illustration: felix grütsch

Neue alte Rechte

Kommentar der anderen |
14. April 2019, 12:00

Die jungen Rechten sind die Ideengeber für die alten Rechten, sie sind die Denkfabrik der alten Herren der Freiheitlichen Partei. Ihr Konzept von Heimat und Patriotismus beherbergt ein totalitaristisches Moment

Es sei höchste Zeit, Heimat neu zu denken, fordert Elsbeth Wallnöfer in ihrem aktuellen Buch "Heimat". Und zwar als etwas Offenes, Individuelles und Nichtexklusives. Im Gastkommentar widmet sich die Volkskundlerin und Philosophin der rechten Boboflanke.

illustration: felix grütsch

Heimat – die politische Idee

Heimat ist eine große Erzählung. Sie ist ein Teil des Gründungsmythos der deutschen und österreichischen Nation. Als politische Idee zeichnet die deutsche Heimat aus, dass sie zunächst als Mittel einer radikalen Abgrenzung zu Frankreich und England hin diente, um letztlich als Instrumentarium politischer Gewalt in Erscheinung von Antisemitismus und Rassismus im Holocaust zu enden. Obwohl die Geschichte von Heimat zahlreiche kulturelle Facetten zeitigte, überlebte ihre antimodernistische politische Seite. Sie erleidet derzeit eine Renaissance, die das Fundament für einen geänderten Heimatbegriff, den sogenannten Ethnopluralismus, bildet.

Heimatschützer zu sein ist die große Aufgabe der neuen Rechten. Sowohl neuer als auch alter Rechten ist es unverändert ein Anliegen, die Heimat in einem nationalpatriotischen Sinne zu postulieren. Die einen nennen sich Heimatpartei, die anderen bieten eine Mitgliedschaft als Heimatschützer an (silbern und golden chargiert), um diese besondere Liebe zu verbriefen.

Globale Ideengleichheit

Die Jüngsten der neuen Rechten zeichnet aus, dass sie ihre Bewegung als Interessengemeinschaft mittels einer auffallend eklektizistischen Auswahl philosophischer Überlegungen unterfüttern. Sie nutzen Teile von Ideen oder in toto Begriffe, um sich ein eigenes Weltensystem aufzubauen. Selbiges multiplizieren sie, indem sie unermüdlich Bücher schreiben, Zeitschriften herausgeben, Summerschools ausrichten, über die Landesgrenzen hinaus mit Gesinnungsgleichen parlieren. Ganz wie in den 1930er-Jahren, als Alfred Rosenberg mit seinem Mythus des 20. Jahrhunderts eine obskure Bibel für die deutschen Nazis, die jeder im Hause hatte, dem mentalen Zusammenhalt der Nazi-Deutschen diente, produzieren die Neuen mit ihren zahlreichen Büchern und Zeitschriften ein geschlossenes Weltbild, das sie alle – und mit alle sind die Brüder im Geiste in aller Welt gemeint – eint und nährt. Dieser Internationalismus der Schriften und Pamphlete – von Norwegen bis Sizilien, von Russland bis Frankreich und Übersee – trägt zur globalen Ideengleichheit bei. Der internationale Ideenmarkt ist der große, alles verbindende gemeinsame Nenner und das Kapital der neuen Rechten.

In ebendiesem Weltenkonzept ist die zentrale Idee von Heimat der Ethnopluralismus. Anders als die Idee der Nation (der die demokratischen Kräfte unter uns so langsam etwas abgewinnen können), unter deren Dach Freiheit und Gleichheit für jedes Individuum gleichermaßen gelten, lässt sich die Idee des Ethnopluralismus vom lästigen demokratischen Impetus, gleiches Recht für alle, befreien. Der Vorschlag zur ungleichen Bezahlung von Flüchtlingen ist das Resultat der Anwendung von Ethnopluralismus.

