Foto: Monika Rittershaus

Claus Guth inszeniert "Orlando" als Reise durch ein Soldatenhirn

15. April 2019, 18:56

Händels Oper ist als Wahn eines Veteranen eine dichte szenische Variation über den Kampf zwischen Affekt und Vernunft

Wer recherchierend in die Musikgeschichte abtaucht, findet in Opern reichlich skurriles Heldentum. In kunstvoll gespreizter Sprache setzt es sich galant mit Lebens- und Liebesproblemen auseinander. Unser Krieger Orlando etwa, dem Georg Friedrich Händel ein kunstvoll melancholisches Opus geschenkt hat, verguckt sich in Angelica, die jedoch ihre ganze Energie daran setzt, dem Helden effektvoll auszuweichen.

Der Grund ist einfach: Hoffnungslos ist sie Medoro zugetan, den wiederum Dorinda sehr gerne bei sich beherbergen würde. Auch dieser Zuneigung ist allerdings kein horizontales Glück beschieden. Medoro will nur Angelica, was eine Menge an Beziehungsdynamit ergibt. Im ausbrechenden Gefühlswirrwarr unterbindet aber Zauberer Zoroastro gefährliche Explosionen: Das Wüten des halluzinierenden Orlando bändigen übersinnliche Kräfte.

Sie sollen der Vernunft zum Sieg verhelfen und der Gesellschaft einen Kompromiss bescheren, der friedliche Koexistenz durch Triebverzicht ermöglicht. "Jeder mit jedem" war als Bühnenlösung zu Händels Zeit ja nicht wirklich opportun.

Ernüchterte Gegenwart

Regisseur Claus Guth entführt die Geschichte im Theater an der Wien dankenswerterweise in die ernüchterte Gegenwart entzauberten Heldentums. Da ist ein vom Krieg traumatisierter Soldat, der in einer abgewrackten Wohnung mit dem Maschinengewehr alles bedroht, was sich bewegt. Gerne auch den stummen Kumpel, der durch die Szenen wankt.

Guth stellt den ramponierten Orlando quasi in eine Art Martin-Scorsese-Taxidriver-Atmosphäre, welche ein Hauch von Così fan tutte-Flair durchbricht. Immerhin sind die vier Figuren emotionalen Schwankungen ausgesetzt und fast am Sprung, Partner zu wechseln.

Dazu würde Zauberer Zoroastro als Beziehungsmanipulator in der Art eines Don Alfonsos passen. Guth hat allerdings Vieldeutiges mit der Figur vor. Einmal düsterer Bürokrat, wird Zoroastro andernorts zum versoffenen Penner, der seine Arien mitunter, den Promillespiegel entsprechend, grölt. Absurdes Musiktheater kippt dann in virtuos-derbe Situationskomik. Florian Boesch gibt effektvoll rülpsend eine beschwipst enthemmte Seele.

Dem Computer verfallen

Solch Komik ist nur ein flüchtiger Lichtstrahl im Wohnblock der Düsternis. Orlando (sicher und geläufig im Koloraturbereich: Christophe Dumaux) überfallen Kriegsbilder; er ist auch dem martialischen Computerspiel verfallen. Kriegsbemalt sucht er die Dame seines Herzens, um sie zu foltern. Schließlich übergießt er sich selbst mit Benzin und ersehnt den Untergang. Zu Massenerschießung und Selbstverbrennung kommt es jedoch nicht, auch wenn alle auf engstem Raum einander ausgeliefert sind: Also Angelica (intensiv, aber etwas schwankend in der Intonation: Anna Prohaska), Dorinda (kantabel und leichtfüßig: Giulia Semenzato) und Medoro (makellos im lyrischen Bereich: Raffaele Pe).

Auf ein klares Happy End wird denn auch verzichtet. Zwischen Busstation und Imbissbude (Bühne: Christian Schmidt) werden Orlandos innere Wahnbilder szenische Wirklichkeit inklusive Verdopplung von Figuren und Ausflügen in die Geisterwelt. Manches gerät tatsächlich plakativ, und das Pendeln zwischen Klamauk und Tragödie wirkt mitunter inkonsequent.

Guth ist aber überwiegend ein präziser Gestalter, die opulenten Arienmomente mit ihren Wiederholungen nützt er zur Vertiefung der Charaktere und zur Ausdifferenzierung der Beziehungen.

Die Seelenabgründe, die sich auftun, werden markant vom prachtvollen Klang des Giardino Armonico unter Giovanni Antonini veredelt. Da herrschen rhetorische Prägnanz wie auch Noblesse. Über allen Schönklang hinaus werden die Strukturen präzise ausgestaltet. (Ljubisa Tosic, 16.4.2019)

16., 18., 24., 26., 28. April

Theater an der Wien