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"Triff niemals einen Investor unter vier Augen!"

14. April 2019, 12:00

Matús Vallo ist Architekt. Doch da er mit seiner Stadt unzufrieden war, beschloss er, in die Politik zu gehen. Seit drei Monaten ist er nun Bürgermeister von Bratislava

STANDARD: Wann haben Sie Ihr letztes Haus geplant?

Vallo: Das Timing war ziemlich perfekt, denn an meinem letzten Projekt Nádvorie in Trnava, für das wir schon mit etlichen Preisen ausgezeichnet wurden, habe ich insgesamt sieben Jahre lang gearbeitet. Im Sommer 2018 war das Projekt zu Ende. Zu diesem Zeitpunkt ist der Wahlkampf in die heiße Phase gekommen.

STANDARD: Fehlt Ihnen Ihr Job als Architekt?

Vallo: Und wie! Ein Architekt ist ein Mensch, der der gebauten Welt kraft seiner Gestaltungsgabe eine Form gibt. Ich bin gerade dabei, mich damit abzufinden, dass ich als Bürgermeister nichts anderes tue. Ich gestalte die Welt. Nur sind meine Werkzeuge jetzt nicht mehr Ziegel und Beton, sondern Dialog, Stadtverfassung und politische Macht, die es sinnvoll einzusetzen gilt.

Neobürgermeister Vallo: "Bratislava ist eine großartige Stadt mit vielen Problemen."
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STANDARD: Im Büro Vallo Sadovský Architects taucht Ihr Name nach wie vor auf.

Vallo: Operativ habe ich mich bereits zurückgezogen. Nächstes Jahr wird sich dann auch der Büroname ändern. Wir arbeiten gerade am Ausstiegsszenario. Ich habe eine Träne im Auge.

STANDARD: Wie kommt man als Architekt auf die Idee, Politiker zu werden?

Vallo: Veränderungen sind etwas Schönes! Rem Koolhaas war ursprünglich Journalist und Filmemacher! In meinem Fall habe ich eines Tages erkannt, dass ich als Architekt nur bis zu einem gewissen Grad in der Lage bin, die Stadt zu planen und ihr Schönheit und Funktionalität zu verleihen. Dort, wo man die Politik und Wirtschaft berührt, stößt man an seine Grenzen. Mir persönlich haben diese Grenzen nie gefallen, denn sie haben verhindert, dass sich die Stadt Bratislava, in der ich aufgewachsen bin und die ich sehr liebe, so entfalten konnte, wie es ihr zusteht.

STANDARD: Das klingt schon fast nach Politikerjargon.

Vallo: Mag sein. Es ist die Wahrheit. Bratislava ist eine großartige Stadt mit vielen Problemen. Ich wünsche mir, dass sie eine großartige Stadt ohne viele Probleme wird. Und ich werde mir den Arsch aufreißen, damit das gelingt.

STANDARD: Im November 2018 wurden Sie mit einer deutlichen Mehrheit zum neuen Bürgermeister von Bratislava gewählt. Wie ist Ihnen das gelungen?

Vallo: Als der Wahlkampf ein Jahr zuvor anfing, war ich in Bratislava außerhalb der Architekturszene kaum bekannt. Ich hatte einen Bekanntheitsgrad von nicht einmal acht Prozent. Ich wusste: Damit würde ich nichts reißen. Also habe ich beschlossen, Plán Bratislava zu schreiben, darin meine Visionen für diese Stadt zu schildern und das Buch in der Bevölkerung bekannt zu machen. Am Ende habe ich 36,5 Prozent der Wählerstimmen bekommen. Plán Bratislava war, wenn Sie so wollen, mein Werkzeug zum Erfolg.

STANDARD: Das ist das Wie. Was ist das Was?

Vallo: Bratislava hat viel zu wenige Gemeindewohnungen, nämlich gerade einmal 900 Wohneinheiten. Damit beträgt die Wartezeit auf eine kommunal geförderte Wohnung sieben bis acht Jahre. Das ist zum Schämen. Hinzu kommt, dass Bratislava eine Stadt ist, die als unsicher empfunden wird und die in vielen Teilen in der Tat eine hohe Kriminalität aufweist. Einige besonders traurige Vorfälle haben in den letzten Jahren Schlagzeilen gemacht. Und nicht zuletzt lässt der öffentliche Nahverkehr zu wünschen übrig. Die Busse sind alt und dreckig, sie fahren zu selten und zu unregelmäßig, und es gibt keinen digitalen Echtzeitfahrplan. Mein Was beinhaltet im Wesentlichen die Optimierung dieser drei Bereiche.

STANDARD: Das klingt nach viel Geld.

Vallo: Es wird nicht von heute auf morgen gehen. Wir werden das Geld gezielt und intelligent einsetzen müssen. Beim Wohnbau werden wir Partnerschaften mit privaten Wohnbauträgern eingehen müssen. Und was den öffentlichen Verkehr betrifft: Wir wollen Park-and-ride-Anlagen errichten und eigene Busspuren schaffen, sodass die Busse an den Staus ungehindert vorbeifahren können.

