Foto: Courtesy Marko Zink/ Galerie Michaela Stock

Marko Zink nähert sich fotografisch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen

13. April 2019, 17:00

Aus ungewöhnlichen Perspektiven versucht die Schau, mit der Kamera das Unvorstellbare zu verstehen

Der Blick schweift die hohen Steinmauern hinauf, den Stacheldraht entlang, über den Appellplatz bis zu dem mächtigen Eingangstor. Für so viele Menschen war es das Tor zu Hölle, für nur wenige im Frühling 1945 das Tor zur Freiheit. Jeder Besuch in der KZ-Gedenkstätte Mauthausen ist stets auch ein verzweifelter Versuch, sich dem Unvorstellbaren anzunähern.

Künstlerische Hilfestellung dabei bietet aktuell der in Wien lebende Vorarlberger Fotokünstler Marko Zink. M 48° 15' 24.13'' N, 14° 30' 6.31'' E, die geografischen Koordinaten des Ortes des Grauens, nennt der 43-Jährige seine Ausstellung, die aktuell auf dem Gelände der KZ Gedenkstätte im ehemaligen Reviergebäude gezeigt wird.

Zink hat die analoge Fotografie als Kunstform gewählt. Fotografiert wurden ausgewählte Orte in und außerhalb des ehemaligen Konzentrationslagers, etwa die Lagerstraße, der ehemalige Sportplatz oder die Marbacher Linde, unter der tausende Leichen verscharrt wurden. Die Filme wurden allesamt vor der Belichtung bearbeitet – Zink kocht oder stanzt sie, behandelt sie mit Chlor oder Tintentod.

Das Ergebnis sind Aufnahmen, die auf den ersten Blick wie historische Bilder wirken. Heimliche Schnappschüsse – von der Sonne gebleicht, über die Jahre scheinbar zerstört. Und doch mit einer nicht auszulöschenden Botschaft. Eine Kunst wider das Vergessen.

Augen der Häftlinge

Präsentiert werden die Fotos in unterschiedlichen Ausarbeitungen, etwa als Panoramaaufnahmen, als Lamellenbilder, auf denen die Perspektiven sprunghaft wechseln, aber auch als konzeptionelle Weiterverarbeitungen. So zeigt Zink einen Raum, in dem 500 Häftlinge untergebracht waren, in einem Raster aus 500 Einzelaufnahmen mit jeweils leicht verschobener Perspektive – symbolhaft für 500 Augenpaare, die hier einst durch das Fenster sahen.

Eine vierteilige Fotoserie erinnert in der Struktur an Piet Mondrians Gitterbilder. Sie zeigt Rohrleitungen der Gaskammer. Unfassbares Detail dabei: Die nicht mehr vorhandenen Duschköpfe wurden nicht von den Nazis demontiert, sondern in den 90er-Jahren gestohlen. "Wie krank muss man sein, dass man so etwas tut", zeigt sich der Künstler im Standard-Gespräch fassungslos.

Erinnerungen Gewicht geben

Für die Realisierung des Projekts habe es letztlich zwei Antriebe gegeben: "Einerseits das, was momentan in unserer Gesellschaft passiert. Andererseits weil die Zeitzeugen immer mehr wegfallen. Wenn Erinnerungen verschwinden, verlieren sie Gewicht. Diese Gewichtung wollte ich zurückgeben."

Bedrückend ist mitunter, dass Zink den Betrachter auch in die "Täterposition" bringt – etwa in dem er ganz bewusst Aufnahmen von den ehemaligen Wachtürmen aus gemacht hat. Auswirkungen hatte das Projekt aber auf Zink selbst: "Wenn du dich so intensiv mit diesem Thema beschäftigst, du in der Nacht aufwachst, und rund um dich sind nur Bücher und Infomaterial über Mauthausen, dann löst das in dir etwas aus. Es hat mich verändert." (Markus Rohrhofer, 13.4.2019)