Foto: Getty Images/iStockphoto

Was beim Marathon Leben retten könnte

13. April 2019, 17:00

Eine verpflichtende sportmedizinische Untersuchung könnte Todesfälle verhindern, sagen Experten

Immer wieder werden große Laufveranstaltungen von tragischen Todesfällen überschattet. Zuletzt der Wien-Marathon vor einer Woche: Ein 68-Jähriger brach während des Rennens zusammen und verstarb später. Auch beim Wachau-Marathon starben 2015 zwei Teilnehmer.

"Diese Todesfälle könnte man vermeiden", sagt der Sportmediziner Peter Schober – wenn Teilnehmer dazu verpflichtet wären, sich vor dem Startschuss untersuchen zu lassen. So wie in Italien: Wer die Startnummer abholt, muss seit 1980 einen Nachweis für seine Gesundheit mitbringen. "Das hat die Todesrate bei Laufbewerben in Italien um fast 90 Prozent gesenkt", sagt Schober.

Plötzlicher Herztod

Häufige Todesursache: der plötzliche Herztod. Bei unter 35-Jährigen sind meist angeborene Herzfehler oder nicht auskurierte Herzmuskelentzündungen die Ursachen. Bei Älteren oft eine koronare Herzkrankheit: Bei hoher Belastung kann sich ein Plaque, eine Verkalkung am Herzkranzgefäß, lösen und das Gefäß verstopfen. Die Folge ist ein Herzinfarkt.

Daran sterben aber nicht nur Läufer. Immer wieder gibt es abseits der öffentlichen Wahrnehmung auch in anderen Sportarten Tote, etwa am Fußballfeld. Josef Niebauer, Vorstand des Salzburger Universitätsinstituts für präventive und rehabilitative Sportmedizin, fehlt nicht nur im Hobbysport das Risikobewusstsein, sondern auch im Leistungssport: Die Regeln für eine Untersuchung seien selbst bei Profis von Verband zu Verband unterschiedlich.

Die Folge ist klar: "Menschen sind bei Wettkämpfen im Blindflug unterwegs", sagt der Sportmediziner. "Sie legen sich aber mit einem übermächtigen Gegner an."

Noch kurz durchchecken

Der Wiener Sportmediziner Robert Fritz ist seit zehn Jahren mit einem Team der Sportordination vor dem Wien-Marathon bei der Startnummernabholung vor Ort. Hier können sich Athleten noch einmal durchchecken lassen. Wegen möglicher Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Infekte wurden heuer 20 Menschen herausgefischt, erzählt Fritz: Ihnen wurde vom Start dringend abgeraten.

Dankbar sind nicht alle: "Es gibt nicht wenige, die sagen: Ich renne eh nur die Staffel." Man appelliere an den gesunden Menschenverstand. Überprüfen, ob die Person am Ende tatsächlich gelaufen ist oder nicht, könne man nicht.

Falscher Ehrgeiz

Die Untersuchung, die viele Mediziner sich vor einem Marathonstart wünschen, besteht aus einem Anamnesegespräch, bei dem Risikofaktoren abgeklärt werden, einer Untersuchung und einem Ruhe-EKG. Dieses EKG würde laut Niebauer in bis zu 60 Prozent der Fälle Hinweise auf eine Erkrankung geben. Bei älteren Menschen findet er zusätzlich ein Belastungs-EKG sinnvoll.

Wer sich nicht untersuchen lässt, weiß von Herzproblemen bis zum Marathontag unter Umständen gar nichts. Im Alltag fordert man sich weniger. "Je höher der Puls steigt, umso gefährlicher wird es für das Herz", sagt Schober. "Und dann kommt in vielen Fällen der Ehrgeiz dazu."

Er glaubt: "Frauen sind oft vernünftiger." 90 Prozent der Todesopfer sind Männer. Sie erkranken früher als Frauen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen und sind "prinzipiell Vorsorgemuffel". Gepaart mit zu wenig Training wird das zur tödlichen Kombination: "Man fordert unter Umständen etwas von seinem Körper, was man in diesem Umfang und in dieser Intensität nie geübt hat", sagt Niebauer.

Lauf abbrechen

Zu Symptomen für einen nahenden Herzinfarkt zählen ein Druckgefühl im Brustkorb, das in Hals oder Arme ausstrahlt, sowie Schwindel und das Gefühl eines "Stolperns" des Herzens. In einem solchen Fall heißt es: Lauf sofort abbrechen und zum Arzt.

Um vorab auf Nummer sicher zu gehen, rät Schober dazu, sich einmal im Jahr untersuchen zu lassen. Der Internist Günther Neumayr, wie Schober Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention, ist zuversichtlich, dass auch in Österreich eine verpflichtende Sporttauglichkeitsuntersuchung kommt.

Das Sportministerium bestätigt, dass derzeit an einer Lösung gearbeitet wird. Ziel sei, diese 2019/2020 zu implementieren, "abhängig von budgetären Mitteln und rechtlichen Vorgaben".

Marathon nach Herzinfarkt

Auch wenn ein Tod beim Marathon tragisch ist: Gesunde Menschen, die sich vorbereiten, müssen sich davor nicht fürchten. "Ich rate nicht vom Marathon, sondern vom Marathon im Blindflug ab", sagt Sportmediziner Niebauer.

Und auch wenn das Herz nicht ganz gesund ist, könnte die Königsdisziplin möglich sein: "Beim Marathon stehen Herztransplantierte, Menschen nach Herzinfarkt, nach Bypass-OPs und mit Klappenersatz am Start", so Niebauer. "Das ist kein Problem, wenn die Leute gut untersucht und medizinisch adäquat begleitet werden." (Franziska Zoidl, 13.4.2019)