STANDARD: Welche Rolle spielt der Fußgänger- und Radverkehr?

Vallo: Danke für diese Frage! Die Gehsteige sind ein Trauerspiel und gehören dringend renoviert. Und das Radwegnetz ist viel zu dünn. In den nächsten vier Jahren wollen wir daher rund 40 Kilometer Radwege bauen. Aber wissen Sie, was das größte Problem ist?

STANDARD: Was denn?

Vallo: Haben Sie auf dem Weg ins Rathaus alte Leute gesehen?

STANDARD: Wenige. Es gibt vor allem junge Leute auf der Straße.

Vallo: So ist es! Das Durchschnittsalter in Bratislava liegt bei 39 Jahren. Das ist nur minimal geringer als beispielsweise in Wien. Aber dennoch sind die alten Menschen in Bratislava kaum im Straßenbild präsent. Und wissen Sie, woran das liegt? An den fehlenden Parkbänken! Es gibt in Bratislava viel zu wenige Sitzgelegenheiten. Ein alter Mann, eine alte Frau braucht alle 300 Meter eine Möglichkeit, sich hinzusetzen und sich auszuruhen, ohne dabei gleich ein Cola bestellen zu müssen. Aus Untersuchungen wissen wir, dass viele alte Menschen aus diesem Grund nur selten ihre Wohnung verlassen.

STANDARD: Was werden Sie tun?

Vallo: In meiner Amtszeit werde ich 10.000 Bäume pflanzen und rund 1000 Parkbänke errichten. Wir werden demnächst einen Ideenwettbewerb starten und das Copyright des Siegerentwurfs ankaufen, sodass wir das Modell beliebig oft zur Ausführung in Auftrag geben können.

STANDARD: Angenommen, der Bürgermeister Matús Vallo könnte dem Architekten Matús Vallo einen Direktauftrag geben: Was für ein Projekt müsste das sein?

Vallo: Ein neues Kulturzentrum. Und tausende leistbare Wohnungen für all jene, die heute Wohnungsnot erleben. Aber das wird es nicht spielen, denn ich bevorzuge die Transparenz.

STANDARD: Das heißt?

Vallo: Mein Motto lautet: Triff niemals einen Investor oder einen Immobilienentwickler unter vier Augen! Sondern immer in einer größeren Gruppe mit Zeugen. Außerdem haben wir auf der Rathaus-Website eine eigene Rubrik eingerichtet, in der wir die Inhalte und Resultate jedes einzelnen Investorengesprächs protokollieren und öffentlich zugänglich machen.

STANDARD: Davon höre ich zum ersten Mal.

Vallo: Das ist das, was ich unter Politik verstehe. Ich hoffe aus ganzem Herzen, dass ich mir diese Offenheit und Freigeistigkeit bewahren kann und nicht nach ein paar Jahren zu einem Durchschnittspolitiker verkomme. Ich will den Menschen in Bratislava auch nach vier Jahren noch tief in die Augen schauen können.

STANDARD: In Wien sprechen die Politiker seit Jahren von der Twin-City Wien und Bratislava. Was halten Sie von diesem Konzept?

Vallo: Bullshit. Das ist ein rein politisches Gedankenkonstrukt. Seit 2006 gibt es den Twin-City-Liner, und das ist eine tolle Verkehrsverbindung auf der Donau. Doch abgesehen davon sind diese 45 bis 60 Kilometer dazwischen so trennend, wie sie nur trennend sein können. Ja, ich würde mir eine Twin-City wünschen. Aber das geht nicht, indem man einfach nur behauptet, dass es so ist. Das bedarf einer intensiven kulturellen, politischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Zusammenarbeit. Das ist Zukunftsmusik.

STANDARD: Ein Architekt wird Bürgermeister. Und erst kürzlich wurde die liberale Juristin und Umweltaktivistin Zuzana Caputová zur neuen Staatspräsidentin gewählt. Ist das ein neuer politischer Wind in der Slowakei?

Vallo: Wir sind leise Vorboten. Ob in diesem Land wirklich ein neuer Wind weht? Bei den Parlamentswahlen 2020 wird sich die Wahrheit über die Slowakei zeigen.

STANDARD: Haben Sie einen persönlichen, egoistischen Wunsch für die Zukunft?

Vallo: Derzeit arbeite ich 18 Stunden pro Tag. Ich wünsche mir, dass mir auch in Zukunft noch etwas Freizeit bleibt, um mit meiner Band Para auf Tour zu gehen. Denn ich bin nicht nur Architekt und Bürgermeister, sondern auch leidenschaftlicher Gitarrist. (Wojciech Czaja, 14.4.2019)

Matús Vallo (41) ist Architekt und Stadtaktivist. Bis 2018 war er Partner bei Vallo Sadovský Architects. Zuletzt erschien sein Buch "Plán Bratislava". Im November 2018 wurde er mit 36,5 Prozent zum neuen Bürgermeister von Bratislava gewählt. Er ist seit rund drei Monaten im Amt.

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