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Warum sich Mühlviertler Ökotischler keinen Deppen hobeln wollen

14. April 2019, 17:40

Eine kleine Mühlviertler Tischlerei bindet ihre Kunden in die Metamorphose vom Stamm zum Kastl ein. Über hölzerne Liebe und Handwerker-Yoga

Ruhe verbindet man nicht zwingend mit einem Tischlereibetrieb. Doch es ist nicht die Kreissäge, die an diesem sonnigen Morgen die Gehörgänge der Besucher des historischen Vierkanters malträtiert.

Vielmehr blubbert die Espressokanne auf dem Tischherd. Gerald Bauer greift zum Honigglas: "Natürlich selbstgemacht. Und wer einmal einen Kaffee mit Honig getrunken hat, greift keinen Zucker mehr an." Auf dem braunen Shirt des Schwertbergers steht in großen Buchstaben "Visionär". Und tatsächlich hat der Mühlviertler vor 13 Jahren Weitsicht bewiesen. Oder besser: Der Bauer hat seinen Hof gefunden.

Schwerer als ein Pressspahnkasterl
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Streng genommen hat der Zufall regiert. Der umgebaute Schweinestall des Bauernhofes in der kleinen oberösterreichischen Gemeinde wird frei, nachdem der bislang eingemietete Restaurator mit der Pension liebäugelt. Bauer und sein Freund Arnold Berger sind eigentlich auf der Suche nach einer Möglichkeit, ihre Shiatsu- und Feng-Shui-Fähigkeiten in die Praxis umsetzen zu können.

Holzverarbeitung mit Tiefgang

Doch in den altehrwürdigen Räumlichkeiten besinnen sich die beiden vergangener Tischlerlehrjahre – und beschließen, künftig beruflich auf Holzverarbeitung mit Tiefgang zu setzen. 2006 wird die "Sensus Mensch & Raum Tischlerei" gegründet. Und von Anbeginn ist viel Gefühl im Spiel: "Wir haben nicht zuerst einen Businessplan entworfen, sondern die Räume entsprechend bunt ausgemalt. Wichtig war, dass wir uns wohlfühlen."

Klar ist aber für die beiden Handwerker von Anbeginn an, dass man sich keinen Deppen hobeln will, sondern es stets das Ziel sein muss, die ursprüngliche Handwerkskunst hochzuhalten. "Wir wollten einen klaren Gegentrend zu den Pappkartonmöbeln setzen. Einfach der faden Massenware individuelle Einzelstücke entgegensetzen", erläutert Berger im STANDARD-Gespräch. Gefertigt wird heute in dem Zwei-Mann-Betrieb alles, was das bewusste Kundenherz begehrt – spezialisiert hat man sich aber auf Vollholzbetten. "Alle Möbel und Betten sind Unikate. Ohne Metall, und nur aus heimischen Hölzern", erklärt Bauer.

Individuelles Holzhandwerk als Gegentrend zu "Pappkartonmöbeln"
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Doch der eigentliche Unterschied zu anderen Holzveredlern ist die starke Kundenbindung. Nicht selten ereilt die beiden Tischler ein Anruf eines Grundbesitzers, der kurz vor dem Telefonat noch ein kräftiges "Baum fällt" von sich gab. Wer nämlich seinen eigenen Baum zu Fall gebracht hat und demnach über ordentlich Holz vor der Hütte verfügt, kann es sich in dem Schwertberger Fachbetrieb zu einer Edelschlafstätte zimmern lassen.

Bewusstseinstischler

"Unsere Möbel sind echte Gemeinschaftsprojekte. Kunden liefern mitunter das Holz, planen mit, besuchen uns in der Werkstatt. Und da wir ein so kleiner Betrieb sind, können wir ganz individuell auf die Menschen eingehen", so Berger. Diese enge Bindung nimmt auch jegliche Angst vor der Billigkonkurrenz aus der Inbusschlüsselecke. Bauer: "Zu uns kommen Menschen, die Räume nicht nur mit Möbeln befüllen wollen. Wir tischlern ein Bewusstsein – und setzen auf Nachhaltigkeit und Natürlichkeit."

Auf Holz gebettet
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An eine personelle Aufstockung denkt man in der hölzernen Sinneswelt aber nicht. Bauer: "Es ist gut so, wie es ist. Ich würde sofort aufhören, wenn das plötzlich so ein Riesending werden würde."

Und sollte es doch einmal richtig stressig zwischen den Spänen werden, hat man beim Mühlviertler Ökotischler nicht weit zum nächsten Entspannungsort. Denn bearbeitet wird am Bauernhof nicht nur das Holz: Arnold Berger hat hier auch seine Shiatsu-Praxis untergebracht. Und im kleinen Schauraum der Tischlerei finden in der arbeitsfreien Zeit Yoga-Kurse statt.

In dem Schwertberger Betrieb werden eben Einzelstücke in Form gebracht. Ob auf der Hobelbank oder auf der Yoga-Matte. (13.4.2019)