Supranationale Fraternisierung

Der Ethnopluralismus ist in gewissem Sinne zeitgemäßer, als es der alte Heimatbegriff war, denn es gilt jeweils als erstes Prinzip die ethnische Reinheit jeder einzelnen Nation. Das alte Postulat, nur die Deutschen hätten Heimat, fällt somit beiseite. Gleichzeitig sehen die Vertreter des Ethnopopulismus von einem geopolitischen Expansionsdrang im Sinne einer territorialen Raumerweiterung ab. Dies schafft die nötige Ruhe für eine supranationale Fraternisierung. Nicht die Genesung der Welt durch das deutsche Wesen ist die treibende Kraft zum Erhalt der Heimat, sondern ein gemeinsamer, ethnisch grundierter, weltumspannender Sophismus.

Die neuen Rechten weisen den Vorwurf von Rassismus in ihrem Heimatkonzept von sich, da sie jede "Rasse" gleichwertig in ihrem angestammten Territorium sehen. Daraus folgern sie, sie hätten nichts gegen Rassen. Es gelte eben nur "Österreich den Österreichern, Türkei den Türken, Italien den Italienern, Frankreich den Franzosen" und so weiter. Dieses tribalistische Staatskonzept, euphemistisch Ethnopluralismus genannt, erklärt nicht, was mit jenen geschehen soll, die sich bereits auf "fremdem" Territorium befinden.

Ideengeber und Denkfabrik

Mit der Bewegung der Identitären hielt der Ethnopluralismus als selbstverständliche Voraussetzung von Heimat Einzug hierzulande. Dies hatte zur Folge, dass sich der Heimatbegriff bei den Freiheitlichen dahingehend entwickelte, die eigenen nicht-deutschblütigen Volksgruppen unerwartet ins Selbstverständnis aufzunehmen: "Wir bekennen uns zu unserm Heimatland Österreich als Teil der deutschen Sprach- und Kulturgemeinschaft, zu unseren heimischen Volksgruppen sowie zu einem Europa der freien Völker und Vaterländer." Die Entwicklung des politischen Heimatbegriffes, und mit ihm dessen Anwendung, hat sich auf diesem Wege selbst überwunden. Zu einem Zeitpunkt, wo man annahm, er könne nur mehr in altbewährter Manier weiterverwendet, aber nicht weiterentwickelt werden. Das Verdienst der Identitären Bewegung ist es, auf diesem Wege auch den Rassismusbegriff gleich mit nobilitiert zu haben. Die jungen Rechten dieser Bewegung sind die Ideengeber für die alten Rechten, sie sind die Denkfabrik der alten Herren der Freiheitlichen Partei. Sie sind die Boboflanke innerhalb der etwas altbacken wirkenden und Bierkrüge stemmenden FPÖ.

Ihre bevorzugte Eigenheit, schöngeistig zu parlieren und schwadronieren, dabei auf ein eklektisches Sammelsurium von Kulturphilosophien und Staatstheorien zurückzugreifen, ist Ergebnis der Bildungsoffensive der letzten Jahre. Sie sind das Produkt einer Wohlstandsgesellschaft, die der alten Rechten dazu verhilft, ihre unzeitgemäße Intellektuellenfeindlichkeit zu überwinden.

Fehler im Konzept

Der erneuerte Heimatbegriff ist das markanteste Beispiel dafür. Die bourgeoisen Bohemiens bekennen sich zur Heimatliebe, jetten durch die Welt, parlieren in mehreren Sprachen. Ihre Erfindung eines neuen Heimatbegriffes, ihr neugestaltiger Patriotismus unterliegt dennoch einem Fehler: Kultur und Ethnie, Ethnie und Nation, Kultur und Nation als deckungsgleich anzusehen. Denn dieses Konzept beherbergt ein totalitaristisches Moment. Es ist dort repressiv, wo Einschlusskriterien nicht akzeptiert werden beziehungsweise dazu führen, andere aus ethnischen Gründen auszugrenzen. So ähnlich war das in der Vergangenheit, und so gilt es auch für die Gegenwart. Nichts Neues in der Heimat also. (Elsbeth Wallnöfer, 14.4.2019)

Elsbeth Wallnöfer (Jahrgang 1963) ist Volkskundlerin und Philosophin. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit dem Thema Heimat und forscht zum Phänomen der Tracht. Zahlreiche Veröffentlichungen, zuletzt erschien "Heimat – Ein Vorschlag zur Güte" (Verlag Haymon).

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