfrei umgehen.

Lob, aber auch Kritik

Diese frühkindlichen sowie im weiteren Lebensvollzug gemachten Erfahrungen mit sich selbst bekommen durch das "Lernen am Modell" eine zusätzliche Unterstützung. Lernen am Modell heißt, Vorbilder zu haben, die einen anregen, Mut machen und zielführende Verhaltensweisen vorleben. Diese Vorbilder bringen einem idealerweise bei, dass man nicht aufgeben sollte oder dass man mit Zielstrebigkeit viel erreichen kann. Das kann außerordentlich beflügelnd wirken.

Doch die Wirkmacht des Biografischen reicht noch weiter. So heißt ein Element, das die Selbstwirksamkeitserwartung zusätzlich fördert, "Feedback". Eine überzeugende Leistung muss auch als solche gewürdigt werden. Allerdings: Anerkennung als reine Lobhudelei misszuverstehen hilft der Selbstwirksamkeitserwartung nicht weiter. Überlegtes Anerkennen schließt keineswegs sachliche Kritik an einer grundsätzlich lobenswerten Leistung aus. Um sich weiter zu entwickeln, braucht es das Zusammenspiel von Lob und Kritik. Erst die Bereitschaft, das eine wie das andere anzunehmen, wirkt stärkend. Erst zu akzeptieren, ein "Gut" schließt – meistens jedenfalls – nicht das möglicherweise "Noch besser" aus, erweitert den Horizont wie das Können. Sich fördernder Kritik zu verschließen verschließt das Tor zum Meisterhaften.

Was erwartet mich?

Weshalb hält der Wiener Psychologieprofessor das Wissen um diese Zusammenhänge für so bedeutungsvoll? "Weil wir in einer Welt leben, die sich in allen beruflichen Belangen rasant verändert, ohne das sich bereits zuverlässig sagen lässt, wie sich diese Veränderungen in den einzelnen Berufsfeldern ganz konkret auswirken werden. Wir wissen, die Digitalisierung wird überall hineinwirken. Sie wird völlig neue berufliche Spielregeln und Spielfelder mit sich bringen. Die dadurch ausgelöste anrollende Veränderungswelle löst zwangsläufig die ganz persönliche Auseinandersetzung mit einigen Fragen aus. Etwa "Was erwartet mich?", "Worauf muss ich mich einstellen?", "Was wäre alternativ zu meiner heutigen Tätigkeit für mich denkbar?".

Konkret heißt das für Kirchler: Wenn das zentrale unternehmerische Thema unserer Zeit das betriebliche Veränderungsmanagement, die Notwendigkeit zu permanenter betrieblicher Selbsterneuerung ist, dann verweist das natürlich auch auf die Notwendigkeit, sich auch mit dem persönlichen Veränderungsmanagement zu befassen. "In der Beschäftigung mit dem persönlichen Veränderungsmanagement geht es aber erst in zweiter Linie um Chancen und Möglichkeiten, um die Frage, wohin muss ich mich, könnte ich, möchte ich mich entwickeln? Oder die Überlegung, wäre eine berufliche Alternative für mich die Selbstständigkeit als Freelancer auf der Basis eines ganz speziellen Leistungsangebots?"

Auf zu neuen Abenteuern

Bevor darüber nachgedacht wird, ist für Kirchler die eigentliche Basis dieses Nachdenkens von ausschlaggebender Bedeutung. "Ich kann das im Modus der Selbstblockade mit vor Angst schlotternden Knien machen. Bitte, das wäre durchaus verständlich, führt allerdings leider nicht aus dem Dilemma heraus."

Zweckdienlicher sei es, "das im Modus auf bewiesener Leistungsfähigkeit beruhender Selbstwirksamkeitserwartung aus dem Gedankengang heraus zu tun: 'Ich habe mir und anderen bewiesen, ich kann was! Ich habe mich nie entmutigen lassen, mich nie um etwas herumgemogelt! Also ist diese Überzeug. (Hartmut Volk, 12.4.2019)